Inhalt

Alles beginnt in einem Londoner Freizeitpark, wo die Sechzehnjährige Jana Novak von einer Modelagentur entdeckt wird. Mit Hakennase, dürren Gliedmaßen und magerem Körper sieht sie sich selbst nicht als Werbeschönheit. Ein neuer Haircut, das richtige Outfit, ein Paar Laufübungen und schon bringt die Agentur sie als außergewöhnliche, androgyne Erscheinung voll zur Geltung. Jana zieht von Casting zu Casting, fliegt nach New York, Paris und Mailand, schnell ist sie bei Shootings und auf Fashion Weeks heiß begehrt. Für Schule bleibt kaum Zeit und Lust. Sie bricht sie ab, vom Rausch verführt, den sie als 'Göttin'auf dem Catwalk verspürt, und auch des Geldes wegen. Schnell lernt sie angesagte Designer, Fotografen und Laufsteg-Koryphäen kennen, wie Lien, die stets genervt und überlastet ist, Clara, die nicht nur wegen der vielen Jetlags das Essen vergisst, oder Lexx, die sich mit 32 schon als alt bezeichnet. Gegen diesen Stress und Druck helfen Psychopillen wie Xanax, durch die sich auch Jana, ewig hungrig, zunehmend gleichgültiger über den Laufsteg bewegt.

Als sie der Starfotograf Lucas Blo zum Shooting einlädt, lässt er sie nackt posen und glaubt, sich selbst entblößen und obszön benehmen zu können. Jana fühlt sich abgestoßen, empfindet Ekel. Zudem erfährt sie, dass Kleidung, die sie bewirbt, in Bangladesch genäht wird, wo kürzlich hunderte Arbeiterinnen in einer maroden Fabrik verbrannt sind. Doch die Modemarken weisen jede Verantwortung von sich. Je mehr Jana über die Hintergründe der Modewelt erfährt, desto mehr würde sie die Branche am liebsten abschaffen.

Kritik

Die britische Autorin Juno Dawson beschreibt in Meat Market durch die Hauptfigur Jana ungeschönt krass und sprachlich unverblümt den Glanz und die Abgründe der Modeszene. Der Romanbeginn verdeutlicht, dass das Buch wie eine filmische Dokumentation über das Modelleben der Ich-Erzählerin angelegt ist. Spätestens durch die fiktive Danksagung am Romanende stellt sich heraus, dass ihr Freund Ferdi mit diesem Film sein Regie-Debüt gibt. In diesen dokumentarischen Erzählrahmen ist Janas Geschichte intradiegetisch eingebettet. In mehr als vierzig Kapiteln berichtet sie vorwiegend im Präsens von ihren Erlebnissen und Erfahrungen als Model. Dabei ist jedes Kapitel mit einem Schlagwort oder kurzem Syntagma versehen, in dem sich ein inhaltliches Merkmal des Kapitels ausdrückt, wie z.B. ein Markenname oder eine Reiserichtung, die sich aus realen Flughafen-Codes erschließt (z. B. LHR > JFK). Obwohl Jana überwiegend in chronologischer Reihenfolge erzählt, stellt sich durch den Bezug zur extradiegetischen Ebene ihre Geschichte als Rückblick auf die letzten beiden Jahre ihrer Karriere dar. Diese Rückschau unterbrechen in unregelmäßigen Abständen kleine Interviews, die durch Ferdis Fragen an Jana bestimmt sind. Retrospektiv kann sie so Vorkommnisse kurz klären, reflektieren oder Gefühle ausdrücken. Ihren dokumentarisch-authentischen Charakter betont die Rahmenerzählung auch durch WhatsApp-Gespräche, Presseartikel, verschriftlichteAudionachrichten oder TV-Mitschnitte. Sie sind alle fiktiv, doch finden sich in ihnen sowie im ganzen Roman auch außerfiktional verbürgte Persönlichkeiten, TV-Shows oder Ereignisse, die eine gewisse Faktualität des Vermittelten suggerieren. Die dokumentarischen Zeugnisse stützen nicht nur Janas subjektive Sicht, sie ergänzen sie auch, da sie eine Außenperspektive auf das von ihr Erlebte geben und Geschehen aufzeigen, an dem die Romanfiguren nicht beteiligt sind. Dadurch wird ein objektiver Blick auf das Modebusiness möglich.

