Inhalt
In dem Sach(hör)buch Unser Schmerz ist unsere Kraft informieren Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek, deren Väter 2000 bzw. 2006 vom NSU ermordet wurden, über die Taten der rechtsextremistischen Terrorzelle. Die beiden Frauen lernen sich 2006 bei einem Schweigemarsch in Kassel kennen und fühlen sich als „Seelenschwestern“. Neben den sehr persönlichen Erinnerungen bietet die Buchvorlage – typographisch abgesetzt – zusätzliches Hintergrundwissen über den NSU, der zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordet und weitere Mordversuche, Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle verübt hat. Erst 2011 wird er aufgedeckt, von 2015 bis 2018 schließlich findet am Oberlandesgericht München einer der größten Gerichtsprozesse der Bundesrepublik statt. Aber damit ist der Fall nicht abgeschlossen: Mit NSU 2.0 unterzeichnete E-Mails tauchen auf, es kommt zu weiteren rassistischen Morden und Anschlägen, vor allem bleibt die Trauer der Familien um ihre Angehörigen. Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek schildern – unterstützt von der Journalistin Christine Werner – von rund zwei Jahrzehnten rechter Gewalt in Deutschland und verbinden mit ihrem Buch einen klaren Appell:
Wir wollen, dass unsere Väter nicht vergessen werden. Und wir hoffen und wünschen uns, dass nie wieder eine Familie so etwas durchmachen muss. Wir hoffen dabei auch auf euch. Denn wir schaffen es nur gemeinsam. Wir dürfen nicht wegschauen, wir müssen Rassismus bekämpfen. Wir alle zusammen. (I/02:29, S. 5)
Kritik
Die Perspektive, aus der berichtet wird, ist für die Erinnerungskultur von zentraler Bedeutung: Wer darf sprechen? Über wen wird gesprochen? Wer wird gehört? Und wer hat die Deutungshoheit? Im Kontext des NSU sind diese Fragen in besonderem Maße relevant, weil die Familien der Opfer lange Zeit nicht gehört, sondern vielmehr verdächtigt, stigmatisiert und beschuldigt wurden. Für Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek ist es deswegen ein wichtiger Schritt, dass sich der Deutsche Bundestag 2011, kurz nach der Aufdeckung des NSU, klar positioniert: „Wir sind zutiefst beschämt, dass nach den ungeheuren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes rechtsextremistische Ideologie in unserem Land eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt“ (LXXVI/02:06, S. 110). Semiya Şimşek kommentiert daraufhin: „Wir können endlich das sein, was wir nach den Morden immer waren, aber nie sein durften: Opfer. Nicht Täter“ (LXXVI/03:00, S. 110).
Neben den journalistischen und politikwissenschaftlichen Studien sind die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds bereits früh von den Künsten aufgegriffen worden: in Theaterstücken, Hörspielen, Romanen, einer Graphic Novel, in Fotoarbeiten, einer Oper etc. Auch hier spielt die jeweilige Perspektive eine wichtige Rolle: Opfer – TäterInnen – Theaterpublikum lautet der Titel der 2020 erschienenen Dissertation von Anna Brod über Szenarien von Zeugenschaft in Theaterstücken zum NSU. Zudem verweist die dreiteilige Dokureihe Mitten in Deutschland: NSU (2016) auf die verschiedenen Sichtweisen, wenn den Tätern, Opfern und Ermittlern jeweils ein eigener Film gewidmet wird.
Das Sachbuch Unser Schmerz ist unsere Kraft von Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek wendet sich nun erstmals explizit an Jugendliche, dabei steht die Perspektive der Angehörigen, der Betroffenen, der Familien der Ermordeten im Vordergrund. Im Hörbuch sprechen die Schauspielerinnen Pegah Ferydoni, Aysima Ergün und Elisabeth Günther, die dabei weit über eine neutrale Lesung hinausgehen. Die Stimmen sind einfühlsam und klingen authentisch, sie wirken berührend und persönlich – auch in den kurzen türkischen Phrasen, denen jeweils direkt eine Übersetzung folgt. Werden im Buch die Dialoge bzw. Telefonate als rekonstruierte Chats wiedergegeben, so scheinen die beiden Frauen in der Lesung direkt miteinander zu kommunizieren. Darüber hinaus sprechen Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık selbst die Einleitung und das Nachwort.
Es geht in dieser Lesung um die Angst und die Trauer der beiden Töchter und zugleich um die Hoffnungen, die sie beispielsweise 2006 in das Gespräch mit Günther Jauch in dem Fernsehmagazin stern TV oder den Beitrag in Aktenzeichen XY … ungelöst setzen. Dabei stehen emotional gefärbte Passagen sowie Sachinformationen direkt nebeneinander – im Buch durch verschiedene Schriftarten abgesetzt, im Hörbuch von unterschiedlichen Stimmen gelesen. Gleich zu Beginn heißt es:
„Sind Sie Frau Kubaşık?“ Ich nicke. Seine Augen. „Ihr Vater ist tot.“
Ein Geräusch, in meinen Ohren, laut, so laut.
