Inhalt

1979, der schlimmste Winter, den das geteilte Deutschland seit langem erlebt hat. Die Eisschollen auf der Ostsee schieben sich unüberwindlich bis zum Horizont, in Schleswig-Holstein sind ganze Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Und mit dieser Schneekatastrophe bricht auch der „Winter“ für Thomas, den Ich-Erzähler, und seine Familie an. Unter einem falschen Vorwand lockt der Vater seine Frau und die beiden Söhne Michael und Thomas in die DDR: Opa sei krank, sie müssten schnell nach Ahlbeck auf Usedom fahren. Doch kaum ist das Staatsgebiet der DDR erreicht, stellt sich heraus: Thomas‘ Vater ist Agent des Staatsministeriums für Sicherheit, der Stasi. Seit 22 Jahren hat er in Hannover Industriespionage betrieben und ist nun aufgeflogen. Sie können nicht mehr zurück nach Westdeutschland. Stattdessen heißt es: Wohnung im Stasi-Hochhaus in Berlin, direkt am „Todesstreifen“. Schnell merkt Thomas, dass er der absolute Außenseiter ist. Nicht nur seine Jeans und Sneaker markieren ihn eindeutig als „Wessi“, er ist auch nicht Mitglied der FDJ, der Jugendorganisation der SDD-Diktatur. Er fremdelt mit dem frontalen Unterricht, den Appellen und nicht zuletzt mit dem Sportunterricht: Weitwurf. Mit entschärften Handgranaten. Bald wird ihm klar: „Jede Zelle meines Körper wehrte sich dagegen. Ich war im falschen Leben. Punkt.“ (Nielsen 2025, 70) Thomas schmeißt die Schule, beginnt eine Lehre. In der Zwischenzeit wird sein Bruder Michael, dem als einziger nicht die DDR-Staatsbürgerschaft aufgezwungen wurde, wieder ausgebürgert und Thomas ist allein. Gemeinsam mit seinen Eltern, die auch zurück in die BRD wollen, wird die Flucht geplant: Über die bundesdeutsche Botschaft in Budapest soll es zurück in die Heimat Hannover gehen. Doch der Fluchtversuch scheitert, einige Zeit später werden die Eltern beim Versuch, über die Ostsee zu entkommen, verhaftet – und auch Thomas wird aus der Wohnung in Berlin in das Gefängnis Hohenschönhausen gebracht. Was nun folgt, sind drei Jahre der Entmenschlichung, der Demütigung, der Isolation, des Wartens. Thomas erlebt, wie Mithäftlinge „gebrochen“ werden, psychisch zugrunde gehen. Er erlebt stundenlange Verhöre, immer in der Angst, dass sein Vater längst tot ist. Er erlebt einen Prozess, dessen Ausgang schon vorher feststeht – und kommt nach Bautzen, zusammen mit anderen Republikflüchtlingen, Regimegegnern, Unangepassten. Im Gefängnis wird Thomas 18 Jahre alt, verbringt die wichtigsten Jahre seines Lebens in Haft, bei schlechtem Essen und eintöniger Arbeit. Als er endlich wieder freikommt, darf er nicht – wie erhofft – nach Westdeutschland: Vom „kleinen“ Gefängnis kommt er zurück in das „große“ Gefängnis DDR. Und darf am Ende, wenige Wochen nach seiner Entlassung, doch gehen: Sein Ausreiseantrag wird genehmigt, Thomas ist frei.

Kritik

In nüchterner Sprache und im dokumentarischen Stil erzählt Maja Nielsen ungeschönt eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte (vgl. Raufeisen 2017), die stellvertretend für viele Schicksale gelesen werden kann. Die Kapitelnummerierungen und Überschriften erzeugen dabei durch die Schreibmaschinenschrift und handschriftlichen Ziffern den Eindruck, als lese man eine historische Akte oder ein Protokoll; sicherlich passt die Typographie hier aber zum Setting der Erzählung und dem bedrohlichen Unterton, der durch die Allgegenwart der Stasi erzeugt wird.

