Inhalt
Die Grundschule ist geschafft, die Sommerferien sind vorbei und Jakob und Jelena sitzen in einem neuen Klassenraum in der Gesamtschule. Beide müssen in unterschiedlichen Hinsichten damit zurechtkommen, dass sich gerade viele Dinge in ihrem Leben verändern. Für Jelena bedeutet der Wechsel auf die weiterführende Schule die Trennung von ihrer besten Freundin Lotte. Sie kennen sich seit der Kita, nun geht Lotte aufs Gymnasium. Lotte muss nun nach Schulschluss sehr viel lernen, weshalb sie sich kaum noch treffen können. Am Telefon klingt Lotte jetzt immer traurig, manchmal weint sie sogar. Für Jelena bedeuten deshalb Hofpausen nun Verlorenheit und Langeweile; eine Bank auf dem Schulhof wird ihr Zufluchtsort. Doch bald ist da der ebenfalls introvertierte Jakob, der sich einfach zu Jelena setzt; mit dem sie manchmal etwas redet – über den Vortrag, den sie gemeinsam halten müssen – manchmal aber auch nicht; dem sie Schokolade aus ihrer Brotdose abgibt und der beginnt, ihr aus Büchern vorzulesen, die er mag. Ist die Bank als lokales Motiv zunächst also Ausdruck der Verlorenheit, wird sie schnell Symbol einer Annäherung; sie wird zum gemeinsamen Treffpunkt, zum gemeinsamen Hafen für Jelena und Jakob.
„Erst rennt Jakob weg und hinter unserer Lehrerin her, aber dann kommt er später doch zu meiner Bank und setzt sich wieder neben mich.
Also unsere Bank.
Ganz außer Atem ist der, er schnauft richtig, dann grinst er mich an, sagt aber kein Wort und schlägt wieder sein Buch auf. Hat der das immer dabei, oder was?
[…]
Ich merke, dass Jakob mich anguckt, und dann fängt er ganz leise an, was zu sagen, und dann merke ich, dass er mit vorliest.“ (Bach 2025: 129)
Es ist eine zarte, leise Geschichte über zwei Heranwachsende, die beide die Stille mögen, aber auch Beständigkeiten, Verlässlichkeiten. Jakob lebt mit seinem Vater zusammen und sie haben sich feste Routinen geschaffen. Dass sein Vater mehr und mehr beginnt, von diesen Routinen abzuweichen, irritiert Jakob sehr. Und die Veränderungen seines Vaters scheinen etwas mit Christian zu tun zu haben, der jetzt öfters vorbeikommt, obwohl sie eigentlich nie Besuch empfangen. Und dann ist da noch der Umstand, dass Jakobs Vater ihn zum Schwimmkurs angemeldet hat, weil Jakob in der fünften Klasse immer noch nicht schwimmen kann. Aber wie peinlich ist es bitte, mit Kindergartenkindern in einem Schwimmkurs zu sein?
Jelena wiederum lebt mit ihrer Mutter zusammen. Diese ist wenig zuhause, da sie den Lebensunterhalt mit verschiedenen Jobs bestreitet. Dennoch ist sie eine Figur, die ihrer Tochter zugewandt ist, die um die aktuellen Nöte Jelenas weiß. Zudem gibt es noch weitere Hausbewohnende, die als erweiterte Familie fungieren, wie der junge Mann Felix, zu dem Jelena ein geschwisterliches Verhältnis zu haben scheint, oder Frau Rambke, bei der Jelena hin und wieder Hausaufgaben macht oder die ihr vorliest, während Jelena malt.
Wie die Protagonist:innen der anderen Kinder- und Jugendromane Bachs leiden auch Jakob und Jelena unter „Wachstumsschmerzen“, wie es die Autorin selbst nennt (Bach 2019, 32). Hierin können sich die beiden Figuren stärken und Stück für Stück erkennen, dass sie eventuell mehr eint, als sie trennt.
„Wenn man durch die Mitte von unserer Klasse eine Spiegelachse ziehen würde, dann wäre Jelena meine Spiegelung.“ (Bach 2025: 68)
Kritik
Der Kinderroman, der in seiner ästhetischen Qualität den zwei bisherigen Kinderromanen Tamara Bachs Wörter mit L (2019) und Das Pferd ist ein Hund (2021) in nichts nachsteht, wird aus zwei Perspektiven erzählt: Konsequent wechseln sich die Kapitel ab, jeweils mit den Namen der beiden Protagonist:innen überschrieben, die als autodiegetische Erzähler:innen fungieren. Und es sind die sensiblen Innensichten, die in poetische Sprache gekleidet sind, die Lesende an den Text binden.
„Jelena malt anders als die anderen und sie ist auch viel stiller, richtig konzentriert, und als ich so bei ihr sitze, denk ich, dass alles um sie herum auch viel stiller ist, wenn sie malt.
Gut still.
[…]
Und auch, wenn ich nicht malen kann, ist alles gerade gut.
Zwei Stunden Kunst sind echt zu kurz.
So kurz, dass wie bald zusammenräumen und Pinsel auswaschen und Bilder zum Trocknen hinlegen und dann rennen alle schon wieder raus.
Nur Jelena lässt sich Zeit. Also warte ich auf sie.“ (Bach 2025: 147)
Dabei bleibt am Ende – ebenfalls typisch für Bach – vieles offen, doch es passt zum Thema der Neuanfänge und entspricht Bachs „Kunst der Auslassung“ (Heins 2020, 283), die Unbestimmtheit als Mittel nutzt, um das Lebensgefühl der Heranwachsenden einzufangen und Leser*innen zugänglich zu machen (vgl. ebd.).
Für die Illustrationen ist wieder Barbara Yelin verantwortlich, die auch schon Das Pferd ist ein Hund illustrierte. Es sind Vignetten, die mit Wasserfarben gemalt wurden: sehr passend zu Jelenas Leidenschaft: dem Malen. Das Cover trägt farblich die Stimmung des Spätsommers bzw. Frühherbstes zum Schuljahresbeginn und es nimmt das zentrale Motiv der Bank auf – hier die Parkbank, auf der Jakob sitzt und liest.
Fazit
Ein sensibler und in jeder Hinsicht sehr empfehlenswerter Kinderroman, der ernst nimmt, dass der Übergang in die weiterführende Schule – oder auch andere Neuanfänge – herausfordernd sind und es nicht immer einfach weitergeht wie bisher. Nicht nur für die private Lektüre, sondern auch als (ausschnitthafte) Klassenlektüre am Beginn der Sekundarstufe I ist der Roman gut vorstellbar, wobei bedacht werden muss, dass weniger leseaffine Kinder das Erzähltempo bei sparsamer äußerer Handlung sicher sehr herausfordert. Aber: in jeder Hinsicht bereichernd.
- Name: Bach, Tamara