Inhalt

Wir befinden uns im Jahr 2065 in einer nicht näher bestimmten Stadt in Deutschland. Aus der Sicht der 16-jährigen Tonia Bender erfahren wir, dass ihr älterer Bruder Rudi verschwunden ist, was angesichts des existierenden Überwachungsstaates (Sensorarmbänder, Handyortung, Kameras) gar nicht so einfach ist. Er hat die Regeln des erwünschten Konformismus gebrochen. Und der Regen spielt bei all dem eine große Rolle, denn Rudis Gesundheit hängt auf schicksalhafte Weise mit dem Regen zusammen. Tonia verlässt daraufhin die bewachte bewohnte Zone und flieht in den Wald. Auf der Suche nach ihrem Bruder reflektiert sie sich selbst und entdeckt ihren Mut. Dabei helfen ihr die enge Bindung, die sie zu ihrem Bruder hatte, und die Gedanken an ihre neue Freundin Sol.

Ich würde es Stück für Stück herausfinden müssen, wie anders ich sein konnte, wie anders ich sein musste, wenn ich wirklich ich sein wollte. (S. 15)

Je weiter die Protagonistin in den vermeintlich unbewohnten Wald vordringt und über die anderen Personen, die sie dort unerwartet trifft, mehr und mehr Details über Rudi und seine Geschichte erfährt, desto mehr dringen auch die Lesenden in die Hintergründe ein. Wir erfahren von einem geheimen wissenschaftlichen Experiment an nonkonform geborenen Kindern und wie die fiktive Welt im Jahr 2065 aussieht. Dabei erleben wir hautnah mit, wie Tonia, aus ihrem gewohnten Umfeld und Alltag herausgerissen und fernab von jeder Zivilisation, die neuen Herausforderungen meistert und dabei über sich selbst hinauswächst.

 

 Kritik

Im Laufe der Erzählung werden viele Gegensätze aufgemacht: Zum einen haben wir die konforme Welt, in der Tonia aufgewachsen ist. Sie ist weitgehend farb- und geruchlos, wohlgeordnet, trocken und irgendwie tot (vgl. S.54 oder S. 282). Es gibt sogar einen Bereich der Stadt, den sie „Trümmerberg“ nennt, ein Überbleibsel des „lange vergangenen Krieges“ (S. 55), bei dem die Menschen sich noch gegenseitig wegen der knappen Ressourcen bekämpft haben.

Zudem werden die Regeln des fiktiven utopisch-dystopischen Staates aufgelistet. Darin geht es vor allem um das erwünschte ressourcenschonende und gesundheitliche Verhalten, dort heißt es aber auch:

Kinder aus nonkonformen Konstellationen sind staatlich unerwünscht. Solche Kinder werden, sollten sie dennoch ausgetragen und geboren werden, geeigneteren Paaren zugewiesen, die aus welchen Gründen auch immer keine leiblichen Kinder zeugen können. Geschlechtsidentische Partnerschaften sind unerwünscht. (S. 93)

In ihrem bisherigen Leben hat Tonia das System, in dem sie lebt, nie in Frage gestellt. Sie war immer stumm, bezeichnet sich selbst immer wieder als „Toni Ohneworte“. Mit diesem Namen haben sie die Mitschüler:innen schon früh betitelt, da sie so selten spricht. Doch durch ihre neue Freundin Sol und das Verschwinden ihres Bruders kommt sie ins Nachdenken und hinterfragt die Dinge, die sie bisher als Wahrheiten betrachtet hat (vgl. S. 73). Sie fragt sich zu Anfang:

Was ist, wenn man sich nicht einfügt in unser System der freiwilligen Konformität, in die Mehrheit der Gleichen und Gleichsein-Wollenden? Was, wenn man einen anderen Weg gehen möchte oder muss als den vorbestimmten? Was geschieht mit den Nonkonformen? (S. 36)

Im Lauf der Geschichte findet sie die Antworten, die sich für sie selbst richtig anfühlen.

