Inhalt
Julia Willmann stellt ihrem aktuellen Kinderroman ein Vorwort voran: von einem heftigen Sturm an der Küste wird gesprochen und von einem großen Regen, der ihm folgt. Grund für Juno Fein Gummistiefel anzuziehen: ewige, knallrote, „rot wie Knall.“ (Willmann/Rassmus 2026: 12)
Ja, Juno, zehnjährige Protagonistin dieses Kinderromans wird die roten Gummistiefel in diesen Sommerferien jeden Tag tragen, denn das schlechte Wetter an der See hält sich erstmal hartnäckig. Dabei wird das Wetter auch symbolisch aufgeladen, denn dieser Sommer wird herausfordernder, anders als die letzten. Juno lebt mit ihrem Vater im Strandhotel Pia, das Hotel gehört ihrem Vater, aufgebaut hat er es mit Junos verstorbener Mutter Pia. Juno liebt die Sommer, wenn das Haus voller Gäste ist und sie den Urlaubskindern geheime Plätze zeigt. Dass es dieses Jahr anders sein wird, erfährt sie im zweiten Kapitel, als sie – draußen vorm Hotel – ihren Vater laut schreien hört und sieht, wie er dicke, schwere Aktenordner aus dem Fenster hinaus in den Regen wirft, die dann auch noch das rostige S und das T des Wortes Strandhotel Pia überm Eingangsbereich mit sich reißen. Innerhalb von Sekunden wird aus dem Hotel ein „Randhotel“. Kurz darauf erfährt Juno von ihrem Vater, dass sie aufgrund der Konkurrenz durch andere Hotels im Ort dieses Jahr keine einzige Buchung haben, das Personal hat, bis auf zwei Personen, gekündigt: Janek, der die Buchhaltung macht, still, der sich oft und schnell Sorgen macht, kleinwüchsig ist und ein enger Vertrauter für Juno; und Adelheid, die Köchin, mit ihrer besonderen Sensibilität für die feinsten Geräusche, die die besten Klappstullen macht und, wie sich herausstellen wird, wunderbar singen kann. Und nicht zu vergessen das Huhn Salpetta, das im Gegensatz zu den anderen Hühnern mit im Innenbereich des Hotels lebt.
Während Junos Vater Holm nach dem Geständnis in eine depressive Verstimmung verfällt und tagelang sein Bett nicht verlässt, erwacht in dem Mädchen der Kampfgeist: So leicht wird sie ihr einzigartiges Zuhause nicht aufgeben und wenn die Gäste nicht zu ihnen finden, dann werden sie von Juno gesucht und gefunden! Es darf nur kein Angstplan werden, Angstpläne entstehen durch Aktionismus, der aber zu nichts führt. Nein, Juno möchte erstmal beobachten, z. B. als sie eins der schicken Hotels, ein „Palace“-Hotel im Ort besucht: wo alles wüstensandfarben ist, Wände, Boden, Teppiche, Sessel – selbst die Hotelgäste sind alle beige. Dort trifft sie zufällig auf die Schuberts, die Oberstudienräte, die Jahr für Jahr mehrere Wochen bei ihnen im Strandhotel Pia Urlaub machten. Sie sind die einzigen bunten Gäste in dieser beigen Kulisse. Wie Juno nun herausfindet, mussten sie sich, da Frau Schubert einen Rollator braucht, für ein anderes Hotel mit Aufzug entscheiden – den das Hotel von Junos Vater nicht hat. Glücklich scheinen sie in dem beigen Hotel allerdings nicht zu sein.
Die kluge Protagonistin erkennt, dass ihr eigenes Hotel zwar höchst individuell gestaltet ist, aber einerseits nicht auf alle Bedarfe eingerichtet, zum anderen hat der Vater wahrscheinlich in den letzten Jahren – seitdem seine Frau und Junis Mutter gestorben ist, nichts mehr investiert: An der Rezeption steht ein Topf, der die Regentropfen auffängt, die durch ein Loch im Dach fallen. Doch sie bleibt willensstark: Ein buntes Hotel braucht bunte Gäste. Stück für Stück ziehen weitere Figuren ins Hotel ein: Fred, ein wahrscheinlich wohnungsloser Mann, der mit französischem Akzent spricht, wohl aber weniger aufgrund seiner Herkunft als aus Koketterie, Junos Klassenkamerad Benne mit den unzähligen Sommersprossen, der die Ferien bei seinem Onkel im Ort verbringt und ein eigenes Segelboot hat, und die Schwestern Grete und Liv, einst erfolgreiche Musikerinnen, bevor Grete an Demenz erkrankte. Diese Figuren lösen unterschiedliche Dynamiken in der Narration aus: Fred kann sehr gut rasieren, schafft es, Junos Vater wieder in den Alltag zurückzubringen, mit Benne kann sich Juno wunderbare Spiele in den unterschiedlichen Zimmern des Hotels ausdenken und dank der musizierenden Schwestern erfahren alle von Adelheids Gesangstalent. Gemäß dem paratextuellen Pablo-Neruda-Zitat „Viele sind wir.“ gelingt es ihnen schließlich das Hotel aufzufrischen und vor der Vollstreckung durch das Finanzamt zu retten. Selbst Junos Klassenkamerad:innen kann Benne noch begeistern, bei der Modernisierung zu helfen. Mit einem rauschenden Anfangsfest zu dem Zeitpunkt, als sich die schmallippige Finanzamtsmitarbeiterin Luzi Schreiber angekündigt hat, der laut Juno einfach ein bisschen Glanz fehlt, besiegeln sie die Zukunft des Hotels.
