Inhalt
Tobias Lehmkuhl befasst sich in seiner Biografie Der doppelte Erich. Kästner im Dritten Reich (2023) mit dem deutschen Schriftsteller und Journalisten Erich Kästner (1899–1974), der als einer der wenigen politisch Verfolgten das Verbleiben in Deutschland zwischen 1933 und 1945 nahezu unbeschadet überstand. Er wurde zwar aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, mit Publikationsverbot in Deutschland belegt und seine Bücher wurden verbrannt, schreiben durfte er jedoch weiterhin und im Ausland veröffentlichen. In insgesamt 14 Kapiteln beschreibt Lehmkuhl in chronologischer Reihenfolge, unter welchen Voraussetzungen die NS-Zeit für Kästner begann und welche Gründe zu seinem Verbleib in Deutschland geführt haben könnten. Er geht detailliert auf Kästners Versuche, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden, ein, auf die Pseudonyme, unter denen Kästner weiterhin veröffentlichte und wie es dazu kam, dass er für die Nazis das Drehbuch für einen Kinofilm schreiben durfte. Seine Informationen stützt Lehmkuhl dabei auf seine eigene Recherchearbeit in Erich Kästners persönlichem Nachlass und dem seiner Sekretärin Elfriede Mechnig im Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Akademie der Künste in Berlin.
Kästner war auch in der Nachkriegszeit beim Lesepublikum äußerst beliebt, insbesondere seine Kinderbücher fanden zahlreiche Abnehmer*innen und wurden mehrfach verfilmt. In vielen Kinderzimmern sind Emil und die Detektive (1929), Das fliegende Klassenzimmer (1933) und Das doppelte Lottchen (1949) auch heute noch zu finden und gelten als Klassiker der Kinderliteratur. Über Kästners Vergangenheit während des Nationalsozialismus wissen aber die wenigsten Bescheid. Zu diesem Phänomen des „Heiligenstatus“ (S. 139) Kästners in der Nachkriegszeit wurde bisher nur in der Dissertation von Marianne Bäumler von 1984 geforscht, deren Arbeit jedoch nur wenigen bekannt sein dürfte und die öffentlich kaum zugänglich ist. Das vorliegende Werk baut auf Bäumlers Arbeit auf und leistet einen aktuellen Beitrag dazu, das öffentliche Bild Erich Kästners differenzierter und unvoreingenommener darzustellen, indem es auch die Eigenschaften und Entscheidungen Kästners beschreibt, die kritisch zu hinterfragen sind, wie beispielsweise seinen Umgang mit Frauen oder die Erstellung eines Drehbuchs für das NS-Regime.
Kritik
Über Erich Kästner ist schon viel geschrieben worden. Dabei wurde auch seine Rolle als Autor im Dritten Reich nicht ausgelassen. In der Nachkriegszeit galt er aber vielen als unantastbar und die Kritik an seiner Person oder seinem Verhalten fiel eher einseitig verständnisvoll und entschuldigend aus. Lehmkuhl legt mit seiner populärwissenschaftlichen Biografie nun eine Analyse vor, die Kästners Werdegang differenzierter betrachtet, Ambivalenzen aufzeigt und diese offen stehen lässt. Der Autor versucht nicht, Kästners Verhalten zu interpretieren oder zu rechtfertigen, sondern bemüht sich darum, die gut recherchierten Fakten für sich sprechen zu lassen, sodass sich die Lesenden ein eigenes Urteil bilden können. Da er die Aussagen und Handlungen Kästners weder wohlwollend noch verurteilend darstellt, wirkt Kästner damit eben nicht unantastbar, sondern menschlich.
Nach dem Reichstagsbrand hätte er allen Grund gehabt, ins Exil zu gehen, und sicher wäre er auch talentiert und anpassungsfähig genug gewesen, um als Drehbuchautor in Hollywood über die Runden zu kommen. Aber er entschied sich dagegen, blieb in Berlin, schrieb weiter, publizierte im Ausland und versuchte, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Auch zwei Verhöre durch die Gestapo, 1933 und 1937, änderten an der einmal getroffenen Entscheidung nichts. (S. 8f)
An manchen Stellen formuliert Lehmkuhl die Ambivalenzen auch als direkte Fragen an seine Leserschaft, deren Beantwortung er bewusst offenlässt. Zum Beispiel in Kapitel 2 Das Leben, ein Maskenball. Die vielen Gesichter des Erich Kästner (S. 13-29), in dem er beschreibt, welcher Pseudonyme sich Kästner bediente, um in Deutschland publizieren zu können. Dabei bezieht sich Lehmkuhl auf das Werk Kästners, das auffällig viele Geschichten „von Doppelgängern, Masken und falschen oder verborgenen Identitäten“ (S. 14) enthält.
