Inhalt

1939: Ada lebt in London, in einer Gasse nicht weit entfernt von den Docks. Ada ist zehn Jahre alt. Und Ada hat die kleine Wohnung über dem Pub noch nie verlassen. Tag für Tag sitzt sie auf einem Stuhl am Fenster und schaut sich das Treiben auf der Straße an. Denn Ada hat einen Klumpfuß. Sie wächst auf mit den Worten ihrer Mam: „Du bist ein Krüppel und fertig. Ein Krüppel und nichts als ein Krüppel. Was anderes bist du nie gewesen. Verstanden?“ (Brubaker Bradley 2025: 308) Ihr kleiner Bruder Jamie hingegen geht jeden Tag zur Schule, zieht mit den Jungs des Viertels um die Blocks. Trotz ihrer Behinderung kümmert sich Ada liebevoll um ihn, da die Mutter nachts arbeitet und tagsüber schläft.

Als eine Invasion der nationalsozialistischen Armee immer wahrscheinlicher wird, werden Millionen von Kindern aus London auf das umliegende Land gebracht. Auch Jamie soll sich ihnen anschließen – ohne Ada. Die sieht in der „Kinderlandverschickung“ ihre Chance, der sadistischen Mutter, die sie als Strafe unter der Spüle einsperrt und bei kleinsten und scheinbaren Fehlern prügelt, zu entkommen. Heimlich schließt sie sich am Tag der Evakuierung Jamie an und die beiden kommen in ein Dorf im County Kent, nahe der Küste. Doch niemand will die beiden verarmten, schmutzigen Kinder aufnehmen – bis auf Susan, die von der Leiterin des Freiwilligenkorps dazu gedrängt wird. Was als unfreiwilliges Arrangement beginnt, entpuppt sich im Lauf des nächsten Jahres als das größte Wunder, das den beiden Kindern je widerfahren ist. Unter der hingebungsvollen Fürsorge von Susan blühen die Kinder langsam auf, können alte Wunden heilen und die geschundenen Seelen aufatmen: Ada bekommt Gehhilfen, lernt auf dem Pony Butter zu reiten und ist endlich frei, nicht mehr begrenzt auf nur einen Raum und ein Fenster, nein, frei: Reitend erkundet sie die Gegend, schließt Freundschaften, kann anderen helfen und entkommt so Schritt für Schritt dem Denken und Handeln ihrer Mutter, die sie bisher kleingehalten und psychisch gebrochen hatte. Die beiden Geschwister erleben das erste Mal, dass Bäume ihre Blätter abwerfen und im Frühjahr wieder grün werden, sie dürfen viel und reichhaltig essen, bekommen Geschenke zu Weihnachten, werden nicht geschlagen, Ada spürt das Gras unter ihren Füßen – Fürsorge und Geborgenheit prägen ihr neues Leben. Bis zu dem Tag, an dem ihre leibliche Mutter auftaucht und die beiden Geschwister wieder mit nach London nimmt. Ein weiterer Glücksfall trotz der Kriegsereignisse, wie sich am Ende herausstellt: In ein und derselben Nacht werden Susans Haus und London bombardiert. Ada und Jamie überleben in einem Schutzraum und Susan überlebt, weil sie auf dem Weg nach London war, um die Kinder zurückzuholen – niemand war im Haus, das dem Erdboden gleichgemacht wurde. So sind alle drei am Ende wieder zusammen, frei und am Leben.

 

Kritik

Gras unter meinen Füßen ist als Jugendroman der neueren geschichtserzählenden Literatur zu charakterisieren. Hier werden zeitgeschichtliche Ereignisse mit Elementen des modernen bzw. problemorientierten und auch des Adoleszenzromans erzählt (vgl. von Glasenapp 2018: 276). Im Rückblick berichtet die Ich-Erzählerin Ada von dem Jahr, das ihr Leben veränderte, in dem sie zu leben begann. Durch die Innenperspektive werden die historischen Begebenheiten und deren Wahrnehmung aus einer kindlichen, oft auch naiven Sicht beschrieben, wobei vor allem die Auswirkungen der Hospitalisierung Adas erschreckend deutlich werden: Sie kennt keine Worte, weiß nichts über soziale Umgangsformen oder über die Natur.

