Inhalt

Der 16-jährige Hendrik Reitsch (León Orlandianyi) zieht mit seinem achtjährigen Bruder Eddi (Benno Roßkopf) und seiner Mutter Sabine (Julia Koschitz) von Deutschland in die österreichische Gemeinde Bad Eisenkappel, die an der Grenze zu Slowenien liegt. Nach dem Tod des Vaters erhofft sich die Mutter dort einen Neuanfang. Die Familie bezieht ein abgelegenes, marodes Haus, das von Beginn an eine düstere Atmosphäre ausstrahlt. Es ist von Nacktschnecken befallen und noch vollständig mit dem Mobiliar der Vorbesitzer eingerichtet. Ein vergilbtes Familienfoto aus den 1970er-Jahren zeigt eine vierköpfige Familie mit zwei Söhnen im Alter von Hendrik und Eddi. Der Dachboden des Hauses bleibt verschlossen. Laut dem zwielichtigen Makler Gerold Röckl (Michael Pink) lagern dort noch persönliche Gegenstände der früheren Bewohner. Schon bald deutet sich an, dass das Haus ein dunkles Geheimnis birgt. Die abweisende Nachbarin Frau Seelos (Inge Maux) kommentiert den Einzug der Familie mit den vielsagenden Worten: „Mal schauen, ob Sie länger durchhalten als die anderen.“

Bei seinen Erkundungen im Dorf lernt Hendrik den etwas jüngeren Fritz (Lars Bitterlich) kennen, der ihm von der tragischen Vergangenheit des Hauses berichtet: Die aus Slowenien stammende Amalia Polzmann soll in den 1970er-Jahren aufgrund von psychischen Problemen sich selbst und ihre beiden Söhne Ralf und Roland mit einem Pilzgericht vergiftet haben. Seither, so die Dorflegende, spuke es in dem Haus. Tatsächlich häufen sich bald unheimliche Vorkommnisse. Eddi beginnt zu schlafwandeln, spricht dabei einzelne slowenische Worte und malt wiederholt Nacktschnecken an die Wände. Hendrik wird von Albträumen geplagt, in denen insbesondere die verschlossene Dachbodentür eine zentrale Rolle spielt.

Während der Schulferien verbringen die Brüder viel Zeit am Badesee, wo Hendrik seine Erlebnisse mit Fritz teilt. Gemeinsam mit Ida (Marii Weichsler), einem Mädchen aus dem Dorf mit Slowenischkenntnissen, gelingt es, Eddis nächtliche Äußerungen zu entschlüsseln: „Mama ist unschuldig.“ Die Jugendlichen vermuten, dass Eddi von einem der verstorbenen Jungen „besessen“ ist und auf diese Weise Hinweise zur Aufklärung des damaligen Geschehens gibt.

Die übernatürlichen Ereignisse eskalieren, als bei einem Übernachtungsbesuch von Ida und Fritz auch Hendrik zu schlafwandeln beginnt und dabei Begriffe wie „Rache“, „Mord“ und „Mutter“ äußert. Die Jugendlichen intensivieren daraufhin ihre Nachforschungen, die sie schließlich zu einer geheimnisvollen Frau mit Schneckenkette führen. Hendrik folgt der mysteriösen Frau zu einem abgelegenen Anwesen, wo sich Hinweise auf ein verborgenes Motiv ergeben. Doch als er die entscheidende Information entdeckt, wird er von der Frau überrascht, und die Lage spitzt sich dramatisch zu.

