Inhalt

Es gluckert und gurgelt, doch nicht ein Tropfen kommt aus dem Wasserhahn. Alyssa Morrow glaubt, dass die Installationskünste ihres Dads daran schuld sind, doch tausende Kalifornier stehen vor dem Tap-Out, der Nachflusskrise.

So nennen die Medien die Dürre, seit die Leute den Begriff 'Dürre' nicht mehr hören können. So wie die 'globale Erwärmung' zum 'Klimawandel' wurde und ein 'Krieg' zum 'Konflikt'. Jetzt haben sie ein neues Schlagwort für die nächste Eskalation der Wasserkrise. (S. 10f)

Hospitäler, Regierungseinrichtungen und Elektrizitätswerke werden mit Wasser vom nationalen Krisenschutz versorgt, doch Hilfe für Privatpersonen lässt auf sich warten. Durst, Ungeduld und Angst veranlassen Menschen, Supermärkte zu plündern und zu zerstören. Dehydrierungsfälle wachsen an. Strom fällt aus.

Als Alyssas Eltern nicht mehr vom Strand zurückkehren, wo sie durch Entsalzung gewonnenes Trinkwasser holen wollten, bricht sie mit ihrem kleinen Bruder Garrett sowie dem Nachbarn und Nerd Kelton McCracken auf, um sie zu suchen. Überall stoßen sie auf Staus und Chaos, am Strand liegen dutzende Handys, im Meer schwimmen Leichen, Entsalzungsanlagen sind zerschlagen. Der Ausnahmezustand wurde über ganz Kalifornien verhängt.

Für die Jugendlichen, denen sich die unnahbare Jacqui und der gewiefte Henry notgedrungen anschließen, überschlagen sich die Ereignisse, Menschen mutieren zu Wasserzombies, Schüsse fallen. Im Notbunker der McCrackens erhofft die Gruppe, Zuflucht und Wasser zu finden. Auf ihrem Weg dorthin stoßen sie nicht nur auf überfüllte Evakuierungszentren, zerstörungswütige Menschenmassen und ausgetrocknete Aquädukte, auch der Wald brennt lichterloh … 

Kritik

Kein Wasser. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie, heißt es lakonisch und düster auf dem Buchcover des Jugendromans Dry, den der preisgekrönte Bestsellerautor Neal Shusterman mit seinem Sohn Jarrod über eine der größten Bedrohungen der Menschheit verfasst hat. Anhand des immer wieder von schweren Dürren und verheerenden Waldbränden heimgesuchten US-Bundesstaates Kalifornien zeigen sie auf, wie die Versorgung mit lebenswichtigem Trinkwasser zu einem Kampf ums Überleben werden kann, wenn Normalität innerhalb von wenigen Tagen in Chaos umschlägt.

Wie betroffene Menschen auf das Ausbleiben des Wassers reagieren, vermitteln in sechs großen, mit Titeln versehenen Teilen intern fokalisiert die fünf Hauptfiguren Alyssa, Kelton, Jacqui, Henry und Garrett, die in 56 Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Dabei stehen vor allem ihre Gefühle, Gedanken und Affekte im Vordergrund, die durch die Wasserkrise und die damit verbundene Ereignislage ausgelöst werden. Als Ausdruck ihres unmittelbaren Erlebens zieht das Erzähltempus des Präsens auch Leserinnen und Leser hautnah ins Geschehen hinein. An einigen Romanstellen führt es in Verbindung mit der Ich-Erzählinstanz jedoch zu Diskrepanzen, wie z. B. als sich Alyssa im fortgeschrittenen Dehydrierungsstadium völlig erschöpft nur noch von Überlebenstrieben gesteuert sieht, im inneren Monolog zugleich aber vermittelt, dass ihre "höheren Hirnfunktionen .. weitgehend abgeschaltet [sind]" (S. 402), obwohl diese erst eine solche Reflexion ermöglichen. Diese Point-of-View-Unstimmigkeiten fallen zunächst nicht ins Auge, da sich der Roman durch seinen spannungsreich gestalteten Plot und die Intensität der Ereignisse als Pageturner erweist, wie die aus Keltons Sicht geschilderte Szene zeigt:

Die Tür geht weit auf.

Eine Gestalt tritt vor.

Dad schreit und drückt ab.

Die Welt explodiert mit dem Knall aus der Schrotflinte.

Der Eindringling wird gegen den Türrahmen geschleudert.

Blut spritzt in alle Richtungen.

Auf mich.

Eins meiner Augen brennt davon.

Der Eindringling prallt vom Türrahmen ab.

Er fällt mit dem Gesicht nach unten in der offenen Tür auf den Küchenboden.   

Und in der Tür …

In der Tür steckt ein Schüssel.

Ein einzelner Schlüssel.

Dad schnappt nach Luft, immer noch unter Schock.

Aber dann tritt Mom in einer Art Trance vor …

Dad lässt die Waffe fallen …

Er sinkt auf die Knie …

Und ich beginne allmählich, die Bilder zusammenzusetzen. (S. 193f)

Aufgrund solcher Thriller- und Actionmomente lässt sich der Roman, der weniger durch seinen literarischen Stil besticht, genretechnisch im Feld der Action- und Katastrophenthriller ansiedeln. Eine wissenschaftliche oder politische Kontextualisierung der kalifornischen Wasserkrise, deren außerfiktionale Entsprechung nicht unwesentlich durch den Klimawandel verstärkt wird, erfolgt auch in den elf Snapshots nicht.