Als die Bäume vor einer Weile nach und nach die Farbe gewechselt hatten, hatte mich das erschreckt. Susan hatte mich beruhigt und mir erklärt, dass das jedes Jahr passierte. […] Susan war jetzt nicht mehr so überrascht von all den Dingen, die wir nicht wussten. Wenn sie mir zeigte, wie man etwas kocht oder näht, begann sie immer ganz am Anfang. (Brubaker Bradley 2025: 203)

 Adas ganzes Leben war bisher geprägt durch den Entzug sozialer Interaktion, fehlende sensorische, akustische und optische Reize – sie ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und emotional geschädigt, sodass sie regelmäßig Panikattacken hat, z. B. wenn die Bomben fallen oder auch, wenn ihr etwas Gutes geschieht, das sie nicht annehmen kann, weil sie – so sagt ihre leibliche Mutter – ein „Krüppel“ ist:

Ich weiß nicht, wie lange ich schrie und um mich schlug. Ich weiß nicht, wie lange Susan mich festhielt. Ich trat nach ihr und kratzte sie, vielleicht hätte ich sie auch gebissen, aber sie hielt mich immer weiter fest. (ebd.: 225)

Durch die feinfühlige, psychologische Ich-Erzählweise wird es den Lesenden ermöglicht, Adas begrenzte Welt und deren Entfaltung nachzuvollziehen. Dabei ist vor allem der Beginn der Geschichte mit den wiederholten Schmähungen durch die Mutter, die noch lange in Ada nachhallen, beim Lesen kaum zu ertragen. Adas Strategie ist dann, sich in ihren Kopf und ihre Fantasie zu flüchten: „Wenn alles richtig schlimm wurde, konnte ich mich in meinen Kopf zurückziehen. Ich wusste schon immer, wie das geht.“ (ebd.: 19)

Die Reise mit dem Zug nach Kent im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ kann hier als Übergang oder Schwelle, aber auch als Flucht gelesen werden hin zu einem neuen Leben, als Befreiung aus der Isolation, wie Ada selbst mit einem intertextuellen Verweis auf Alice im Wunderland resümiert: „Wir waren genauso, Jamie und ich. Wir waren durch ein Kaninchenloch gefallen und in Susans Haus herausgekommen, wo nichts mehr Sinn ergab, überhaupt nichts.“ (ebd.: 233) Das Motiv des Ausreißens wird hier mit dem Motiv der Behinderung verwoben. Bemerkenswert ist dabei, dass Ada diese Befreiung selbst initiiert, indem sie heimlich übt zu laufen und sich dann ihrem Bruder für die Kinderlandverschickung anschließt. Die Erzählung ist also auch als eine Geschichte der Selbstbemächtigung, des Empowerments zu lesen. Daran anschließend ist in der retrospektiven Erzählweise auffällig, dass Ada Begriffe immer wieder für sich reflektiert und einordnet, z. B. im Umgang mit dem Pony Butter:

Dann legte ich ihm das Zaumzeug an, und es passte. (Alle diese Wörter kannte ich da noch nicht: Zaumzeug, Trensengebiss, Zügel, Backenstück oder Genickstück. Aber jetzt kenne ich sie. Und das Ding mit den Blättern und der Zeichnung von einem Pferd mit Zaumzeug, das war ein Buch. Mein erstes.) (ebd.: 87)

Das Pony nimmt in Adas neuem Leben eine zentrale Rolle ein: Es ist ihr Hilfsmittel, um das Dorf und das Umland zu erkunden. Über die Pferde findet sie ihre Freundin Maggie, kann sie Fred im Stall helfen. Die Tiere haben in der Erzählung also eine Kompensations- und Initiierungsfunktion und helfen Ada, ihre körperlichen und sozialen Defizite zu überbrücken.

Mit dem zentralen Motiv der Behinderung schließt der Jugendroman dabei an eine lange Tradition der Kinder- und Jugendliteratur an (vgl. Dube 2020). Interessant ist die historische Perspektive auf körperliche Behinderung. Wie wurden behinderte Menschen vor 90 Jahren behandelt? Was dachte die Gesellschaft über sie? Der Roman eröffnet hier ein Spektrum von der absoluten Isolation bis hin zur Sichtbarkeit und Integration und zeigt, dass Behinderung immer auch eine soziale und kulturelle Konstruktion ist. Auch wenn Ada aufgrund ihrer Behinderung nicht in die Schule gehen darf, findet sie doch eine Aufgabe und hilft Fred mit den Pferden. Ihre körperliche Behinderung bleibt jedoch eine „unumkehrbare Konstante“ (von Glasenapp 2014: 5), anders als die emotionalen und psychischen Beeinträchtigungen, für die im Laufe der Erzählung eine Besserung zu beobachten ist, wenn auch keine Heilung.

