Inhalt
Jasper lebt bei seiner Schwester Bonnie, die möchte Schriftstellerin werden, das Geld ist aber immer knapp. Da scheint es sinnvoll, dass Jasper vielleicht auf ein Internat gehen könnte, um gut abgesichert zu sein. Jasper behagt der Gedanke nicht und als in den Ferien der mufflige Honz bei seinem Großvater, Jaspers Nachbar Eiche, einzieht, eröffnet das eine besondere Chance. Denn Eiche hat Drohnatella, eine Abenteuerdrohne, und weil Honz keine Lust hat, begibt sich Jasper damit auf eine Abenteuerreise über das Meer der Langeweile bis zu einer geheimnisvollen Insel. Die wird von seltsamen Wesen bevölkert – felligen Schlasocks, vogelartigen Schnarnas und robbenähnlichen Trütaas. Sie alle sind ziemlich träge und leben ein ereignisloses Leben in der kleinen Idylle, das Jasper gehörig durcheinander zu bringen droht. Doch sie alle freunden sich an, bis Honz auch noch dazu kommt und die positive Stimmung zu kippen scheint. Dann nehmen die Dinge eine überraschende Wendung, denn die Insel entpuppt sich als schwimmende Insel und als sich ihr Anker löst, droht sie vom allesverschlingenden Strudel verschlungen zu werden. Nur in einer beherzten und ausgefuchsten Rettungsaktion kann es gelingen, die Insel und ihre Bewohner:innen vor dem sicheren Untergang zu retten. Und dabei machen sie alle eine verrückte Entdeckung, die schließlich für alle auch wieder den Weg nach Hause eröffnet.
Kritik
Nils Mohl schreibt über die Langeweile und was sie aus uns machen kann. Dabei ist es Jasper, der ohne die vielen Ablenkungen der Moderne den Blick für das Wesentliche behalten hat. Treffend fasst Eiche die Moral der Geschichte zusammen:
„Dank der Erlebnisse auf einer Insel im Meer der Langeweile, wo sie die verlorenen Schätze der Fantasie entdecken, finden Kinder durch gemeinsame Tatkraft heraus, wie wunderbar es ist, ein Kind zu sein ...“ (S. 282).
Ja, man mag Bonnie zustimmen, die das für „Hippie-Quatsch“ (ebd.) hält. Gleichzeitig gelingt es Nils Mohl, diese Geschichte in einer großen Eindringlichkeit und nah an Jasper und seinen durchaus existenziellen Nöten zu erzählen. Mit sprachspielerischen Variationen werden die verschiedenen Charaktere herausgearbeitet und die Handlung gewinnt Komik und fast szenische Qualität. Weiterhin arbeitet sich Mohl an literarischen Vorlagen wie Goldings „Herr der Fliegen“ (1954), Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“ (1963) oder Moers „Die dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär“ (1999) ab und man findet sogar popkulturelle Bezüge, zum Beispiel zu Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994). Insofern ist die Geschichte auch ein intertextueller Verweisirrgarten, durch den sich zu tasten zusätzlichen Spaß verspricht. Man braucht dazu den Atem langer Sommerferien, denn die Geschichte verzichtet – bis auf den Schluss – auf Sog und spannungsreiche Dynamik und erzählt eher durch immersives Einfühlen in die Situationen und Szenarien. Dazu tragen auch die Zeichnungen von Michael Roher bei, die einzelne Handlungsmomente – mal als freigestellte Vignetten, mal als Szenenbilder – zeigen und grafisch-puristisch in Szene setzen. Sie greifen die Stimmung der Handlung auf und pointieren Schlüsselstellen. Und auch hier findet sich ein erkennbarer Bezug zu Sendaks Wilden Kerlen, die als Vorbilder offenkundig Pate gestanden haben. So wird der Roman zu einem echten Genuss für Literaturkenner:innen und alle auf dem Weg dahin.
Fazit
Nils Mohls neuer Kinderroman ist eine besondere Lektüre für Kinder ab 8 Jahren. Die Handlung ist von den ersten Schritten in die Selbstständigkeit geprägt, aber auch von einer gewissen Sehnsucht nach dem Wesen der Kindheit hinter den Fassaden der Überfluss- und Unterhaltungsindustrie. Das gelingt ohne Pomp und Kitsch und auch ohne kulturpessimistische Vergangenheitsverklärung – sondern richtet den Blick tatsächlich auf die Kinder, die überzeugend eigene Wege gehen. Das überzeugt und ist daher sehr zu empfehlen.
- Name: Mohl, Nils
- Name: Roher, Michael