Bis zur Romanmitte schildert Jana ihren kometenhaften Aufstieg zum Topmodel, der mit dem  Scouting und Booking, den Castings, Fittings und Shootings sowie den Catwalks die wesentlichen Etappen und Tätigkeiten des Modelns umfasst. Von Freunden, Designern und Fotografen wird sie dafür übertrieben gefeiert, für ihre überdrehte Agentin ist es "eine verdammte Ehre" (S. 32, Herv. Dawson) mit Jana zu arbeiten. Jedoch deuten sich in Janas Erzählparts und durch Beiträge aus Print-, Rundfunk- und Onlinemedien bereits Schatten der Modewelt an: Von Drogen, Bulimie und Magersucht ist die Rede; Rassismus gegenüber models of color scheint ebenso wenig selten wie die Verachtung der Modelkörper durch Caster; auch die Ausbeutung in der Textilindustrie und die tödlichen Effekte rundum Fast Fashion bleiben nicht unerwähnt.

Als Jana am Ende des nervenzehrenden Fashion Month [1] den letzten Auftrag absolviert, schlägt die Dramaturgie der Erzählung um, die nun rasanter und interessanter wird und endgültig die Fratze des Modegeschäftes offenbart. Ab diesem Wendepunkt verliert sich die Euphorie in Janas Erzählton und weicht kritischerer Reflexion, die teilweise zynisch gefärbt ist. Der Roman erhält mehr Tiefgang und bietet Leserinnen und Lesern, die sich durch die glitzernde Oberfläche und die bisweilen lächerliche Inszenierung des Business angezogen fühl(t)en, die Möglichkeit, auch das Spektrum seiner kriminellen Niederträchtigkeit zu erkennen. Zu diesem zählt auch das Verharmlosen der sexuellen Aufdringlich- und Übergriffigkeit Blos durch Janas Agentur. Erst nachdem ihr Körper und Geist kapitulieren, findet die Erzählerin Mut und Unterstützung, um mit der Omertà der Modebranche zu brechen und den Fotografen zur Verantwortung zu ziehen. Die Autorin Juno Dawson verarbeitet hier die Ende 2017 ins Rollen gebrachte #Metoo- bzw. Time’s up-Bewegung, die in den Medien und sozialen Netzwerken auf Sexismus und sexuelle Übergriffe in Alltag und Arbeitswelt aufmerksam macht. Sie begann in der Unterhaltungsindustrie und hat auch die Modewelt erschüttert. So werfen Models diverser Gender-Identitäten bis heute prominenten Fotografen sexuelle Belästigung und Missbrauch vor (Wiebking 2018).

Neben den genannten Verfehlungen bleibt der Roman durch die Sprache der Figuren in Erinnerung. Wer mit dem Umgangston der Clique Janas bzw. der Modeszene nicht vertraut ist, den könnte die teilweise vulgär anmutende Ausdrucksweise überraschen, sogar abstoßen. Während Kraftausdrücke zu einem stark unter Drogen Stehenden (Blo: "'Ich bin meine eigene verfickte Muse.'", S. 256) zu passen scheinen oder sich als sprachliche Manifestation eines erlittenen Traumas nachvollziehen lassen (Janas Gedankenrede: "Dieser hinterfotzige kleine Mistkerl.", S. 400), stoßen sie außerhalb von Extremsituationen unangenehm auf. So herzt Jana ihren Freund mit "'Ich liebe dich mehr, Arschgesicht'" (S. 408), von ihrer besten Freundin wird sie gern mit "verficktes Miststück" (S. 167) begrüßt. Auch Dialoge mit Akteuren der Modewelt kommen kaum ohne "Scheiße", "Arsch", "Fuck" oder "Schwanz" bzw. ihren Varianten aus ("verfickte Scheißkacke", S. 225; "Arschwarze", S. 159; "fieser Schwanz", S. 250). Vermutlich wird hier ein Slang Londons – Jana stammt aus dem Brennpunktviertel Battersea – bzw. ein vermeintlich jugendlich-hipper Jargon imitiert. Er lässt die Figuren wenig sympathisch erscheinen und fördert die Empathie für Jana nicht, trotz ihres Traumas, wie ihre folgenden Aussagen bekräftigen: "'Wenn du freundliche Gedanken hegst, bringen sie dein Gesicht zum Strahlen. Wenn nicht … tja, vielleicht seid ihr deswegen so ein unansehnlicher Haufen Drecksfotzen.'" (S. 190) oder "Die sollen sich ficken. Der ganze Scheiß hier soll sich ficken." (S. 243)