Diese in Schriftart und -größe von den Ich-Erzählpassagen abgesetzten Momentaufnahmen zeichnen sich durch eine personale Erzählinstanz aus, die Gedanken und Verhaltensweisen weiterer Figuren aufzeigt. Einige von ihnen stehen in enger Verbindung zur Jugendgruppe oder begegnen ihr im Romanverlauf (z. B. der Onkel der Morrow-Geschwister), andere sind aufgrund ihrer Profession für das Katastrophensetting besonders relevant (z. B. der Wassertruckfahrer und die Ersthelferin im Helikopter). Sehr treffend wird in einem Snapshot durch eine Nachrichtensprecherin Einblick in den sensationsgierigen Katastrophenjournalismus gewährt, der jedoch ebenso wenig eine profunde Aufklärung der Wasserknappheit bietet. Als einzige Figur offenbart eine studentische Aktivistin, dass zahlreiche Berichte der Wasserversorgungsbehörde schon seit Langem vor einer solchen extremen Lage gewarnt haben. Ansonsten verzichtet das US-amerikanische Schriftsteller-Team darauf, die Ursachen und Gründe des Tap-Outs zu beleuchten. Es ist realistisch, dass die Jugendgruppe für eine solche Reflexion keine Expertise hat oder Zeit und Kraft aufbringen kann. In den Snapshots hätte eine (auf-)erklärende Expertensicht jedoch durchaus ihren Platz haben können.

Gut wiedererkennbar kristallisieren sich dagegen in den vielen Dialogszenen und inneren Monologen die einzelnen Charaktere der fünf Hauptfiguren heraus. Alyssa, die die meisten Erzählpassagen übernimmt, ist überlegt, klarsichtig und mitfühlend, auch in ausweglosen Situationen versucht sie, mitmenschlich zu denken und zu reagieren. In ihrem Mitschüler Kelton, den sie zunächst nicht mochte, erkennt sie einen Freund, der sich als sehr intelligent erweist und wertvolle Ratschläge geben kann, da seine Familie schon lange netzunabhängig lebt, vollkommen autark und mit allem versorgt. Kelton philosophiert viel über menschliches Verhalten und stellt sich selbst Fragen. In bedrohlichen Lagen ist er jedoch zur Skrupellosigkeit bereit. Auch die vagabundierende, toughe Eliteschülerin Jacqui hat gelernt zu überleben, und das so angenehm wie möglich. Gegenüber den anderen Jugendlichen hält sie sich sehr bedeckt, kontert scharfsinnig und weiß sich aus heiklen Situationen zu retten. Ähnlich wendig ist auch Henry, der den skrupellosen Kapitalisten der freien Marktwirtschaft repräsentiert und aus Not und Elend Geld zu machen weiß. Seine philosophischen Überlegungen legitimieren daher vornehmlich seine eigennützigen, profitgierigen Verhaltensweisen. Garrett, dem nur ein kleiner eigener Erzählpart zukommt, überrascht als Figur am meisten. Als Zehnjähriger verhält er sich in prekären Situationen sehr bedacht und gefasst, versucht mit allen Widrigkeiten zurechtzukommen, ohne jemandem zur Last zu fallen. Gemeinsam ist allen Hauptfiguren, dass sie trotz ihrer Differenzen kooperieren und einen außerordentlichen Überlebenswillen an den Tag legen, der kurz vor Romanschluss in der Feuersbrunst noch einmal extrem herausgefordert wird.

Die rasant aufeinanderfolgenden Ereignisse und Wendungen, die sich innerhalb einer knappen Woche Anfang Juni ereignen, die Darstellungen der psychischen und physischen Strapazen sowie der Zusammenfall der sozialen Ordnung und die bröckelnde Menschlichkeit prädestinieren Dry geradezu, als Actionfilm/Thriller umgesetzt zu werden. Es verwundert also nicht, dass eine Verfilmung des Romans durch Paramount Pictures bereits im Gespräch ist. [1] Anziehend wirkt er auf Leserinnen und Leser allein schon durch sein Frontcover, das vor feuerglutartigem rotbraunem Hintergrund den Buchtitel in verwittert, ausgetrocknet erscheinenden weißen Großbuchstaben und ein angezündetes Streichholz zeigt.

Fazit

Drastisch und eindringlich schildern Neal und Jarrod Shusterman den Verteilungskampf um eine der wichtigsten Ressourcen unseres Lebens, der sich außerfiktional nicht nur im wohlhabenden Kalifornien abzuzeichnen droht. Auch wenn allein die lebensbedrohlichen sozialen wie körperlichen Auswirkungen der Wasserkrise fokussiert werden und deren auch durch den Klimawandel verstärkten Ursachen verdeckt bleiben, vermag Dry anzustoßen, über das Recht auf Wasser und unseren Umgang mit diesem nachzudenken. Anschaulich zeigt er, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind, im Guten wie im Schlechten. Da die Future Fiction auch einige gewaltsame Handlungen beschreibt, wird der von der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises 2020 nominierte Roman für Leserinnen und Leser ab 14 Jahren empfohlen.

Quellen

 [1] Fleming Jr, Mike: Paramount Wins Auction For Thriller Novel 'Dry'. https://deadline.com/2018/02/paramount-auction-thriller-novel-dry-1202277243/  (02.02.2018).

Titel: DRY. Kein Wasser. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie mehr.
Autor/-in:
  • Name: Shusterman, Neal
  • Name: Shusterman, Jarrod
Originalsprache: Amerikanisches Englisch
Übersetzung:
  • Name: Pauline Kurbasik
  • Name: Kristian Lutze
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsjahr: 2019
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3-7373-5638-1
Seitenzahl: 437
Preis: 15,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Shusterman, Neil & Jarrod: DRY. Kein Wasser. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie mehr.