Die mit großem Produktions- und Werbeaufwand ins öffentliche Bewusstsein gedrückte Miniserie City of Blood ist mit ihren acht Folgen ein arg mühsames Serien-Erlebnis, das an der eigenen Unentschiedenheit scheitert. Doch gerade, weil City of Blood alles zugleich sein möchte, lässt sie Theoretiker*innenherzen höherschlagen: Die in einer nahen Klimakatastrophenzukunft angesiedelte Vampirserie mit heftiger Polit-Talkshow-Schlagseite ist ein Prequel der Kult-Comicreihe Berlinoir (2003–2008) – und diese haben Reinhard Kleist (genau, der mit Starman, Der Traum von Olympia und der Boxer) und Tobias O. Meissner in einer Art überzeitlichen Paralleluniversums-Berlin angesiedelt, das comicästhetisch mit Vorbildern wie Metropolis, Dr. Mabuse oder Das Cabinet des Dr. Caligari aus Versatzstücken aus Gründerzeit, Weimarer Republik oder Nazizeit vernäht ist. Diese Atmosphäre hat bereits Babylon Berlin kongenial eingefangen, was natürlich Pech für City of Blood ist, das stattdessen ein Pastiche aus Mad Max, Die Tribute von Panem, Children of Men, Gattaca, The Walking Dead und geworden ist. (Marcus Stiglegger zeigt in seiner analysierenden Besprechung, die vielsagenderweise auf eine explizite Bewertung verzichtet, wunderbar die zahlreichen Bezüge auf, die sich in der Serie finden lassen: https://www.epd-film.de/tipps/2026/disney-city-blood)
Das alles wäre auch in Ordnung, doch City of Blood zersplittert in ein Gattungskaleidoskop, da schlicht nicht zusammenpasst: Berlin ist in einer in den Klimatotalitarismus abgeglittenen Welt die letzte Bastion der Demokratie und versinnbildlicht dennoch den dystopischen Kontrast zwischen der verelenden Allgemeinbevölkerung und einer entrückten Oberschicht, die im „Berlin Dome“, einer Art überproportionalen Gewächshaus, noch blühende Bäumchen, grünen Rasen und reine Luft genießt, während da draußen 41 Grad im Schatten ein normaler Sonntag sind inmitten einer verödeten Landschaft, in der vom Tiergarten nur noch Baumstümpfe und eine einsam über der Berlinischen Ödnis thronende Victoria-Statue übrig geblieben sind.
In diesem Setting wird eigentlich die Geschichte der entfremdeten Schwestern Bea (Lea Drinda) und Phoebe (Soma Pysall) erzählt, die in diesen unterschiedlichen Welten aufwachsen. Während die nierenkranke Bea bei ihrer wohlhabenden Adoptivmutter aufwächst, schlägt sich die etwa ältere Phoebe außerhalb des Dome in Diensten einer Blut-Mafia durch's Leben. Doch ureigentlich handelt es sich bei City of Blood um ein Politdrama, das sich rund um den polarisierten Wahlkampf um das Berliner Bürgermeisteramt entfaltet, um das die zynisch-abgehobene Amtsinhaberin (Dagmar Manzel) mitsamt ihrer Bauministerin (die zugleich die Adoptivmutter von Bea ist) gegen das mit einer iranischstämmigen Milliardärin (Tatort-Kommissarin Melika Foroutan) verheiratete Trump-AfD-Imitat Oliver Lawal (David Schütter) kämpfen. Der politische Konflikt dreht sich vordergründig darum, wer eigentlich in Berlin im „Dome“ leben darf, in Wirklichkeit aber ist Lawal nur die Marionette eines Vampir-Clans [genau!], zu dem auch insgeheim der Architekt des Doms, Johan Moderson (Franz Hartwig), gehört. Gar nicht so zufällig ermöglicht der Lichtfilter der Dom-Membran es den Vampiren nämlich, sich auch bei Tageslicht im Freien aufzuhalten. Das funktioniert auf Dauer aber nur, wenn sie unbegrenzten Zugriff auf das leckere Blut all der Menschen bekommen, die in Berlin wohnen. Denn das brauchen die Vampire einerseits als Nahrungsquelle (sowas weiß man ja), andererseits – und das sei hier nicht zu sehr gespoilert – braucht’s halt Menschenblut, damit der Dome vernünftig funktioniert.
Sie merken schon: City of Blood klingt bereits bei der Handlungszusammenfassung unglaublich anstrengend. Das gilt besonders für die offenbar von den Gesprächsrunden der Tribute von Panem-Filme inspirierten Talkshowrunden: In jeder Folge sitzen die Hauptfiguren für gefühlt halbe Ewigkeiten in televisierten Polit-Talk-Shows oder stehen vor Fernsehkameras, um einander ihre Politworthülsen an den Kopf zu werfen, deren Verlogenheit die Serie zeitgleich vorführt. Hier wird ausführlichstens und explizitestens die Agenda der einzelnen Figuren ausgebreitet, hinterfragt, ad absurdum geführt, während diese sich mit ihren Platitüden gegenseitig auf die Nerven gehen. Was wohl als cleveres Entlarvungsmoment gedacht ist, funktioniert für das Serienpublikum aber schlicht nicht.
Dass City of Blood so anstrengend ist, das ist sehr schade. Als reine Vampirserie mit Mad-Max-Versatzstücken würde sie wunderbar funktionieren; die Politikeinsprengsel ziehen den Rest der Handlung hingegen nahezu unerträglich in die Länge. Dem wunderbaren Cast ist anzumerken, dass sie wissen, in was für einem Auffahrunfall von Serie mit verworrener Handlung und hölzernen Dialogen sie mitwirken. Was für ein verschenktes Potenzial: Da sind Lea Drinda und Soma Pysall als ungleiches Schwesternpaar, Jördis Triebel und Dagmar Manzel als durchzynisierte Berufspolitikerinnen, David Schütter als innerlich seltsam zerrissener Karrierepolitikyuppie, Franz Hartwig und Lars Eidinger als charakterlich geradezu komplementäre Altvampire: Wo Hartwig als Johan Moderson den überkontrollierten Vampirarchitekten des Berlin Dome gibt, zelebriert Eidinger sein Dasein als Partyvampir und Dynastie-Erbe in der Tradition von Gary Oldmans Dracula-Inkarnation (in Francis Ford Coppolas Bram Stoker’s Dracula (1992)).
Fazit
Was bleibt, ist eine seltsam frustrierende und doch gerade deshalb faszinierende Serienerfahrung. Vielleicht lernt das Serienteam auch aus den eigenen Fehlern und besinnt sich ab der zweiten Staffel mehr auf Wesentliches, zumal sich für diese bereits die Machtübernahme des Vampirclans – und damit vielleicht auch eine Bereinigung des narrativen Settings – abzeichnet.
- Name: Philipp Kadelbach