Inhalt

Harald, später Harry genannt, ist überzeugtes HJ-Mitglied und folgt in den letzten Kriegstagen als Fünfzehnjähriger blind den Befehlen seines Leitwolfs. Doch bei der Verteidigung der Stadt gerät sein Weltbild ins Wanken; schwer verwundet begreift er in einem Lazarett der Briten, dass er den Alliierten sein Leben verdankt und dass sie tatsächlich als Befreier gekommen sind. Nach und nach erkennt er, an was er geglaubt hat und wie unmenschlich vieles davon ist. Dabei helfen ihm Gespräche mit einem britischen Leutnant, der einen Musik- und Debattier-Club für Jugendliche gründet, um sie für demokratische Gedanken zu gewinnen. Später lässt er Harry diesen Club weiterführen, was nicht immer einfach ist. Durch das Eintreten für die Möglichkeit, musikalische Freiheit ausleben zu können, entwickelt sich Harry zu einem freiheitsliebenden jungen Mann, der sich von seinem völkischen Denken und dem Gehorsam des Führerprinzips trennt. Allmählich überwindet er sogar Rachegelüste und setzt sich – gemeinsam mit seiner großen Liebe Frieda – dafür ein, seiner Generation neue Ideale anzubieten.

Die siebzehnjährige Jenny muss ihren großen Traum, eine Sportkarriere in der DDR zu machen, aufgeben und findet eine neue Berufung, als ihr Onkel sie für die Stasi anwirbt. Sie soll im Kreis der anwachsenden kirchlichen Opposition spitzeln. Dafür schleicht sie sich mit einer vorgetäuschten Lebenskrise in eine Friedensgruppe ein. Dort findet sie insbesondere durch Nicole wertschätzende Aufnahme und verliebt sich in sie. Allmählich wird für sie deutlich, wie eingeschränkt die Freiheit in der DDR ist. Ihre vorgespielte Identität wird für sie immer mehr zur Realität, wodurch sie zunehmend aneckt. Schließlich lässt ihr Onkel sie zur ‚Erziehung‘ in den Jugendwerkhof Torgau einweisen. Nur das Denken an Nicole lässt sie die Zeit dort überstehen, bevor sie mit ihrem 18. Geburtstag – kurz vor dem 9. November – als ‚unerziehbar‘ entlassen wird. Als sie Nicole jedoch in der Freude über die unglaubliche Nachricht von der Mauereröffnung ihre inzwischen aufgegebene Stasi-Tätigkeit gesteht, findet sie bei ihr zum ersten Mal kein Verständnis. Enttäuscht von ihrer großen Liebe flieht sie zu ihrer Tante Frieda, die sie nur von einem Foto kennt, weil diese sich schon 1946 von ihrer sozialistischen Familie getrennt hatte, um im Westen zu leben.

Nadiem ist vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen, hat sich in Deutschland hervorragend integriert, soll Schulsprecher werden und ist erfolgreicher Poetry-Slammer. Doch durch einen Neonazi herausgefordert, gerät er unfreiwillig in eine Schlägerei. Ein Video, das viral geht, lässt ihn in kürzester Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung vom „Vorzeige-Flüchtling“ zu einem Schläger werden. Von diesem Vorwurf kann er sich nur schwer befreien, obwohl seine Pflegemütter und eine Freundin ihn uneingeschränkt unterstützen.

Die drei Handlungen werden kapitelweise wechselnd weitererzählt. Dass sie in einem Zusammenhang stehen, wird erst im Verlauf der Lektüre erkennbar. Jenny hat 1989 bei Frieda und Harry ein neues Zuhause gefunden und gemeinsam mit Nicole hat sie Nadiem nach seiner Flucht aufgenommen. Die aufmerksam Lesenden ahnen früh, dass es Bezüge zwischen den Lebenswegen gibt. Für Nadiem werden sie erst richtig klar, als er mit Jenny auf der Rückfahrt von Harrys Beerdigung über ihre Erfahrungen in der DDR ins Gespräch kommt und beginnt, Haralds Tagebücher zu lesen.