Irritierend ist allerdings der ‚Heldenmoment‘, also dass Ada sich die Akzeptanz der Dorfgemeinschaft „verdient“: Einmal entdeckt sie am Strand einen Spion, der aufgrund ihrer Meldung gefasst werden kann. Daraufhin wird sie als Heldin gefeiert: „Es war, als ob ich im Ort geboren wäre. Als ob ich von hier wäre und zwei gute, gesunde Füße hätte. Als ob ich jemand Wichtiges wäre, jemand, den alle mögen.“ (Brubaker Bradley 2025: 293) Ein anderes Mal hilft sie, nach der Schlacht von Dünkirchen, die verwundeten Soldaten zu versorgen und erarbeitet sich darüber Anerkennung. Diese Episoden lassen beim Lesen stocken: Ada wird hier nicht von ihrem Umfeld akzeptiert, weil sie angenommen wird, wie sie ist, sondern weil sie etwas leistet, sich als Heldin die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft verdient. Diese Darstellungsform muss unbedingt reflektiert werden, gerade weil sie an in der Literatur gängige Bewältigungsstrategien anknüpft und das Heldenmotiv behinderter Figuren fortführt. Daran anschließend muss die Frage formuliert werden, inwieweit die Erzählung die außerliterarische Realität zur Zeit des Zweiten Weltkrieges widerspiegelt und inwiefern heutige Diskurse um Behinderung die historische Darstellung einfärben. Ebenso bieten die Gegenüberstellung der Welten (London – Kent) und Mutterfiguren (Mam – Susan) sowie das idealisierte Happy End Anlass, die Figuren und Handlungen kritisch zu hinterfragen. Auch wenn Adas körperliche Behinderung am Ende nicht geheilt ist, kann sie doch zusammen mit Jamie zu Susan zurückkehren. Hier zeigt die Erzählung typisch utopische Momente, die zur Reflexion der außerliterarischen Realität damals und auch heute anregen.

Verknüpft mit dem Motiv der Behinderung ist der Coming-of-Age-Charakter der Erzählung, welcher auch und vor allem an Adas Beziehung zu ihrer leiblichen Mutter deutlich wird, die sich zwischen Anfang und Ende der Geschichte grundlegend verändert. Akzeptierte Ada am Anfang die Gewalt, die Erniedrigungen und das Eingesperrt-Sein in der Hoffnung, ihrer Mutter irgendwann zu genügen, beginnt sie im Angesicht der Freiheit und der Liebe Susans, die Mutter zu hinterfragen. Es fällt Ada jedoch schwer, sich von ihr zu lösen und sich einzugestehen, dass die Mutter keinerlei Interesse an ihr hat: „Und auch, wenn es mir so vorkam, als würde mich Mam hassen, musste sie mich in Wirklichkeit doch lieb haben, oder?“ (ebd.: 192) Als die Kinder zum Ende für kurze Zeit noch einmal in London sind, schafft Ada es, sich ihrer Mutter zu stellen, sich selbst zu befreien: „Jetzt wusste ich endlich, wogegen ich kämpfte und warum. Und Mam hatte keine Ahnung, was für eine starke Kämpferin ich geworden war.“ (ebd.: 310) Ada befreit sich mit Susans Hilfe aus ihrer Unmündigkeit und Hilflosigkeit und kann Teil der Gesellschaft werden, aus der sie bisher unverschuldet ausgesperrt war. Diese Prozesshaftigkeit ist positiv hervorzuheben.

 

Fazit

Mit Gras unter meinen Füßen, das unter anderem für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert und für Die Besten 7 im Deutschlandfunk ausgezeichnet war, ist Kimberly Brubaker Bradley ein beeindruckender Jugendroman gelungen, der historische Ereignisse mit einer besonderen Coming-of-Age-Erzählung verbindet. Auch wenn die Darstellung von Behinderung mitunter kritisch zu hinterfragen ist, gelingt durch die Ich-Erzählerin Ada ein fesselnder und an vielen Stellen auch bedrückender Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt einer gebrochenen Seele, die unter der Hingabe und Fürsorge einer liebevollen Erwachsenenfigur beginnt zu leben – und nicht nur zuzuschauen.

 

Literatur

Dube, Juliane (2020): Behinderung. https://www.kinderundjugendmedien.de/begriffe-und-termini/kinder-und-jugendliteraturwissenschaft/stoffe-und-motive/4320-behinderung?highlight=WyJiZWhpbmRlcnVuZyIsImJlaGluZGVydW5nZW4iXQ==, 20.07.2026.

von Glasenapp, Gabriele (2014): Simple Stories? Die Darstellung von Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur. In: kjl&m 66 (3), 3–16.

von Glasenapp, Gabriele (2018): Geschichtliche und zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur. In: Günter Lange (Hg.): Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Baltmannsweiler: Schneider, 269–289.

Titel: Gras unter meinen Füßen. Das Jahr, als ich leben lernte
Autor/-in:
  • Name: Kimberly Brubaker Bradley
Originalsprache: Englisch
Originaltitel: The War that Saved my Life
Übersetzung:
  • Name: Beate Schäfer
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2024
Verlag: dtv
ISBN-13: 978-3-423-62823-5
Seitenzahl: 336
Preis: 11,00€
Altersempfehlung Redaktion: 11 Jahre
Cover Gras unter meinen Füßen