Inhalt

Als eines Tages der Milliardär Russel Picket verschwindet und eine Belohnung von 100.000 Euro für Informationen aussteht, machen Aza und ihre beste Freundin Daisy sich auf die Suche nach ihm. Im Rahmen ihrer Ermittlungen trifft Aza auf Davis Picket, Sohn des verschwundenen Milliardärs und Kindheitsfreund aus dem Sommercamp für Waisen. Beide haben in ihrer Kindheit einen Elternteil verloren. Zwischen ihnen entwickelt sich nun eine tiefe, aber durch Azas Zwangsstörung auch komplizierte Beziehung. Davis versteht Aza, ihre „Herzen waren an der gleichen Stelle gebrochen“ (S. 227). Doch gleichzeitig ist da die Stimme in Azas Kopf: Intimität macht ihr Angst, den Austausch von Bakterien kann sie nicht ignorieren und das verhindert eine ‚normale’ Beziehung zu Davis. Außerdem ist da noch Davis Vater, der sein gesamtes Vermögen an die Brückenechse Tuatara vererbt hat und es gibt keine Hinweise zu seinem Aufenthaltsort. Auch die Beziehung zu Daisy, ihrer beste Freundin, wird auf die Probe gestellt. Aza ist so mit ihrem eigenen inneren Kampf beschäftigt, dass sie Daisys Probleme nicht sieht. Der Konflikt eskaliert und endet mit einem Autounfall, in welchem Azas geliebter Wagen zerstört wird. Aza landet anschließend selbst im Krankenhaus – ihr größter Albtraum –, wo die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit dem C. Difficile Bakterium deutlich erhöht ist. Aza bekommt eine Panikattacke. Nachdem sie sich wieder erholt hat und zur Schule zurückkehren darf, versöhnt sie sich mit Daisy und und löst mit ihr gemeinsam das Rätsel um den Verschwundenen: Als das Kunstwerk ihres Freunds Mychal in einer Vernissage in einem Kanalisationstunnel ausgestellt wird, entdecken Aza und Daisy dort durch Zufall das fehlende Puzzleteil in der Suche nach Davis Vater. Es deutet auf seinen Tod hin. Aza erzählt Davis von diesem Verdacht und dieser meldet sich anonym bei der Polizei. Die Polizisten finden daraufhin tatsächlich die Leiche von Russel Picket. Aufgrund ihrer neuen Lebensumstände beschließen Davis und sein Bruder nach Colorado umzuziehen und Davis verabschiedet sich von Aza.

 

Kritik

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green ist ein Coming-of-Age-Roman, welcher das Heranwachsen von Aza Holmes eindrücklich darstellt und typische Elemente dieses Genres aufweist. Die Auseinandersetzung mit der psychischen Krankheit steht dabei im Vordergrund der Geschichte. Sie ist die Herausforderung, mit der Aza konfrontiert wird und der sie sich stellen muss. Besonders bewegend ist dabei, dass das schlussendliche Ziel bzw. das Ende der Geschichte nicht mit dem Besiegen der Erkrankung einhergeht. Die Ängste und Gedanken bleiben ein Teil von Aza, hindern sie aber nicht daran, trotzdem weiterzumachen und für ein erfülltes Leben zu kämpfen. Auf den letzten Seiten wird den Leser*innen ein Einblick in ihr weiteres Leben gewährt:

„Ich weiß, dass sie weitermachen würde. Sie würde erwachsen werden, sie würde Kinder bekommen, die sie liebt. Sie würde, obwohl sie ihre Kinder liebte, zu krank werden, um sich um sie zu kümmern, käme in eine Klinik. Es würde ihr besser gehen und dann wieder schlechter. Ich weiß, ein Therapeut würde zu ihr sagen: Schreib alles auf.“ (S. 31).  

In diesem Zusammenhang ist die Verwendung eines Ich-Erzählers essenziell. Die Erzählung ist stark an Aza gebunden. Den Leser*innen wird ihr Innenleben offenbart, was entscheidend bezüglich des Romaninhalts ist. Sie werden mitgenommen in Azas Gedankenspiralen und dürfen buchstäblich erleben, wie die Protagonistin in ihrer eigenen Welt verschwindet.                                                                                                          

Aza durchläuft im Roman den Prozess des Erwachsenwerdens. Dabei steht insbesondere das Motiv der Identitätssuche im Fokus. Aza zweifelt die Existenz ihres eigenen 'Ichs' an. Sie bestehe nur aus vielen Bakterien: „Wenn ich in mich reinsehe, finde ich keine richtige Person – nur einen Haufen Gedanken und Verhaltensweisen und Umstände. Und vieles davon hört sich nicht an, als würde es mir gehören“ (S. 269). Dazu zählt ihr zwanghafter Tick, sich ständig mit dem Fingernagel in die wunde Fingerspitze zu bohren. Damit prüft sie, ob sie wirklich echt ist. Doch auch das ist für sie manchmal kein ausreichender Beweis: „Man kann nie wissen, ob man nicht in Wirklichkeit im Auftrag irgendeines Parasiten handelt“ (S. 173). In diesem Zusammenhang überfällt Aza häufig ein Gefühl der Fremdbestimmung und des Kontrollverlusts, die in ihr das Bedürfnis nach dem Ausbrechen auslösen:

„Ich hasste meinen Körper. Er ekelte mich an – seine Behaarung, seine Schweißperlen, seine Hagerkeit. Ein mit Haut bezogenes Skelett, eine wandelnde Leiche. Ich wollte raus da – aus meinem Körper, aus meinen Gedanken, einfach raus – aber ich saß fest, genau wie die ganzen Bakterien, die in mir wimmelten“ (S. 178).

