Inhalt

Christopher Robin ist zurück und es wird eine Willkommensparty geplant. Also machen sich die  Bewohner*innen des Hundertsechzig‑Morgen‑Waldes im ersten Kapitel von Benedictus’ Fortsetzung daran, ein Picknick zu veranstalten. Christopher Robin lässt sich zwar Zeit, bevor er endlich auftaucht, aber schließlich ist die Freude riesig und seine alten Freund*innen sind neugierig: Warum war er so lange weg? Und wo war er? Er berichtet, dass er inzwischen die Schule besucht und nun gerade Ferien hat. Was genau „Schule“ bedeutet und was er dort macht, erfährt man in den weiteren Kapiteln, in denen die Bewohner*innen zum Beispiel einen Buchstabierwettbewerb veranstalten oder sich das Kricketspielen beibringen lassen. Aber nicht nur Christopher Robin hat in dieser Fortsetzung viel zu erzählen, die ganze Bande stolpert von einem Abenteuer zum nächsten. Ferkels Mut, Pus  Starrsinn und Tigers  Antriebslust sorgen immer wieder für neue Schwierigkeiten. Auch I‑Ah, Eule, Känga und Ruh sind dabei, außerdem bekommen sie Besuch von einer neuen Bewohnerin, die alles auf den Kopf stellt.

Kritik

Der Ursprung der Pu‑Welt liegt in Milnes Kinderbüchern, die 1926 und 1928 erschienen sind, außerdem gibt es Gedichtbände, die den Figuren‑Kosmos und die Welt von Pu aufgreifen, sowie die bekannten Disney‑Film‑Adaptionen. 2009 schließlich erweckt der britische Autor David  Benedictus Pu und seine Freunde mit einer Fortsetzung noch einmal zum Leben. Die ursprüngliche Hörbuchfassung stammt von Harry  Rowohlt, der die Romane auch ins Deutsche übersetzt hat, 2021 wurden sie mit Katharina Thalbach als Sprecherin neu vertont. Thalbach versetzt die Hörer*innen in der Hörbuchversion mit ihrer kratzig‑ruhigen Stimme auf kindliche und verspielte Weise in den Hundertsechzig‑Morgen‑Wald.

Nachdem Katharina Thalbach bereits die Pu der Bär‑Geschichten von A. A. Milne gelesen hat, gestaltet sie auch in der Fortsetzung von David Benedictus jeden Charakter stimmlich individuell. Von der Titelfigur, der sie eine tiefe und gemütliche Stimme sowie eine betont langsame Sprache verleiht, über Ferkel, der eine piepsige, hohe und ängstliche Stimme bekommt, bis hin zu Kaninchen, das in Thalbachs wohl strengster Stimmlage gesprochen wird – alle klingen einzigartig und werden dadurch in den Köpfen der Hörer*innen sofort lebendig. Thalbach ahmt dabei Ferkels ängstliches Jammern ebenso wie Tigers aufgeregten und schnellen Sprechton nach. Als Erzählerin gibt sie außerdem Einblick in das Innenleben der Hauptfiguren und kommentiert am Ende der Kapitel die Geschehnisse.

Die Absurdität der Pu der Bär-Welt spiegelt sich vor allem in Benedictus’ Spiel mit dem Verstehen wider. So gibt es einige Szenen, in welchen Christopher Robin den Bewohner*innen des Waldes etwas erklären möchte, doch die können der Erklärung nicht folgen oder verstehen sie gar nicht. Bisweilen sind die Hörenden am Ende selbst verwirrt. Beispielhaft hierfür ist Christopher Robins Erläuterung der Kricket-Regeln:

„Kricket ist ein Spiel für zwei Mannschaften. Jede Mannschaft schlägt einmal und versucht, so viele Läufe wie möglich zu schaffen. Der Schläger steht dem Werfer der gegnerischen Mannschaft gegenüber und der wirft den Ball so. […] Wenn er den Ball trifft, sprintet der Schläger dahin, wo der Werfer gestanden hat, und wieder zurück. Wenn er den Werfer erreicht, hat er einen Lauf erzielt, und wenn es ihm gelingt, wieder dorthin zu kommen, von wo er losgerannt ist, erzielt er noch einen.“ […] Und er erzählte ihnen noch mehr Seltsames, über kurze Beine und Scheinpunkte und Ausläufe und wann ein Ball kein Ball war und so was alles. Und auch wenn die Tiere den Eindruck hatten, dass diese Sache mit dem Kricket keinen zwingenden Sinn ergab, begannen sie doch zu ahnen, dass sie Spaß machte. [3/V/00:58]

