Inhalt

Was ist eigentlich ein Geräusch? Und was ist Musik? Um mögliche Antworten auf diese Fragen zu finden, werden die Lesenden von Wie das klingt! auf einen farbenfroh illustrierten Streifzug durch die Welt der Geräusche, Töne und ja, auch der Musik geschickt. Geräusche sind, wie der Text erklärt, letztendlich nur schwingende Moleküle, die in Form von Schallwellen von uns wahrgenommen und umgesetzt werden können. Was diese Schwingungen aber zu etwas ganz Besonderem machen kann, verrät die dazugehörige Illustration, die eine aus voller Kehle singende Sängerin zeigt, von deren Mund sich schwarze Tupfen in konzentrischen Kreisen vor einem violetten Hintergrund ausbreiten. Die visuelle Darstellung der vermittelten Inhalte spielt in diesem Sachbuch generell eine wichtige Rolle. Die comicartigen, häufig leuchtend monochrom angelegten oder in Komplementärfarben strahlenden Illustrationen ergänzen nicht nur Informationen und setzen die vorgestellten Künstler in witzigen Szenen in ein manchmal überraschend neues Licht, sondern vermitteln auch eine sinnliche Erfahrung der Welt der klanglichen Innovationen, die sich den Lesenden hier auftut. Das Illustrationsteam, bestehend aus Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński, das schon mit Titeln wie Alle Welt. Das Landkartenbuch (2013) und Das funktioniert? Verblüffende Erfindungen (2015) sein Talent für originelle und zugleich informative Sachbuchillustrationen unter Beweis gestellt hat, findet auch in Wie das klingt! zu einer überzeugenden Bildsprache, die sich aufs Beste mit dem Text ergänzt.

Anhand von Überschriften wie "Wo ist Musik?", "Musikmaschinen" und "Wer ist Musiker?" werden wichtige Innovationen im Bereich der Instrumentenentwicklung, der Komposition und dem Verständnis von Musik erläutert. Die Antworten auf diese Fragen sind genauso vielfältig wie die Musikgeschichte. So erfährt man, dass Musik "in der Stadt" (Luigi Russolo: Das Erwachen einer Stadt/Risveglio di una Città, 1913), "im freien Feld" (Toshiya Tsunoda: Stücke aus Luft/Pieces of Air, 2001), aber auch "in einem kaputten Computer" (Kim Cascone: Kathodenblume/Cathode Flower, 1999) oder gar buchstäblich "im Bauch" (Henri Chopin: Der Körper ist eine Klangfabrik/Le Corps est une usine à sons, 1981) sein kann. Damit erweitert sich auch das Feld dessen, wer oder was ein Musiker sein kann. Ob als "Meister Yoda", "Maler", "Schamanin" oder gar "Kriminelle" – die hier aufgeführten Label verdeutlichen die Unterschiedlichkeit von Künstler*innenbiographien und Musikauffassung. Dass sich diese Diversität auch in den Illustrationen widerspiegelt, ist so konsequent wie erfreulich.

Damit dies nicht nur – wenn auch nicht gerade graue – Theorie bleibt, ist dem Buch eine Website beigestellt, auf der Links zu den meisten im Text vorgestellten Musikstücken und Klangexperimenten aufgelistet sind.  Hier kann man sich etwa eine Aufführung von John Cages berühmten Nicht-Stück "4‘33" ansehen (wer einen stärkeren Bezug zur Kinderliteratur(-forschung) sucht, sei hier auf Philip Nels wunderbare Performance im Zuge seiner #PlagueSongs-Reihe verwiesen), dem Klang einer Stradivari lauschen oder in der Kostümherrlichkeit von Madonnas "Vogue"-Performance auf den MTV Music Awards 1990 schwelgen.

Am Ende dieser Tour de Force steht die Erkenntnis "Musik ist Leben", so wie es auch kein Leben ohne Geräusch gibt. Denn unser Körper selbst produziert laufend Geräusche, sodass wir selbst in einem vollkommen abgeschirmten Raum noch das Rauschen unseres Blutes hören. Wer hingegen noch zu Lebzeiten echte Stille erleben will, muss sich also wie der japanische Klang- und Videokünstler Ryoji Ikeda modernster Technik bedienen. Mit der leisen, aber umso effektvolleren Umsetzung dieser Idee endet Wie das klingt: Eine doppelseitige Illustration zeigt Ikeda schwebend im Raum – inmitten einer Stille, die wir wohl nur bildlich erfahren können.

Kritik

Das polnische Autoren-/Illustrations-Team hat eine unterhaltsame, augen- und ohrenöffnende Einführung in die facettenreiche Welt der Musik geschaffen. Im Unterschied zu "klassischen" Musikgeschichten oder Einführungen in die Welt der Musik bzw. der Instrumente liegt der Fokus dieses Bandes auf der klanglichen Innovation. Die im deutschsprachigen Raum immer noch vielfach bemühte Unterscheidung in E- und U-Musik schenken sich Libera/Mendyk gleich ganz, sodass hier Arnold Schönberg und John Cage gleichberechtigt neben Kraftwerk, Eminem und Billie Holiday stehen. Die Sympathie des Autoren-Duos gehört hierbei unverkennbar den Exzentrikern, den Unangepassten und Experimentierfreudigen, deren Bereitschaft Dinge neu zu denken zu innovativen Hörerlebnissen geführt hat. Diese Auswahl ist eine sehr persönliche, die manchmal fast etwas willkürlich wirkt. Doch letztlich überzeugt die Bandbreite der hier vorgestellten Instrumente, Musikerinnen und Musiker Kompositionen, die auch für erwachsene Musikkenner noch Neues bereithalten dürfte.

Stellenweise sind die Texte recht voraussetzungsreich. Ein Glossar wäre sicher hilfreich gewesen, um auch musiktheoretisch uninformierte Lesende den Zugang zu erleichtern. Auch wäre es schön, wenn zum Hören der gesamten Playlist zum Buch nicht ein (kostenfreies) Spotify-Konto notwendig wäre. Dennoch bietet Wie das klingt! ein multimediales Erlebnis, das für Kinder und Erwachsene eine synästhetische Bereicherung sein kann. 

Fazit

Junge Lesende ab 9 Jahren werden hier mit viel Humor und Sachkenntnis ermutigt, sich auf neue Töne aus aller Welt einzulassen. Libera/Mendyk ist eine ebenso farbenfrohe wie faktenreiche Liebeserklärung an die Musik in ihren unterschiedlichsten Formen gelungen. Berührungsängste gegenüber vermeintlich schwieriger neuer Musik oder umgekehrt gegenüber der angeblich trivialen Unterhaltungsmusik kommen hier gar nicht erst auf. Denn die Botschaft, die Wie das klingt Lesenden jeden Alters nahelegt, ist so einfach wie schön: Musik ist etwas für alle, die sich darauf einlassen mögen.

Titel: Wie das klingt
Autor/-in:
  • Name: Libera, Michal
  • Name: Mendyk, Michal
Originalsprache: Polnisch
Originaltitel: M.U.ZY.K.A
Übersetzung:
  • Name: Thomas Weiler
Illustrator/-in:
  • Name: Mizielińscy, Aleksandra
  • Name: Mizielińscy, Daniel
Erscheinungsort: Frankfurt
Erscheinungsjahr: 2019
Verlag: Moritz Verlag
ISBN-13: 978-3836956239
Seitenzahl: 224
Preis: 25,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 9 Jahre
Libera, Michal und Mendyk, Michal: Wie das klingt