Der scheinbar perfekten Welt gegenübergestellt ist die nonkonforme Welt des Waldes: grün, bunt, lebendig, geruchsintensiv und mit viel Regen.

Und wie anders es hier riecht! Statt sonnenaufgeheizten Kunststoffoberflächen, statt Stein und Asphalt und Klimaanlagenduft rieche ich Wasser auf Waldboden, rieche das frische und das sattere Grün des Waldes, die ersten zu Boden gefallenen trockenen Blätter, die jetzt vom Regen zu einem nassen Teppich zusammengepresst werden. (S. 66)

Dadurch, dass die eigentliche Handlung in der Gegenwart und zeitlich chronologischer Abfolge dargestellt wird, Tonias Verbindungen zu ihrem Bruder Rudi und ihrer Freundin Sol jedoch in der Retrospektive, werden immer nur genau so viele Informationen preisgegeben, wie für das Verständnis der Lesenden in diesem Moment notwendig sind, um den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Die am Ende jedes Kapitels eingefügten Briefe offenbaren nach und nach die Hintergründe zum wissenschaftlichen Experiment an den sogenannten „Regenkindern“. Die Lesenden haben dadurch gegenüber der Erzählerin einen kleinen Wissensvorsprung.

Positiv hervorzuheben ist auch, wie vielschichtig die persönliche Entwicklung der Protagonistin vom stummen, konformen Wesen hin zur mutigen Frau, die zu ihrer Individualität steht und ihre Werte verteidigt, dargestellt wird. Ihre Gedanken und Gefühle werden offen kommuniziert und die inneren Konflikte und Selbstzweifel authentisch und glaubhaft wiedergegeben.

Und erst jetzt begreife ich wirklich, was Sol seit Monaten versucht mir begreiflich zu machen: Wie wenig Entscheidungskraft wir einzelnen Menschen darüber haben, was in unserer Welt, was in unserem Leben geschieht. Dass wir eigentlich nichts verändern können. Und dass wir es dennoch immer wieder versuchen müssen, wenn wir nicht dazu verdammt sein wollen, dumpf vor sich hin lebende Wesen zu sein, Maschinen, Einheitsgeschöpfe ohne Gewissen und Gehirn. (S. 247)

Dabei ist sie aber keine Einzelkämpferin, sondern immer in eine Gemeinschaft eingebettet, mit deren Hilfe sie weiterkommt. Selbst wenn sie allein unterwegs ist, zehrt sie von dem Wissen und Support ihres Bruders und spricht sich darüber Mut zu. Der Vergleich mit dem robusten Giersch taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf (vgl. S. 56 oder S. 235).

Und am Ende versteht man dann auch den tieferen Sinn des zunächst nur poetisch klingenden Buchtitels.

 

Fazit

Für diesen Roman kann eine klare Leseempfehlung ab 14 Jahren ausgesprochen werden. Er ist diesem Alter sprachlich und inhaltlich angemessen, die Sätze sind klar und kurz gehalten, büßen dabei aber keineswegs an inhaltlicher Tiefe ein. Der Text eignet sich auch hervorragend, um im gymnasialen Deutschunterricht der Mittelstufe besprochen zu werden, da er vielseitige Ansätze zur Reflexion bietet anhand von Themen, die der Lebensrealität der Jugendlichen nahe sind: verantwortungsvoller Umgang mit Handynutzung und Daten, Gefahren und Vorteile von künstlicher Intelligenz, familiäre Bindung und Konflikte, Toleranz und Akzeptanz von Lebensweisen, die anders sind als die eigene, und vieles mehr.

Titel: Bis der Regen Feuer fängt
Autor/-in:
  • Name: Stefanie Höfler
Erscheinungsort: Weinheim
Erscheinungsjahr: 2026
Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN-13: 978-3-407-79041-5
Seitenzahl: 320
Preis: 18,00€
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Cover Bis der Regen Feuer fängt