Sie (…) fuhren, die sinkende Sonne im Rücken, in den Abend hinein. Jenny machte Musik an und hing ihren Gedanken nach, darum schlug Nadiem vorsichtig das Tagebuch auf, irgendwo in der Mitte. Ein Eintrag aus dem März 1947. Er stutzte.

‚Habe endlich die Waffe erhalten. Wahrhaftig eine Luger, wie Erich sie damals benutzte. Das muss Schicksal sein.‘

Nadiems Neugier war geweckt. Er wollte natürlich die Vorgeschichte wissen und schlug die erste Seite auf, wo Harry anscheinend so etwas wie ein Vorwort verfasst hatte.

‚Ich stellte mir vor, ich wäre ein alter Mann und würde mich fragen, welche Geschichte ich hätte erzählen können…‘

Nadiem musste unwillkürlich an ‚One Day/Reckoning Song‘ denken. Und an Arthur. Wie er Nadiem gestern angesehen hatte. ‚Ich brauche deine Geschichte.‘

„Alles klar bei dir?“, fragte Jenny von der Seite.

„Ja. Ich hab nur gerade überlegt…“ Er sah sie an. „Stellst du dir manchmal vor, wie du eines Tages alt bist? Und wie du dann an all die Geschichten denkst, die du hättest erzählen können?“

„Hm.“ (…) „Ich hab ehrlich gesagt dreißig Jahre lang versucht, sie von mir fernzuhalten.“

„Kommt dieser Fuchsbau darin vor, den du neulich erwähnt hast?“

„Ja.“

„Erzählst du es mir?“

„Wie ich schon gesagt hab, es ist echt ’ne lange …“

„Ich weiß.“ Er schaute auf das Navi. „Wir haben fast fünf Stunden Zeit.“ (S. 188f.) 

 

 

Kritik

Die Verflechtung der Lebensgeschichten mag auf den ersten Blick konstruiert erscheinen. Aber gerade diese literarische Konstruktion mit ihren detailreichen und anschaulichen Beschreibungen lässt vieles erkennen: die Kontinuitäten und Brüche der deutschen Geschichte, die Bedeutung auch zufälliger Ereignisse für den Lebensweg und insbesondere, wie wichtig es sein kann, von ihnen zu erzählen. Die Zeitsprünge zwischen den Kapiteln bauen Spannung auf, ohne zu überfordern, weil die Zeitebenen geschickt über gemeinsame Erfahrungen der Protagonisten bei ihrer Suche nach Freiheit verknüpft sind. Die Figuren wirken authentisch und ihre Handlungen erscheinen plausibel, weil sie für die jeweilige Zeit als mögliches Geschehen konstruiert sind sowie trotz der spannungsgeladenen Besonderheiten zeittypische Erfahrungen aufnehmen.

So kann Harrys Geschichte stellvertretend für die Verwirrung und den Umbruch, den viele junge Menschen in der Nachkriegszeit erlebten, gelesen werden. Die Figur ist wertorientiert angelegt, sie zeigt, wie Harry sich von ideologischen Fesseln befreit. Dabei ist sie nicht heldenhaft überhöht, sondern überzeugt, wie über menschliche Erfahrungen, Gespräche und Musik ein Wunsch nach demokratischer Freiheit entstehen konnte.

Auch Jennys Geschichte ist als Entwicklungsgeschichte erzählt, auch sie ist keinesfalls fehlerfrei. Ihre Geschichte steht – insbesondere in Verbindung mit der von Nicole – für die Attraktivität freiheitlichen Denkens. Sie bietet darüber hinaus einen tiefen Einblick in das Funktionsgefüge der DDR sowie einen der grausamsten Orte des Unrechtsregimes. Auf allen drei Zeitebenen lässt die Erzählung erkennen, wie wenig die Zukunft determiniert ist; beispielsweise, wenn anlässlich der Versöhnung von Jenny und Nicole Frieda 1991 sagt:

„Stell dir das mal vor, Jenny, du und Nicole, ihr wärt ein richtiges Paar und ihr würdet ein Kind aufnehmen. Nee, so naiv bist du nicht, Jenny. So wird es nicht kommen. Klar, vielleicht ist die Gesellschaft eines Tages so weit, dass Menschen desselben Geschlechtes heiraten und Kinder adoptieren können, aber bestimmt nicht zu deinen Lebenszeiten.“ (S. 298f.)