Ich-Erzähler Thomas und auch sein Bruder Micha sind dabei als Figuren nahbar: erste Liebe, Schulstress, komplizierte Eltern, die Frage nach der Zukunft. Doch schon zu Beginn der Erzählung liest sich eine genervte Bemerkung von Thomas über seinen Bruder wie eine düstere Vorahnung: „Meine Fresse! Der stellte sich an, als wäre es eine Trennung für immer. Als ginge er hier und jetzt für Jahre in den Knast. Dabei waren wir spätestens in einer Woche wieder da.“ (Nielsen 2025, 17–18) In rasanter Geschwindigkeit wird dann auch die Welt der Heranwachsenden dekonstruiert. Was anfangs noch wichtig erschien, tritt mit jedem Kapitel mehr in den Hintergrund, bis es für den Protagonisten Thomas nur noch um eins geht: Überleben. Raus aus der DDR: „Ich war achtzehn Jahre alt, Hannover war meine Heimat. Ich wollte einfach nur nach Hause. Das war mein Verbrechen.“ (ebd., 130) Er zieht sich in sich selbst zurück, lernt, dass er niemandem trauen kann. Sogar die Wohnung in Berlin wird abgehört, die Familie kann sich nur bei laufendem Wasserhahn im Badezimmer vertraulich unterhalten. Und in der Schule wird ein Mädchen von der Stasi auf ihn angesetzt – bei dieser Entdeckung wandelt sich Thomas’ anfängliches Interesse in tiefes Misstrauen gegenüber den Menschen, die ihn umgeben. Das zeigt sich vor allem in den vielen Fragen, die der Ich-Erzähler ständig formuliert, oft über ganze Absätze hinweg:

„Konnte es sein, dass sie einen Spitzel auf mich angesetzt hatten? Einen IM – einen Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit? Sollte Smilla mich aushorchen? Und so herausfinden, ob meine Familie etwas plante? Eine mögliche Flucht in den Westen aufdecken zum Beispiel? Hatte sie mich deswegen gefragt, ob ich zurück nach Hannover an meine alte Schule will? Konnte das sein? Eigentlich nicht. Oder doch?“ (ebd., 76–77)

Hier wird nicht nur beispielhaft die Verunsicherung des Protagonisten deutlich, die jede seiner Alltagsentscheidungen begleitet, sondern auch der erklärende Modus DDR-spezifischer Begriffe: IM, Stasi, Sozialismus, konspirative Wohnungen, FDJ, Fahnenappell, Aktuelle Kamera, etc. Über die Fragen des Ich-Erzählers und erklärende Passagen wird so eine Welt eröffnet, die für die intendierten Lesenden fast 40 Jahre nach dem Mauerfall fremd geworden ist. So zeigen Studien, dass das Wissen über die Zeit der Diktatur in Ostdeutschland bei Jugendlichen lückenhaft ist (vgl. Schroeder 2012). Umso wichtiger erscheint die Lektüre dieses packenden Romans, der mit dem Einblick in die Gedanken des Protagonisten das Leben in der DDR nachspüren und immer wieder atemlos innehalten lässt, vor allem in den Kapiteln, die Thomas‘ Zeit im Gefängnis erzählen: Die Schilderungen sind hier schmerzhaft authentisch und stellenweise kaum zu ertragen. Hilfreich für die Einordnung ist hier neben den Erklärungen im Text auch der Anhang mit Personenverzeichnis, Begriffserklärungen, Informationen zu Orten und Gebäuden sowie Tipps für weiterführende Informationen, z. B. Gedenkstätten, Web- und Literaturhinweisen.

