Inhalt
Alexander ist ein behüteter und nachdenklicher Junge, dessen Vater eines Tages in den Kriegsdienst eingezogen wird und mit anderen Soldaten darin umkommt. Nach dem Ende des Krieges müssen und wollen sich die Bewohner*innen Kalistes gute Gesetze geben, die einen erneuten Krieg und einen tyrannischen Herrscher verunmöglichen. In einem Auswahlverfahren wird Alexander dazu bestimmt, diese Gesetze auf einer Reise herauszufinden. In dieser Aventûre begegnet Alexander den verschiedensten Menschentypen und erfährt von ihnen, was sie als wichtiges Gesetz erachten. Er trägt sie in einer Art Grundgesetz zu den Menschen aus Kaliste zurück, die sich nun – damit ausgestattet – wehrhaft gegen neue Tyrannei sehen.
Kritik
Schirach gelingt es, Demokratie als Rechtspraxis durch die Erzählung einer Heldenreise zu vereinfachen und damit ein kinderliterarisches Prinzip zum tragenden Element seiner Narration zu erheben. In Dialogen Alexanders mit prototypischen Figuren aus dem „Volk“ (Soldaten, Winzern, Künstlern, Wissenschaftlerinnen) werden die einzelnen Figuren zu Erzählenden und inszenieren biografische oder philosophische Geschichten, die zu einer Rechtsauffassung führen. So etwa, wenn der Wirt aus der Sklavereierfahrung seiner Eltern das Recht auf Freiheit ableitet (vgl. 1/XI/00.00) oder der Philosoph aus der Begegnung mit dem König Alexander von Makkedonien das Recht auf freie Entfaltung (vgl. 2/II). Ganz im Lessing’schen Sinne gelingt ihm eine Simplifizierung des Inhalts von demokratischer Rechtsphilosophie auf das Wesentliche – nämlich welche Erfahrungen und welche Notwendigkeiten es für ein friedliches und freies Leben aller braucht.
Dazu kommen intertextuelle Anspielungen auf Diogenes, Astrid Lindgren oder natürlich Alexander den Großen und Alexander Humboldt, die den klassischen Aufbau der Heldenreise um moderne und literaturhistorische Erzählwelten durch Wiedererkennungseffekte ergänzen. Auf diese Weise wird der Stoff der Heldenreise (das Verlassen der gewohnten Welt, in der Alexander auf die Suche nach Gesetze geht, dem Sich-Stellen der Herausforderung, die hier in erster Linie im Zuhören der Erfahrungen anderer besteht, und der Heimkehr, bei welcher Alexander seine Erkenntnis von den Gesetzen mitbringt, die auch seiner Welt zugutekommen) Erzählgrundlage einer gegenwärtigen außerliterarischen Weltinterpretation für Kinder.
In diesem Sinne befindet sich Ferdinand von Schirach in einer guten Tradition der Erwachsenenautoren, die für Kinder schreiben: Mascha Kaléko, Peter Hacks, Walter Benjamin, Franz Fühmann, Saša Stanišić – sie alle finden stilistische und poetische Formen der Vereinfachung weltlicher Gegenstände für Kinder. Im Gegensatz zu Schirach halten sie sich jedoch weitgehend an eine unausgesprochene Voraussetzung: KJL soll nicht erziehen, sondern sie soll, wie Astrid Lindgren es einst formulierte, gut sein.
Allein schon die geballte humanistische Tradierung trägt einen pädagogischen Kern. Was den Text aber besonders pädagogisierend macht, ist die Prägung der Kinderfigur von einem romantischen Kindheitsideal – naiv, offen und mit Herzensadel gesegnet, weiß Alexander noch nicht, wer er eigentlich ist (vgl. 1/IV/01:40), und zieht hinaus in die Welt, um – gleich einer leeren Vase – Erfahrungen zu sammeln, die ihm die Erwachsenen vermitteln. Bei einer Lesung des Buches vor Schulkindern nahm ein Kind, so ist in einem Bericht des NDR zu lesen, zurecht Anstoß an diesem Kindheitsbild.
Auch das Hörbuch schafft es nicht, diesen pädagogischen Impetus zu mildern, im Gegenteil: Weil sich hier für eine Autorenlesung entschieden wurde, trägt die Stimme des Lesenden einen bedeutenden Anteil an der interpretativen Ausgestaltung des Textes. Und damit – das ist bei Kinderliteratur und ihrer Vertonung zu beachten – hat sie eine bedeutende Funktion für das vermittelte Kindheitsbild und seine literaturpädagogische Rolle, die ihm hier zugesprochen wird. Schirach selbst spricht sehr langsam und gedehnt, seine Stimme hat kaum Variationsbreite bei der Figureninszenierung. Diese Sprechweise impliziert – ganz sicher ungewollt –, dass Kinder nicht in der Lage seien, komplexen Vorgängen zu folgen.