Im letzten Kapitel bricht Juno dann mit ihrem Schlauchboot auf zur Hemma, Bennes Segelschiff, mit dem sie einen Ausflug machen, der natürlich ein symbolischer ist. Denn Juno hat am Tag zuvor beim Anfangsfest etwas für sich festgestellt: „Dass es sich beim Anfangsfest nicht allein um das Hotel, sondern gleich um mehrere Anfänge gehandelt hat. Und ein paar Enden auch.“ (ebd.: 217). Sie empfindet eine „tolle Angst“ (ebd.: 220), ein Ausdruck Junos für eine Angst, die nicht negativ ist, sondern eine Empfindung vor einer Situation, auf die man sich eigentlich einlassen möchte, aber dennoch aufgeregt ist.
Die Protagonistin ist in dem Sommer, in dem sie auf die Erwachsenen aufgepasst hat, „damit die nicht vergessen, wie Erwachsensein geht […]“ (ebd.: 171), gewachsen, gereift. Und wie so oft die Sommerferien in der aktuellen KJL einen Kontext einer Reifung der Figuren darstellen (vgl. Stemmann 2022: 196) und das Ende des Sommers häufig auf das Ende einer Lebens- oder Entwicklungsphase verweist (vgl. ebd.: 198), wird angedeutet, dass für Juno nun etwas Neues beginnt, z.B. die Phase der Adoleszenz und damit eventuell auch eine erste Liebe zu dem Jungen mit den vielen Sommersprossen.
Kritik
Julia Willmann entwickelt eine realistische, zugleich optimistische Sommergeschichte mit sehr gut gestalteten individuellen und sympathischen Figuren, die ihre Leser:innen durch die Geschichte tragen. Besonders die sprachliche Gestaltung ist poetisch und anregend, wenn die roten Gummistiefel je nach Weg unterschiedliche Geräusche machen, wenn im Hotelgarten abends Verliebtenlichter (vgl. Willmann/Rassmus: 20) leuchten, wenn Juno überlegt, auf wie viele Arten ihr Vater laut sein kann, oder wenn ein Regenschwall aufs Fensterbrett „trommelwirbelt“ (ebd.: 30). Es werden viele Themen angedeutet, wie Verlust und Trauer, Arten des Scheiterns und des Neubeginnens, Freundschaft und soziale Vielfalt. Als erwachsener (Mit-)Lesender kommt man vielleicht nicht umhin kritisch zu fragen, wie das Happy End zu bewerten ist. In der Realität lassen sich Vollstreckende des Finanzamts (leider) nicht durch neue Gardinen und frische Farbe an der Wand umstimmen. Es wird aber angedeutet, dass Junos Vater mithilfe eines Kredits die Schulden abzahlen wird – insofern löst das Fest nicht alle Probleme auf, sondern ebnet einen, wahrscheinlich langen und auch beschwerlichen, Weg für die Existenz Junos und ihres Vaters. Die Verantwortung dafür darf die Protagonistin aber mit dem Einsteigen ins Schlauchboot erstmal abgeben.
Jens Rassmus Schwarz-Weiß-Illustrationen mit roten Akzenten erzählen die Geschichte mit, tragen Emotionen und Atmosphäre und bleiben an den richtigen Stellen so deutungsoffen wie der Text. Wie gewohnt arbeitet er mit lockerem, skizzenhaften Zeichenstrich. Die Figuren wirken lebendig und ausdrucksstark, ohne übermäßig detailliert ausgestaltet zu sein. Die Bilder unterstreichen sowohl die Weite und Ruhe des Küstenortes als auch die Wärme der zwischenmenschlichen Begegnungen. Eines der schönsten Bilder ist das letzte, als Juno mit dem Schlauchboot aufbricht und man sie von hinten sieht, ausgestattet mit einem Korb und, wie der Text offenbart, einer tollen Angst, die Rassmus gekonnt mit dunklen Wellen, den fliegenden Haaren Junos und dem in der Ferne winkenden Benne ausdrückt. Die Rückansichten von Figuren bei Rassmus haben stets eine besondere Kraft, egal ob sie auf das Meer und den winkenden Freund blicken oder einen See, der nach einem dreiviertel Jahr im September plötzlich wieder auftaut…
Fazit
Es ist ein spannender handlungsreicher Kinderroman, der zwar recht umfänglich ist, mit seinen sechsunddreißig vergleichsweise übersichtlichen Kapiteln aber gute Leseportionen anbietet. Für Lesende von neun und zehn Jahren ist sicher eine gemeinsame Lektüre vorstellbar, die den Umfang in Vorlese- und Selbstleseanteile teilt. So ist es für den gemeinsamen Sommerurlaub eine tolle gemeinsame Urlaubslektüre. Eine Geschichte, die noch eine Weile im Kopf der Lesenden nachhallen wird: Strandhoteleffekt!
Stemmann, Anna (2022): Sommer, Sonne, Schwimmen. Das Freibad in Kinder- und Jugendromanen der Gegenwart. In: Jakobi, Stefanie/ Kurwinkel, Tobias (Hg.): Narratoästhetik und Didaktik transmedialer Motive in Kinder- und Jugendmedien: Von literarischen Außenseitern, dem Vampir auf der Leinwand und dem Tod im Comicbuch. Tübingen: Narr Francke Attempto, S. 195–211.
- Name: Julia Willmann
- Name: Jens Rassmus