Über Thomas hinaus sind die Figuren zumeist als ergänzende Gegenpole konzipiert, die Eltern sogar erschreckend naiv dargestellt. Gerade der Vater, Armin Raufeisen, geht – aus heutiger Perspektive – „blauäugig“ zurück in den sozialistischen Staat, voller Hoffnung auf ein gutes Leben. Auch er wird schrittweise desillusioniert, nach dem gescheiterten Fluchtversuch über Ungarn in den Ruhestand versetzt und sein Leben so stückweise zerstört: „Den Mann, mit dem ich vor zwei Jahren in der sengenden Mittagsglut zum Krater des Vesuvs hinaufgestiegen war, gab es schon lange nicht mehr.“ (Nielsen 2025, 126) Der Ich-Erzähler schwankt im Lauf der Geschichte dabei zwischen einer tiefen Verachtung für den Mann, der ihn aus seinem Leben in Hannover gerissen und die Familie jahrelang belogen hat, und der Sorge um das Leben seines Vaters. So berichtet Thomas über die stundenlangen Verhöre im Gefängnis: „Und dennoch hielt ich so lange durch, wie ich konnte. Für Papa. Um ihn zu schützen. Denn er würde am härtesten bestraft, das war mir klar.“ (ebd., 130) In dieser Passage wirkt Thomas erwachsener und realistischer, stärker als die Eltern. So auch, wenn er und Michael in verschiedensten Situationen der Mama Mut zusprechen: „Immer, immer wieder geht die Sonne auf!“ (ebd., 142)

Mit diesem hoffnungsvollen Ton endet der Jugendroman auch, als Thomas es mit Hilfe seines einziges Freundes Ronny noch rechtzeitig zum Bahnhof Schönefeld schafft, um den Interzonenzug in Richtung Westen zu erwischen und endlich auszureisen – ein beschönigendes Happy End? Eher eine teilweise Entlastung der Lesenden, bleibt neben der Erleichterung über die geglückte Rückkehr doch die Bedrückung bestehen, dass Thomas seine Eltern und Großeltern in der DDR zurücklassen muss.

 

Fazit

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026, Gewinner bei Die besten 7 Bücher für junge Leser 2025 im Deutschlandfunk und Toptitel bei Boys & Books 2025: Die Auszeichnungen des Jugendromans unterstreichen die Relevanz der Thematik und die Eindrücklichkeit der Erzählung.

Der Vorwurf der Einseitigkeit, der bei Darstellungen der schlimmsten Seiten der DDR immer wieder geäußert wird, trifft auf Maja Nielsens Jugendroman dabei nicht zu: In Ronny hat Thomas einen Freund, der im System klarkommt; es gibt die Großeltern, die sich bewusst für ein Leben in der DDR entschieden haben, trotz aller Kritik. Und der Vater steht beispielhaft für die ambivalenten Figuren der Erzählung und deren zweifelndes Verhältnis zur Diktatur: Bleiben oder gehen? Keine einfache Entscheidung, wie auch der Erzählstrang der Großeltern zeigt. Und nicht zuletzt muss sich auch Thomas in den Alltag des Regimes – zumindest zeitweise – einfügen, geht bowlen, rast mit dem Auto auf dem Berliner Ring, beginnt eine Lehre. Diesen Alltagserfahrungen ist jedoch der Denkrahmen des Unrechtsstaates eingeschrieben: ein wichtiger und absolut berechtigter Impuls in Zeiten, in denen auf beiden Seiten des politischen Spektrums radikale und demokratiefeindliche Lösungen politischer Probleme gefordert werden.

Ein unbedingt lesenswerter, authentischer Jugendroman, der sich für die Lektüre im Deutsch- und Politikunterricht ab der 8. Klasse eignet und sogar die Möglichkeit eröffnet, Zeitzeugen – darunter auch Thomas Raufeisen selbst! – kennenzulernen.

 

Literatur

Nielsen, Maja (2025): Das falsche Leben. Hildesheim: Gerstenberg.

Raufeisen, Thomas (2917): Ich wurde in die DDR entführt. Von meinem Vater Er war Spion. Eine deutsche Tragödie. Freiburg: Herder.

Schroeder, Klaus (2012): Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen. Frankfurt am Main: Lang.

 

Titel: Das falsche Leben
Autor/-in:
  • Name: Maja Nielsen
Erscheinungsort: Hildesheim
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Gerstenberg
ISBN-13: 978-3-8369-6355-8
Seitenzahl: 192
Preis: 15,00€
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Dargestellt ist eine große Mauer, die das Bild bestimmt; davor geht eine Figur entlang.