Auch werden so die Figuren, die im Schrifttext noch als Träger rechtsphilosophischer Erfahrungen daherkommen, so stark typisiert, dass sie schon klischeehaft wirken, wie beispielsweise der Modeschöpfer, dessen affektierte und langsame Sprechweise eine Assoziation jenseits von Oberflächlichkeit und Dandytum kaum möglich macht. Oder die des Fischers, dessen tiefe, langsame und sehr gedehnte Sprechweise fast schon auf Tumbheit verweist.
Dabei liefert der Parabelcharakter des Schrifttextes schöne Vorlagen, den philosophischen Charakter der Rechtsfindung stimmlich variierend zu erzählen und zu initiieren. Beispielsweise kristallisiert sich in der Diskussion mit dem Philosophen über das Tragen oder Nichttragen eines bunten Halstuches die Rechtsauffassung der freien Entfaltung heraus (vgl. 2/I-III). Auch das Recht auf Meinungsfreiheit (vgl. 2/VII-IIX) entsteht aus einem absurden Gespräch zwischen Geschwistern, die Ableitung der Freiheit von Sklaverei (vgl. 1/XI-XII) aus der Müdigkeit des Winzers, die Gleichbehandlung vor dem Gesetz aus der Faszination über die eigene Profession (vgl. 1/XIII-XV) und der Schutz der Würde aus der Reflexion der Reise Alexanders (vgl. 2/IX-XI). Müdigkeit, Reflexion, Absurdität, Streitgespräch – dies alles böte eine Variationsbreite der Stimme in Tempo, Tonlage, Melodie, Rhythmus, die somit eine facettenreiche Interpretation dieser Grundlagen der Rechtsfindung hätte gewesen sein können. Zwischendurch geschieht das sogar manchmal, vor allem immer dann, wenn Schirach die pädagogische Rolle zu vergessen scheint und sich im schönsten Wiener Schmäh der Anekdotenlust einiger seiner Figuren hingibt (vgl. 2/I-III).
Die kinderliterarische Vermittlung von Rechtsphilosophie und demokratischer Praxis ist ein hehres Anliegen. Und Kinderbücher tun sich besonders schwer, diese explizit zu thematisieren und dabei auch kinderliterarisch und nicht pädagogisierend zu sein. Implizit sind Themen wie Gerechtigkeit, Courage, Bedrohung von Freiheit etc. eigentlich klassische KJL-Themen, die aber in guter KJL eher implizit verhandelt als von oben nach unten vermittelt werden, wie z.B. in Lindgrens Die Brüder Löwenherz oder Morosinottos Die Rebellen von Saronto. Schirachs erzählerisches Geschick, seine Fähigkeit der literarischen Vereinfachung und des Fabulierens hätten eine große Chance für eine solche kinderliterarische Verhandlung bieten können – allein, um das Goethewort aus Torquato Tasso zu bemühen: So fühlt man (die pädagogische) Absicht und man ist verstimmt.
Fazit
Für Kinder zu schreiben ist kein Selbstläufer. Adrienne Braun hält jüngst in der Stuttgarter Zeitung fest, dass die derzeitige Menge an Büchern für Kinder von Prominenten zumindest den Gedanken inszeniert, dass zum Verfassen von Kinderliteratur die Hauptvoraussetzung sei, selbst ein Kind gewesen zu sein. Die CD des Hörbuchs ist mit einem Foto des Autors ausgestattet, auf das der Erzähler verweist und über das Motiv im Hintergrund eine Verbindung zum Text herstellt. Paratextuell wird damit Brauns Wahrnehmung von der Erzählwürdigkeit einer Geschichte durch das Kindsein des Autors bedient.
Dabei bietet Alexander breite Möglichkeiten, die Bedeutsamkeit der Erzählung nicht darauf zu beschränken. Demokratie und philosophische Rechtsfindung mit guten erzählerischen Mitteln zu verbinden und so eine künstlerische Vereinfachung zu schaffen, finden sich darin mehrfach. Allein der pädagogische Impetus im romantischen Kinderbild und im wiederkehrenden Lehrcharakter der Parabeln bricht dies. Und beim Transfer der Erzählung auf das Hörmedium wird all dies noch einmal überlagert von einer Stimme, die implizit am demokratischen Auftrag von Kinderliteratur vorbeirauscht – nämlich Kinder als komplexe und reflektierende Hörende anzuerkennen. Dafür braucht es eben auch Geschichten, die nachdenklich und gut geschrieben, vor allem aber gut erzählt sind. Der Heldenreise folgen können sicher bereits 8-Jährige – das Interesse, den teils langatmigen Lehrparabeln bis zum Schluss zu folgen, dürfte wohl aber eher nur im Unterricht durch gezielten didaktischen Einsatz vorausgesetzt werden.
- Name: Ferdinand von Schirach