Womöglich fällt die derbe Ausdrucksweise bei der Lektüre des englischen Originals weniger auf, in der deutschen Übersetzung wirkt sie durch den Verlust der sprachlichen Distanz einschneidend. Die Übersetzerin Christel Kröning hat hier ganze Arbeit geleistet, die mit dem Sonderpreis "Neue Talente" des Deutschen Jugendliteraturpreises 2021 nominiert wurde. Für die sprachliche Großspurigkeit der Figuren hat sie vielfältige Kolloquialismen und Vulgarismen gefunden wie "todesniedlich" (S. 109), "scheißenhässlich" (S. 162) oder "Knauserschlampe" (S. 171). Den Slang kann sie auch durch Amalgame ("Dauerwellanie", S. 334), Verkürzungen ("Drogenhallu", S. 408), Derivationen ("Harammler", S. 379) oder Tmesen ("Abso-fucking-lutely", S. 79) zeigen bzw. kreativ aus dem Englischen übertragen. Zudem trifft Kröning überzeugend die Tonfälle der verschiedenen dokumentarischen Belege. So heben sich die Yellow Press-Artikel über das Privatleben der Stars durch ihre bissig-reißerische Sprache deutlich von eher nüchtern gehaltenen Meldungen zu Gerichtsurteilen ab.      

Während die Sprache der Figuren teilweise mit Vulgarität und Übertreibung erschlägt, wirkt das graublaue Buchcover mit einer fade schauenden jungen Frau blass. Einzig der glitzernde Titel erweist sich als Blickfang und scheint den Glamour der Modebranche zu symbolisieren. Ebenso glänzt auf der Einbandrückseite der Slogan "Es braucht Kraft und Mut, ein Model zu sein!" Auch wenn Models durch das Zurschau- und Zurverfügungstellen ihres Körpers Geld verdienen, verbietet sich jegliche Art von Belästigung und Missbrauch an ihnen. Unpassend wirkt der Ausruf jedoch mit Blick auf andere Professionen, den damit verbundenen Qualifikationen, Leistungen und Honorierungen. Angemessener erscheint auf der Rückseite der englischen Ausgabe dagegen die rhetorische Frage "How can beauty be so ugly?" Ohnehin treffend ist der Romantitel Meat Market, da Jana und Co. erkennen müssen, dass sie auf dem Mode-Markt wie Fleisch gehandelt werden, das kontinuierlich nachgeliefert, verpackt, verkauft, verarbeitet und verzehrt wird.          

Fazit                                                                  

Mit Meat Market legt Juno Dawson ein gelungenes Jugendbuch vor, das 2020 mit dem YA Book Prize des britischen Magazins The Bookseller prämiert wurde. Es gewährt einen schonungslosen Einblick in das Modebusiness, da es stereotypische Vorstellungen, wie sie z. B. das TV-Format Germany‘s Next Topmodel vermittelt, nicht nur bestätigt, sondern hinterfragt, ablehnt oder widerlegt. Aufgrund seiner teilweise großmäulerisch-vulgären Sprache, aber auch wegen einiger expliziter Sexszenen wird der Roman für Leserinnen und Leser frühestens ab 16 Jahren empfohlen.    

[1] Als Fashion Month werden die zeitlich eng aufeinander folgenenden vier größten und bekanntesten Modewochen in New York, London, Mailand und Paris bezeichnet, die zweimal im Jahr stattfinden (Februar/März, September/Oktober).

Literatur

Wiebking, Jennifer: Erst mal leiden, um wer zu sein. In: FAZ (21.01.2018), URL:  https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/model-ueber-me-too-in-der-mode-15408565.html (17.08.2021).

Titel: Meat Market. Schöner Schein
Autor/-in:
  • Name: Dawson, Juno
Originalsprache: Englisch
Übersetzung:
  • Name: Christel Kröning
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: Carlsen Verlag
ISBN-13: 978-3-551-58418-2
Seitenzahl: 416
Preis: 15,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 16 Jahre
Dawson, Juno: Meat Market. Schöner Schein