Hier spielt Benedictus also sowohl mit dem Verständnis der Bewohner*innen, der Hörer*innen sowie der Erzählerin der Geschichte und das Hörbuch schafft es, diese Absurdität widerzuspiegeln. Das zeigt vor allem auch die Szene, in der Pu und seine Freunde Eule davon abbringen möchten, ihre ganze Zeit mit dem Schreiben der Biografie ihres Onkels zu verbringen. Also entscheiden sie sich dazu, den Geist von Eules Onkel zu imitieren und ihn zu Eule sprechen zu lassen. In diesen kurzen Szenen springt Thalbach in die Rollen etlicher Figuren gleichzeitig:

„Oile“ sagte sie. „Oile, meine Nichte. Ich möchte nicht, dass du dieses Buch schreibst.“ „Wer issst dasss und wo bissst du?“, fragte Oile nervös. „Ich bin’s, dein verstorbener Onkel Robert jenseits des Grabes.“ „Dasss glaube ich nicht“, sagte Oile, aber ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie es sagte. […] „Wenn du wirklich mein Onkel Robert bissst“, sagte Oile, stand wieder auf und musste sich mehrmals räuspern, bevor sie weitersprach, „beweis esss. Sag mir, wasss du jeden Abend vor dem Zzzubettgehen getan hassst.“ Es dauerte etwas, bis die Stimme (ziemlich zögerlich und nicht gerade sehr überzeugend) sagte: „Ich habe meine Gebete gesprochen.“ […] Darüber dachte Oile nach, aber bevor ihr eine passende Antwort einfiel, fügte die Stimme hinzu und hörte sich jetzt ziemlich nach Kaninchen an. [2/XVII/ 00:24]

Thalbach schafft es einerseits, den Team‑Spirit der Figuren und andererseits das  Komische der Situation zu vermitteln. Das passt gut zur Atmosphäre des Absurden und zur Art der Freundschaft zwischen den Figuren.

Fazit

Die Geschichte von Benedictus ist mit Humor, Schlagfertigkeit und vor allem Liebe geschrieben, dazu kommt, dass Katharina Thalbach mit der Vertonung nicht nur den Nonsense des Pu‑Kosmos widerspiegelt, sondern auch die Magie der Freundschaft, die die Charaktere miteinander verbindet. Pu den Bär und die Stimmung des Hundertsechzig-Morgen-Waldes nachahmen zu können, verlangt viel. Die Liebe zu den Figuren und die sanfte Absurdität der Welt – auf diese Dinge kann man nicht einfach mit dem Finger zeigen, man muss sie fühlen. Und genau das tut dieses Hörbuch. Mit Kängas Worten: „Man zeigt nicht mit dem nacktem Finger auf Wackelpudding.“ [1/V/02:59]

Erschienen ist das Hörbuch 2021 im Atrium Verlag mit einer Spielzeit von knapp 4 Stunden. Die Geschichte richtet sich, wie auch die Romane von A. A. Milne, an die ganze Familie und ist nicht ausschließlich für Kinder geschrieben. Trotzdem sei betont, dass die Altersempfehlung von 5 Jahren zu früh angesetzt ist, da bestimmte Konzepte und Situationen – bspw. die komplizierte Erklärung der Kricket-Regeln, der Vorschlag, Steuern einzuführen – den Erfahrungshorizont von Vorschulkindern überschreiten könnten.  Für Grundschulkinder hingegen ist das Hörbuch ideal geeignet.

Titel: Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald
Autor/Bearbeitung:
  • Name: David Benedictus
Sprechende: Katharina Thalbach
Produktion: Atrium Verlag AG
Erscheinungsjahr: 2021
Dauer (Minuten): 227
Preis: 12,99 €
Altersempfehlung Redaktion: 6 Jahre
Benedictus, David: Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald (Hörbuch)