Von zentraler Bedeuting im Roman ist außerdem das Reptil Tuatara. Bezogen auf die Geschichte wirkt die Rolle des Tieres fast überspitzt. Der Milliardär Russel Picket vererbt der Tuatara sein gesamtes Vermögen; seinen Söhnen hinterlässt er nichts. Er ist überzeugt gewesen von der Forschung – Tuataras gebe es schon tausendmal so lange wie den Menschen. Russel Picket liebte diese Art, „weil sie so erfolgreich ist“ (S. 197). Für die Leser*innen wirkt dieser Sachverhalt zunächst absurd, aber die Tuatara lässt sich in Analogie zu Azas Zwängen interpretieren. Ähnlich wie Picket von der Tuatara eingenommen ist und ihre Bedeutung in seinem Nachlass sogar über die seiner Söhne stellt, wird auch Azas Leben häufig von ihren Ängsten geleitet. Diese Verbindung wird im Gespräch mit ihrer Mutter hervorgehoben. Bezogen auf Picket zeigt Azas Mutter auf, dass man aufpassen müsse, wem oder was man seine Gedanken und Anbetung schenkt: „Man ist immer nur Diener dessen, was man anbetet“ (S. 295) – ein Gedanke, der auch für Azas empfundenen Kontrollverlust in der Gedankenspirale zentral ist. Auch das Motiv des Todes bestimmt die Geschichte über Aza. Ihr Vater ist in ihrer Kindheit an einem plötzlichen Herzversagen verstorben und diese traumatische Erfahrung hat sie geprägt und verbindet sie mit Davis: „Wenn du einmal jemanden verlierst, weißt du, dass du alles verlierst“ (S. 96). Aufgrund ihres Verlustes schwelgen sowohl Aza als auch Davis viel in Erinnerungen an ihre Kindheit. Das Liegen unter dem freien Sternenhimmel bietet ihnen dabei einen Rückzugsort und Trost. Wenn man Sterne betrachtet, die Lichtjahre entfernt sind, ist das ein bisschen wie in die Vergangenheit sehen. Ein weiteres Motiv ist hierbei die erste Liebe: Aza und Davis Beziehung ist bestimmt durch ein tiefes Verständnis. Das Verhältnis zeichnet sich durch eine emotionale Intimität aus. Im Gespräch mit Davis ist Aza häufig präsenter als im Zusammensein mit ihren Freund*innen und ihrer Mutter. Davis hegt in ihr das Bedürfnis 'normal' zu sein. Manchmal schafft sie es, mit ihm einen immateriellen Raum zu betreten: Beim Videochat

„hatte ich auf einmal nicht mehr das Gefühl, in meinem Bett zu sein, und er war nicht mehr in seinem. Stattdessen waren wir zusammen an einem nicht sinnlich erfassbaren Ort, fast als wären wir im Bewusstsein des anderen. Eine Nähe, die das echte Leben mit seinen echten Körpern niemals erreichen könnte“ (S. 213).

Davis ermutigt Aza, sich zu öffnen und verurteilt sie nicht. Die beiden teilen auch eine Liebe für Metaphern: Sie nutzen beide Bildsprache, um das Leben, seine Verworrenheit und den Schmerz begreiflich zu machen. Zum Schluss reflektiert die Erzählinstanz über die Bedeutung ihrer Beziehung zu Davis:

„Du erinnerst dich an deine erste Liebe, weil sie dir zeigt, weil sie der Beweis dafür ist, dass du lieben kannst und geliebt werden kannst, dass außer Liebe nichts auf der Welt verdient ist, dass Liebe sowohl der Weg ist, der dich zum Menschen macht, als auch der Grund“ (S. 311).

 

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green ein feinfühliger, tiefsinniger Coming-of-Age-Roman ist, der die Thematik der Zwangsstörung anschaulich und ernst darstellt. Er zeigt auf, wie ein Weiterleben trotz aller Herausforderungen und Verluste möglich ist. Aber auch wie wichtig Freundschaft, Familie, Liebe und Hoffnung sind. Da der Roman also zentrale Themen der Adoleszenz behandelt, mit denen sich jugendliche Leser*innen identifizieren können, stimme ich der Altersempfehlung des Verlags ab 14 Jahren zu. Gleichzeitig stellen Avas Zwangsstörung und ihre Konsequenzen ein sensibles Thema dar, welches einen reflektierten Umgang erfordert.

 

Titel: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken
Autor/-in:
  • Name: Green, John
Originalsprache: Englisch
Originaltitel: Turtles all the way down
Übersetzung:
  • Name: Zeitz, Sophie
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2019
Verlag: Dtv
ISBN-13: 978-3-446-25903-4
Seitenzahl: 288
Preis: 13,00€ (Taschenbuch), 20,00€ (Hardcover)
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Buchcover mit zwei schematisch dargestellten Schildrkröten am unteren Rand; Autor (John Green) und Titel des Romans (Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken) sind in Spiralform und in blauer sowie orangefarbener Schrift groß notiert.