Doch auch Lehmkuhl reiht sich ein in die große Anzahl derer, die Kästners sehr enge Bindung zu seiner Mutter für den eigentlichen Grund für sein Verbleiben in Deutschland halten. An diesen Stellen lässt sich Lehmkuhl auch auf eine erkennbare eigene Wertung ein und fällt in einen psychologisch-analysierenden Duktus:
Wenngleich nicht der einzige, war das sicher ein Grund für sein Verbleiben in Deutschland. Die niemals erfolgte Abnabelung von Ida Kästner, keine Frage, möchte man auch verantwortlich machen für das Fremdheitsgefühl, das Erich Kästner in sich, sich selbst gegenüber verspürte. Weil er immer Sohn blieb, konnte er als Erwachsener nicht mit sich selbst identisch werden. (S. 21)
Sehr detailliert geht Lehmkuhl auch auf den Widerspruch ein, dass Kästner laut eigener Aussage in Deutschland blieb, um Augenzeuge zu sein, jedoch erst 1941 anfing, Tagebuch zu führen und sich ansonsten keinerlei Notizen machte. Abgesehen von Notabene 45 (1961) erschien nach dem Zweiten Weltkrieg kein Roman oder Augenzeugenbericht Kästners, der sich auf die NS-Zeit bezieht. Auch das posthum erst im Jahr 2018 veröffentlichte vollständige Tagebuch Das blaue Buch zeugt laut Lehmkuhl nicht davon, dass Kästner ernsthaft die Absicht hatte, einen Roman über die Zeit des Nationalsozialismus zu schreiben, oder dass er daran einfach gescheitert sei (vgl. S. 153; 214ff.).
Kästners finanzielle Rettung war, dass er in Deutschland zwar mit einem Publikationsverbot belegt wurde, das Schreiben ihm jedoch erlaubt war. Seine Bücher konnten also im Ausland verlegt und nach Deutschland importiert werden. Das sicherte ihm lange Zeit ein gutes Einkommen. Dennoch trieb Kästner stets die Sorge um, dass die Einnahmequellen versiegen würden, und er bemühte sich immer wieder, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden, 1938 sogar über einen Anwalt. An diesem Punkt lässt sich Lehmkuhl auch auf eine persönliche Bewertung ein, wohingegen er ansonsten eher auf der sachlichen und faktenorientierten Ebene argumentiert.
Man kann dies nicht anders denn als Verrat begreifen, Verrat an Idealen und an alten Freunden. Es muss Kästner in diesem Dezember 1938, hatte er auch vorher sehr gut verdient, die schiere Existenzangst dazu getrieben haben, so weit zu gehen. (S. 121)
Die offen geäußerte Kritik an Kästner zieht sich hier durch das ganze Kapitel, welches genauer auf Kästners ambivalentes Verhältnis zu Frauen eingeht, das vor allem auf die extrem enge Bindung zu seiner Mutter zurückzuführen ist (vgl. S. 117ff.). In diesem Zusammenhang stellt sich Lehmkuhl auch die Frage, warum die von Bäumler 1984 veröffentlichte kritische Dissertation zu Kästner bis heute so wenig Beachtung findet:
Die Antwort könnte lauten: weil es noch immer, vier Jahrzehnte nach Erscheinen der Dissertation, nicht opportun ist, Kästner und sein Werk in Zweifel zu ziehen. Eine weitere Antwort könnte lauten: weil diese Dissertation von einer Frau geschrieben wurde. (S. 140)
Lehmkuhl macht deutlich, dass schon Kästner selbst es meisterlich verstand, sich ins rechte Licht zu rücken und sich als moralischer darzustellen als er tatsächlich war (vgl. S. 230). Dies passte zu den Einstellungen der Zeitgenossen der Nachkriegszeit, die das nur zu gerne aufgriffen (vgl. auch S. 278).
Man hätte im Mai 1933 ahnen können, was kommen würde, und viele wussten es. Andere verschlossen die Augen davor, wieder anderen war es nur recht. Erich Kästner schätzte die Lage für sich persönlich […] unrealistisch ein. Erstaunlicherweise lag er am Ende mit dieser falschen Einschätzung für sich selbst zumindest richtig: Ihm ist nichts widerfahren. Zugleich erlaubte ihm seine Haltung während des Dritten Reichs, nach 1945 direkt an die alten Erfolge anzuschließen, was außer Gottfried Benn sonst keinem Schriftsteller gelang, der in Deutschland geblieben war, und kaum jemandem, der das Exil gewählt hatte. (S. 66)
Fazit
Mit der vorliegenden Biografie von Tobias Lehmkuhl liegt ein Werk vor, das sowohl für Kästner-Freunde als auch für wissenschaftlich Forschende aus der Literatur-, der Geschichts- oder der Kulturwissenschaft interessant ist. Es liest sich wie ein gut geschriebener Roman, bietet aber zugleich ein sehr detailliertes Faktenwissen und arbeitet die Zeitspanne von 1933 bis 1945 chronologisch auf. Dabei wird die schriftstellerische Tätigkeit Kästners während der NS-Zeit in seine Schaffensperioden davor und danach eingebettet, um die Entwicklung seines Gesamtwerks zu veranschaulichen. Positiv hervorzuheben ist auch, dass Lehmkuhl sehr eng mit den Schriften Kästners selbst arbeitet und die so gewonnenen Erkenntnisse mit Aussagen anderer Zeitgenossen untermauert und abgleicht. Die verwendeten Quellen werden in einem sechsseitigen Literaturverzeichnis genannt, das durch einen Bildnachweis ergänzt wird. Dadurch ist das Werk eine gelungene Übersichtsarbeit zu Kästner, aber eben auch zum kulturellen Leben unter dem Nationalsozialismus allgemein. Für Lehmkuhls Werk gilt am Ende dasselbe, was er für Kästner selbst formuliert: „Die Aufgabe der Literatur ist ja nicht, vermeintliche Missstände zu beheben, sondern Zustände mit ihren eigenen Mitteln genau zu erfassen und zu beschreiben.“ (S. 66) Das ist Lehmkuhl mit dem vorliegenden Werk über Erich Kästner gelungen.
Literaturverzeichnis
Bäumler, Marianne: Die aufgeräumte Wirklichkeit des Erich Kästner. Köln: Prometh Verlag, 1984.
- Name: Tobias Lehmkuhl