Kritik

In Das schaurige Haus (2020) begegnen dem Publikum weniger vielschichtig ausgearbeitete Individuen als vielmehr klar erkennbare Figuren-Typen, wie sie für das Genre des Horrorfilms charakteristisch sind. So erscheint Gerold Röckl als überspitzte Darstellung eines fragwürdigen Immobilienmaklers, der mit unbeholfen-kumpelhaften Sprüchen die Jungen für sich gewinnen will und zugleich deren Mutter mit aufdringlichen Annäherungsversuchen umgarnt. Fritz hingegen entspricht dem klassischen Bild eines jugendlichen „Nerds“: Er ist stolz auf seine Mineraliensammlung, fällt beim Anblick von Blut sofort in Ohnmacht und sucht beständig die Nähe des neu in den Ort gezogenen Hendrik. Letzterer verkörpert den prototypischen Jugendlichen auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit, verstärkt dadurch, dass er aus seinem gewohnten städtischen Umfeld herausgelöst und in ein österreichisches Dorf versetzt wird. Seine anfängliche Wut und Frustration gegenüber der Mutter und den veränderten Lebensumständen bilden den Ausgangspunkt für einen Anpassungsprozess, in dessen Verlauf er sich mit zentralen Herausforderungen der Pubertät auseinandersetzen muss – etwa mit erster Verliebtheit, Konflikten mit einem Mobber, dem Knüpfen neuer Freundschaften sowie familiären Spannungen. Ida wiederum steht für das selbstbewusste, tatkräftige Mädchen vom Land, das auch in kritischen Situationen handlungsfähig bleibt und mit Pragmatismus und schneller Auffassungsgabe überzeugt. Ida ist es auch, die durch ihre Slowenischkenntnisse als Dolmetscherin fungiert und damit entscheidend zur Entschlüsselung des Rätsels beiträgt.

Trotz der typenhaften Anlage der Figuren leidet weder deren Glaubwürdigkeit noch das Identifikationspotenzial. Besonders Marii Weichsler als Ida und León Orlandianyi als Hendrik gelingt es, ihren Figuren über die typisierende Figurenzeichnung hinaus individuelle Konturen zu verleihen und so Identifikationsangebote zu schaffen. Die Figur des Fritz wiederum, die von Lars Bitterlich herrlich tollpatschig und liebenswert dargestellt wird, avanciert dabei zum besonderen Sympathieträger des Filmes. Sehr eindringlich gelingt dem Film die Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die enge Bindung zwischen Hendrik und Eddi, geprägt durch die gemeinsame Trauer um den verstorbenen Vater, wirkt ebenso authentisch wie das grundsätzlich liebevolle, im Alltag jedoch konfliktreiche Verhältnis zwischen der Mutter und ihren Söhnen.

Die visuelle Aufmachung des Filmes lässt deutlich erkennen, dass sich Das schaurige Haus (2020) an den Genretraditionen des Horrorfilms orientiert. Eine blasse, weitgehend ungesättigte Farbpalette, dominierende Grün- und Rottöne, eine insgesamt geringe Lichtintensität oder der gezielte Einsatz von Gegenlicht erzeugen eine unheimliche, düstere Grundstimmung. Ergänzt wird diese Bildästhetik durch klassische Requisiten des Horrorfilms, die als visuelle Chiffren des Unheimlichen fungieren. Vanitas-Symbole wie ein Spiegel, in dem plötzlich eine Gestalt erscheint, eine Schere, mit der eine Botschaft in die Wand geritzt wird, oder Kerzen, die für eine Séance genutzt werden, markieren das Genre klar. Auch eine Nacktschnecke, die als Haustier gehalten wird und immer wieder eine Schleimspur hinter sich herziehend durchs Bild kriecht, fügt sich in dieses irritierende Inventar ein.

Der Film scheut dabei nicht davor zurück, das Publikum unmittelbar mit dem Schrecken zu konfrontieren und abrupt einsetzende Schockmomente zu erzeugen. So werden etwa die Augen einer Figur im Zustand der Besessenheit plötzlich tiefschwarz. Solche Bilder dürften insbesondere von einem jüngeren Publikum als besonders gruselig wahrgenommen werden. Gleichzeitig verlieren diese Momente durch ihre Einbettung in einen teilweise überzeichneten Kontext an nachhaltiger Bedrohlichkeit. Diese bewusste Übersteigerung der Bildsprache wird etwa im maroden Haus der Familie sichtbar, in dem Wasser aus den Wänden tritt und Pflanzen an der Decke wachsen. Zusätzlich werden unheimliche Situationen immer wieder durch humorvolle Brechungen entschärft. Diese Funktion übernimmt vor allem Fritz, dem in besonders gruseligen Momenten jeweils komisch anmutende Missgeschicke widerfahren. So muss er an einer besonders spannenden Stelle auf dem alten Dachboden beispielsweise wegen seiner Stauballergie niesen. Diese Relativierung des Schreckens wird auch durch die Erzählstruktur gestützt, da die zunächst diffusen, unerklärlichen Bedrohungen im Verlauf zunehmend konkreter und schließlich in einer direkten Konfrontation aufgelöst werden. Auf diese Weise balanciert der Film konsequent zwischen Spannung und Entlastung und hält das Unheimliche für das junge Publikum (noch) emotional handhabbar.

