Inhalt
Erzählt wird von einem kleinen Sommerendurlaub in Klein-Hilke, einem nichtssagenden Kaff in der Elbtalaue. Simon und seine 5-jährige Schwester Emilia, die Käptn genannt wird, reisen mit ihrem Vater in eine Ferienwohnung, doch nicht allein: Dabei ist auch die 16-jährige Bernadette, die nur noch B. genannt werden will. Sie ist das Patenkind des Vaters, der ihren Eltern einmal eine Auszeit von ihr gönnen will, denn B. sei "schwierig" und die Eltern kommen mit ihr nicht zurecht. Seit sie eintrifft, herrscht eine spannungsvolle Atmosphäre - denn alle sind gespannt, warum dieses Kind so "schwierig" ist und alle sich fragen, ob man denn mit ihr umgehen könne. Feststellen wird man allerdings - sie ist weniger schwierig als anders. Sie will denken, fühlen, spüren - und sich mit dem Leben beschäftigen. Dafür hat sie hochphilosophische Bücher mitgebracht und notiert Gedanken zum Gelesenen und Erlebten in Notizheften. Aufgrund der Größe der Welt, in der sie sich sehr klein zu fühlen scheint, verzichtet sie: Auf Handy, Essen, oberflächige Gespräche, Freund:innen, Kleidung, ein Bett - stattdessen nimmt sie von allem nur das Nötigste - auch um ihren (ökologischen und sozialen) Fußabdruck zu verringern. Täglich geht sie zum Schwimmen, ohne sich abzumelden, nie weiß man wirklich, wie sie sich fühlt, wo sie ist, was sie macht, was sie mag und genau das macht ihren Reiz aus, auch für Simon, der sie sich ein wenig öffnet und der sich mehr und mehr zu ihr hingezogen fühlt. Auch seine kleine Welt verändert sich ein Stück weit - er hat kein Interesse seine zwei besten Freund:innen im Dreierchat up-to-Date zu halten, auch er will im Moment leben und kein Stück von B. verpassen.
Als der Vater einen wichtigen Arbeitsauftrag bekommt, droht der Urlaub abgebrochen zu werden, doch die drei Kinder halten zusammen und gemeinsam mit den Vermieter:innen der Ferienwohnung überstimmen sie den Vater und dürfen die restlichen Tage allein in Klein-Hilke bleiben. Die dadurch entstehende Eltern- bzw. Erwachsenenferne überträgt ihnen Verantwortung, aber auch neue Möglichkeiten. Simon entdeckt seine ersten erotischen Gefühle und beinahe stoßen sie auf Interesse - aber so einfach ist es dann doch wieder nicht - nicht mit B. Doch sie zollt ihm und seinen Eigentümlichkeiten - so ist er leidenschaftlicher Entymologe - Respekt, was auch in Anbetracht des Altersunterschieds (und Simon ist der Jüngere) ungewöhnlich scheint. Aber genau das ist B.: ungewöhnlich. Kurz nach einem mitteldramatischen Höhepunkt, von dem ich an dieser Stelle noch nicht erzählen will, endet der Urlaub dann doch und weg ist sie, diese ungewöhnliche B. - doch nicht komplett. Simon bleiben die Notizhefte, die Erinnerungen und die eigenen neuen Gefühle und Gedanken, die diese B. in ihm ausgelöst hat.
Kritik
In diesem Jugendroman stecken beeindruckend viele Nuancen, Gedanken und Beobachtungen, die mit großer Tiefgründigkeit einhergehen. Die bis ins Kleinste ausdifferenzierten Charaktere, die teils kurzfristigen und schnelllebigen Gefühlsverschiebungen und -veränderungen aufgrund von Erlebnissen, Erfahrungen und tiefer Verbundenheit mit der Natur und der Welt sind beeindruckend. Bezeichnend dafür ist bereits das sehr ansprechende Cover, auf dem man B. von hinten sieht. B. – schon die Abkürzung weckt Spannung, nicht mal einen vollständigen Namen scheint die Figur zu haben, die bis zum Ende rätselhaft und voller Spannung bleibt – für Simon, für alle anderen Figuren und für die Lesenden ebenso.
Die homodiegetische Ich-Erzählung teilt die Gedanken und Erlebnisse Simons mit und dennoch werden immer wieder B.s Gedanken klug eingewoben durch Ausschnitte "Aus dem gelben Heft". Hier finden sich B.s Beobachtungen und Gedanken zu ihren Erlebnissen, die teilweise undurchdringlich und verflochten scheinen, in jedem Falle den Alltag und die Welt aus philosophischen Augen betrachten und dem etwas Größeres zuschreiben wollen. Ein Beispiel:
Aus dem gelben Heft:
Der unverständl. Rest. Er lauert überall, lauert auch hier, das lässt sich annehmen. Lauert in uns selbst. In jedem von uns. (S. X)
Ich stelle es mir hochspannend vor, mit jugendlichen Leser:innen innerhalb einer gemeinsamen Lektüre, über die unterschiedlichen Wahrnehmungen und über B.s Gedankengänge ins Gespräch zu kommen. Besonders bezeichnend sind zwei Erlebnisse, die B. deutlich zusetzen: Zum einen setzt sie sich aus Versehen auf eine Weinbergschnecke, deren Haus unter ihrem Gewicht zerbricht und deren Leben sie aushaucht. Statt zu denken "Es war ja nur eine Schnecke", spricht sie jedem Lebewesen die gleichen Rechte zu und lädt große Schuld auf sich - sicherlich zurecht. Diese Gedankengänge und weitere stellen das Anthropozän in Frage und machen auf die ökologische Verantwortung der Menschen aufmerksam. Zum anderen erfährt sie dank Simon von einem altern Kohlekraftwerk, dass es in Klein-Hilke gab. Sie hat einen enormen Drang, mehr darüber zu erfahren und recherchiert im Archiv der Stadtbücherei. Dabei liest sie, dass es sich um ein KZ-Außenlager handelt, dass Jüd:innen und andere Deportierte dieses Kraftwerk bauen mussten und entscheidet sich dafür, Buße zu tun. Buße für ihre Vorfahr:innen, für die sie Verantwortung übernehmen will, weil sie es nicht taten. Mich haben diese Gedanken sehr beschäftigt und gerade dass eine Jugendliche, die sich sowieso gerade mit und in allem hinterfragt, kommen, hat in mir Scham erweckt.
Aus dem gelben Heft:
Merke: Es war kein Einzelfall. Es war überall, an all ‚unseren‘ Orten. Tausend KZs + Außenlager. Klein-Hilke ist überall. (S. X)
Fazit
Für mich ist der vorliegende Adoleszenzroman eine echte Entdeckung. Ich habe bereits Schön wie die Acht (2021) und Fürs Leben zu lang (2023) von Nikola Huppertz gelesen, die ich auch gut und vielfältig fand, jedoch mit dem vorliegenden Buch nicht zu vergleichen. Ich empfehle den Roman allen Jugendlichen ab 14 Jahren - doch eigentlich ist es ein All-Age-Text. Meines Erachtens sollte er als Klassenlektüre unbedingt in Betracht gezogen werden, vor allem in der Phase der eigenen Adoleszenz ein echter Gewinn - im Gespräch mit Mitschüler:innen sicherlich ebenfalls spannend, auch im Fach Ethik bzw. Philosophie.
Literatur
Huppertz, Nikola (2023): Fürs Leben zu lang. München: Tulipan
Huppertz, Nikola (2021): Schön wie die Acht. München: Tulipan
- Name: Nikola Huppertz