Nadiems Geschichte erzählt aber genau das, was Frieda dreißig Jahre zuvor nicht für möglich gehalten hat. Seine Geschichte steht außerdem für die Schwierigkeiten, sich gegen Vorurteile zu wehren, aber sie ist auch ein starkes Beispiel für die Macht einer größeren Öffentlichkeit, die Kraft von Freundschaft sowie der Bedeutung, für seine individuellen Ideale mit anderen gemeinsam einzustehen.

Interessant sind im Roman auch die Nebenfiguren konstruiert. Sie scheinen zunächst einem einfachen Schwarz-Weiß-Schema zu unterliegen, aber im Verlauf der Handlung werden die meisten ausdifferenziert und ebenfalls mit bemerkenswerten Entwicklungen gezeigt. Beispielsweise erscheint Arthur zu Beginn als derjenige, der Nadiem ins Verderben stürzt, weil er die Schlägerei-Szene gefilmt hat. Wie eine Nazi-Gruppe es schafft, diesen Film, der aus ganz anderen Motiven entstanden ist, zu missbrauchen, wird erst allmählich aufgedeckt. Und letztlich gehört Arthur zu einem wichtigen Unterstützer für Nadiems Poetry-Slam-Projekt, als das durch rechtsextreme und rassistische Bedrohung zu scheitern droht.

Arthurs Idee, Geschichten zu sammeln, wird von Nadiems Freundin Ayla zu einem Kunstprojekt ausgeweitet. Das fließt im letzten Kapitel vom Autor brillant inszeniert in einer Herausgeberfiktion für den Roman zusammen und wird am Ende mit einem Angebot auf der Homepage des Autors verknüpft, seine eigene Geschichte dort zu hinterlegen.

So erscheint das Ende von Nadiems Poetry-Slam-Textes nicht nur als Ausfluss seiner Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern auch als Aufruf für die Gegenwart und Zukunft:

„(…) Ja, wir sind Ninjas und werfen mit Gendersternchen

An den Horizont der neuen Galaxis

Aus Liebe und Fantasie

und ein Meer aus Grablaternen

erinnert an die,

die vor uns kämpften und Wege erschlossen,

ihre Tränen vergossen,

damit wir auf ihren Schultern stehen, um nach vorne zu sehen,

damals wie heute, wir und sie:

Jetzt oder nie, für die Demokratie!“ (S. 346f)

 

 

 Fazit

Wenn die Welt unsere wäre kommt ohne aufdringlichen didaktischen Zeigefinger daher und ist dennoch ein beeindruckendes Spiel mit Vergangenheit, Gegenwart und einer demokratiebildenden Intention. Zahlreiche Musiktitel, die über einen QR-Code als Playlist heruntergeladen werden können, bereichern den Roman, weil sie zusätzlich den jeweiligen Zeitgeist spiegeln, in dem Linker seine Protagonist:innen angesiedelt hat, und bereichern die Leseerfahrung um eine weitere Dimension.

Der Text ist durch seine sprachliche Einfachheit leicht lesbar, so dass Jugendliche die komplexen historischen Zusammenhänge gut verstehen können; die emotionalen Themen setzen zwar ein gewisses Maß an Reife voraus, aber Leser:innen ab 13 Jahren sollten diese in ausreichendem Umfang mitbringen, um mit einem spannenden Leseerlebnis eigene Werthaltungen reflektieren und ausdifferenzieren zu können. Als Schullektüre bietet sich der Roman für fachübergreifende Projekte (Deutsch, Geschichte, Politik, Musik und Ethik/Religion) besonders an, weil er auf vielen Ebenen Anlässe für unterrichtliche Anschlusskommunikation bietet.

Titel: Wenn die Welt unsere wäre
Autor/-in:
  • Name: Linker, Christian
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: dtv
ISBN-13: 9 783423 741262
Seitenzahl: 350
Preis: 16,00€
Altersempfehlung Redaktion: 13 Jahre
Wenn die Welt unsere wäre gelbe Schrift auf blauem Grund