Besonders überzeugend ist Das schaurige Haus durch seinen konsequenten Umgang mit Sprache. Hendrik und seine Familie ziehen von Deutschland nach Bad Eisenkappel, einem österreichischen Ort, in dem die Bewohner*innen Kärntner Mundart sprechen. Punktuell wird der Dialekt zwar Ausgangspunkt für Situationskomik, etwa wenn eine Verkäuferin den von Hendrik verwendeten Begriff „Brötchen“ nicht versteht und stattdessen nur „Semmeln“ kennt. Im Unterschied zu vielen anderen Filmen, in denen Dialekt häufig auf eine humoristische Funktion reduziert wird, bleibt er hier jedoch ernsthafter und integraler Bestandteil des gelebten Alltags der Figuren. Darin, dass der Dialekt für Teile des Publikums mitunter etwas schwerer zu verstehen sein mag, liegt eine Stärke des Films:  Er traut seinem Publikum zu, Bedeutungen aus dem situativen Zusammenhang zu erschließen, und verzichtet bewusst auf sprachliche Vereinfachungen.

Weniger konsequent zeigt sich der Film im Umgang mit der Mehrsprachigkeit der Region. Bad Eisenkappel (Železna Kapla) liegt an der Grenze zu Slowenien, wo die autochthone slowenischsprachige Bevölkerungsgruppe der Kärntner Slowenen (Koroški Slovenci) lebt. Zwar wird Slowenisch im Film punktuell eingesetzt, etwa wenn Eddi im Zustand der Besessenheit plötzlich einzelne Wörter oder Sätze äußert. Diese Verwendung bleibt jedoch weitgehend geografisch motiviert und dient primär der Dramaturgie, indem sie zunächst zur Verunsicherung beiträgt und später zur Aufklärung der Ereignisse herangezogen wird. So erschließt sich etwa die Bedeutung des Namens „Polzmann“, der sich auf das slowenische Wort „polž“ für „Schnecke“ bezieht, erst im Verlauf der Handlung. Die historische und kulturelle Dimension der Zweisprachigkeit wird hingegen lediglich angedeutet, etwa durch das Zeigen zweisprachiger Ortsschilder, ohne dass sie für das Publikum explizit kontextualisiert wird. Damit verschenkt der Film erzählerisches und thematisches Potenzial.

Fazit

Daniel Prochaskas Das schaurige Haus präsentiert sich als atmosphärisch dichter Jugendfilm, der typische Elemente des Horror-Genres gezielt aufgreift und für ein jüngeres Publikum zugänglich macht. Als erste Begegnung mit diesem Genre ist der Film gut geeignet, auch wenn er inhaltlich eher auf bewährte Muster setzt und auf größere Innovationen verzichtet. Die klassischen Horrorelemente sind jedoch solide und handwerklich überzeugend umgesetzt.

Es empfiehlt sich, den Film Kindern erst ab einem Alter von etwa zwölf Jahren zu zeigen, da insbesondere die plötzlich auftretenden Schreckmomente sowie die insgesamt düstere Handlung auf jüngere Kinder verstörend wirken können. Positiv hervorzuheben ist die gelungene Verbindung von Genre-Elementen mit zentralen Themen der Pubertät. Das Setting in einem abgelegenen österreichischen Dorf sowie das regionale Kolorit aus Kärnten verleihen dem Film zudem eine besondere Atmosphäre und einen hohen Wiedererkennungswert. Der konsequente Einsatz des Kärntner Dialekts trägt zur sprachlichen Authentizität bei und fordert die Zuschauer*innen dazu auf, Bedeutungen aus dem Kontext zu erschließen. Insgesamt überzeugt der Film durch das gelungene Zusammenspiel seiner unterschiedlichen Komponenten, aus dem ein für Jugendliche sowie durchaus auch Erwachsene ansprechendes Gesamtbild entsteht.

 

Titel: Das schaurige Haus
Regie:
  • Name: Daniel Prochaska
Originalsprache: deutsch
Drehbuch:
  • Name: Timo Lobeck
  • Name: Marcel Kawentel
Erscheinungsjahr: 2020
Dauer (Minuten): 100
Altersempfehlung Redaktion: 12 Jahre
FSK: 12 Jahre
Format: Kino
Das schaurige Haus (Daniel Prochaska, 2020)