„Hayır, hayır. Nein, nein. Baba!!!!!!!!!!!!“
Der Schrei gehört schon nicht mehr zu mir.Mehmet Kubaşık, 39 Jahre, wird am 4. April 2006 zwischen 12 und 13 Uhr in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. Vier Kugeln werden abgefeuert, zwei treffen ihn im Kopf. Eine Nachbarin findet ihn gegen 13 Uhr, er liegt mitten im Laden in seinem Blut. (III/02:46, S. 9)
Die Ermittlungen gehen jahrelang in die falsche Richtung und sind von Pannen geprägt, das macht beispielsweise der Titel der 2018 erschienenen Studie des Journalisten Tanjev Schultz deutlich: NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. Dieses Versagen wird in Unser Schmerz ist unsere Kraft immer wieder thematisiert. Aber Semiya Şimşek wehrt sich auch gegen die Sprache, mit der über die Morde geredet wird:
Von Rassismus sprechen die Polizei oder die Medien übrigens nie. Kein Wort über Rechtsextreme oder Neonazis. Sie schreiben höchstens mal von Fremdenhass. Ich bin in Friedberg geboren, in Flieden in die Grundschule gegangen, ich studiere in Fulda und mache mein Anerkennungsjahr als Sozialpädagogin im Sportjugendhaus in Frankfurt-Rödelheim. Ich bin keine Fremde! (LVI/01:43, S. 83)
Wiederholt wird außerdem der Begriff ‚Döner-Morde‘ kritisiert, der hauptsächlich in der Presse Verwendung findet. Weil er gänzlich unangemessen und verharmlosend ist, wird er 2011 zum Unwort des Jahres gewählt. Sehr viel eindrücklicher ist jedoch die entsetzte Aussage, mit der Semiya Şimşek ihren jüngeren Bruder zitiert: „Mein Vater war kein Döner! Er war ein Mensch!“ (XVIII/00:13, S. 27). Und auch das Bekennervideo, das 2011 gefunden wird und in dem die Morde von der Zeichentrickfigur Paulchen Panther sarkastisch kommentiert werden, schaut sich Şimşek an. Die menschenverachtende Grausamkeit „reißt“ ihr „den Boden unter den Füßen weg“, weil es für sie eine konkrete Drohung bedeutet:
Vor dem Schlussbild kommt das Abspannlied aus der Paulchen Panther Zeichentrickserie.
Heute ist nicht alle Tage.
Ich komm wieder, keine Frage.Ich komm wieder.
Er kommt wieder.
Sie kommen wieder.Wer sind sie? Wo sind sie? Und wer schützt mich vor ihnen?
Wer bin ich in diesem Land? Und wer bin ich für dieses Land? (LXXIV/00:40, S. 106f.)
Ausführlich wird zudem von dem langwierigen Strafverfahren vor dem Oberlandesgericht München berichtet, an dem die beiden Frauen als Nebenklägerinnen teilnehmen. Am 6. Mai 2013, dem ersten von 438 Prozesstagen, sitzen sie in unmittelbarer Nähe von Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten im NSU-Prozess. Gamze Kubaşık erinnert sich:
Ich wage es dann – und schaue ihr in die Augen. Man erhofft sich etwas. Aber da kommt nichts. Keine Regung. Sie tut, als würde sie das alles nichts angehen. In mir ballt sich etwas zusammen. Ich will schreien, wie nachts im Badezimmer. Das geht hier nicht, Gamze! Reiß dich zusammen! Ich reiße mich zusammen. (C/02:37, S. 142)
Fazit
Eingangs ging es um die Frage, wer über die Morde des NSU sprechen darf und wer gehört wird. Natürlich ist es wichtig, dass die Sicht der Politik, der Justiz und der Presse festgehalten wird. Darüber hinaus kann es interessant sein, das Thema in fiktionalen Formaten zu verfremden, zu emotionalisieren, zu perspektivieren oder zuzuspitzen. Dabei dürfen jedoch die Stimme und der Schmerz derer, die von den Morden betroffen sind wie niemand sonst, nicht ungehört bleiben. Auch deswegen ist diese Produktion so bedeutsam. Gamze Kubaşık resümiert:
Was für eine Person wäre ich [heute], wenn der Mord nicht passiert wäre?
Der Mord an Baba hat alles verändert. Er hat mich verändert.
Ich bin eine andere Version meiner selbst.
Ich kann nicht die sein, die ich sein möchte.
Ich sehne mich manchmal nach meinem anderen Ich.
Wie ich ohne die Tat wäre?
Leichter, unbeschwerter, lustiger.
Und ich wäre mehr ein Ganzes. (CVII/02:16, S. 152)
Die Lesung ist ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen. Zum ersten Mal wird von den Morden des NSU explizit für Jugendliche berichtet, der Verlag empfiehlt Unser Schmerz ist unsere Kraft ab 14 Jahren. Das passt auch zu den Themen, die in diesem Alter im Deutsch- und Politikunterricht besprochen werden. Für Erwachsene ist die Produktion allerdings ein gleichermaßen geeignetes und ergreifendes Hördokument.
Das Buch liefert zusätzliche Informationen, ein Glossar, einen Zeitstrahl sowie Fotos, vor allem wird über QR-Codes auf weitere Bilder, Zeitungsartikel, Briefe, Pressemitteilungen etc. verlinkt. Die Stimmen des ungekürzten Hörbuchs bieten dagegen einen persönlicheren und direkteren Zugang. Im Laufe der fast sieben Stunden vergisst man schnell, dass es Schauspielerinnen sind, die hier ein Sachbuch vertonen, vielmehr fühlt es sich an, als würden Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek selbst von dem erzählen, was sie erlebt haben – schonungslos und erschütternd, aber doch voller Hoffnung und mit einem klaren Ziel:
„Jetzt kennt ihr unsere Geschichte und wisst, warum und wofür wir kämpfen“, sagen die Verfasserinnen im Nachwort und plädieren dafür, dass an Schulen vermehrt über die Themen NSU und rechte Gewalt gesprochen wird. Auch dafür bieten Buch und Lesung eine gute Grundlage. „Wenn ihr Fragen zu diesen Themen oder an uns habt: Wir beantworten sie gerne“ (CXXX/01:28, S. 186).
- Name: Christine Werner
- Name: Dirk Kauffels
- Name: Gamze Kubaşık
- Name: Semiya Şimşek
- Name: Christine Werner