Inhalt

„So wie heute war es noch nie gewesen.“ (Gmehling/Rassmus 2025, 11), stellt der Ich-Erzähler, dessen Name unbenannt bleibt, fest. Die Neuerlichkeit ist, dass der See, der in der Wohnblocksiedlung des Erzählers und seiner drei Freund:innen Mo, Anastasia und Sissi liegt, zugefroren ist, was in deren etwa zehn Lebensjahren noch nicht vorgekommen ist. „Wir hatten noch nie einen zugefrorenen See gesehen, also in echt.“ (ebd., 10) An diesem Tag, dem Tag des erzählten Geschehens, wurde die Eisfläche freigegeben und mit vielen anderen Menschen können die vier den See betreten und schlittern. Vom zugefrorenen See aus blicken sie auf ihren Wohnblock, den gelben mit den grünen Streifen. Diese Perspektive ist neu, denn normalerweise schauen die Kinder jeden Abend vor dem Schlafengehen aus dem Fenster auf den See – der Zacken hat, ähnlich einem Stern. Dieser Perspektivwechsel mag erstmal marginal erscheinen, erhält im Verlauf aber symbolischen Charakter.

Zu einer sogenannten unerhörten Begebenheit im Sinne der Novelle wird der zugefrorene See dann, als der Winter dem Frühling weicht und der See nicht auftauen will – auch nicht im sich anschließenden Sommer. Längst haben Teams von Forschenden ihr Lager am Sternsee aufgebaut, um dem Ereignis auf den Grund zu gehen, Fernsehteams sind angereist, auf dem See werden Buden aufgestellt, Tourist:innen reisen an. Die Kinder sind zunächst begeistert, dass ihr Wohnort, sonst immer übersehen, nun Aufmerksamkeit bekommt. Am Kiosk kaufen sie sich Süßigkeiten und erzählen mit dem Verkäufer. Im Sommer, als die Hitze unerträglich ist, können sie sich rücklings auf die Eisfläche legen und abkühlen. Es entstehen unterschiedliche Erklärungsversuche für das Phänomen des nicht auftauen wollenden Gewässers. Die Hypothesen sind vielfältig: von Klimawandel, einer neuen Eiszeit bis zu einem Eismonster, das im See lebt. Aufgelöst wird es auch dann nicht, als der See im Spätsommer doch wieder auftaut. Es bleibt als Wunder, als Irritation stehen.

Nüchtern und subtil erzählt Will Gmehling hier von Heranwachsenden, die nicht privilegiert sind. Sissi ist die Einzige von ihnen, die schon mal Schlittschuhlaufen war, einmal. „[D]er Eintritt kostete für Kinder fünf Euro achtzig. Zu teuer für uns.“ (ebd., 10) Mag die Beschreibung der Freizeitgestaltung auf manch Lesenden unspektakulär oder gar trostlos erscheinen, tritt in ihr das starke und zuverlässige „Wir“ hervor, das aus dem was ist, Alltagsglück macht:

„Wir machten alle möglichen Sachen. Wir liefen durch die Gegend und suchten die Wege nach Geld ab. Einmal fand Sissi einen 20-Euro-Schein und lud uns ein in den Dönerladen beim alten Stadion. Wir schnitten Zweige von der großen Weide ab und bastelten uns Bogen und Pfeil. Wir spielten Fußball auf der großen Wiese, wo immer die Männer am Rand Bier tranken und rauchten. Wir bauten uns eine Höhle und machten Feuer. Einmal hatten wir miese Laune und bewarfen den Bus mit alten Eiern. Wir beobachteten Liebespaare, die sich küssten.“ (ebd., 6)

In den Ferien bleiben sie meistens zuhause, der Ich-Erzähler fährt mit seinen Eltern „höchstens mal für ein paar Tage zelten.“ (ebd., 23) So verbringen die vier die Ferien gemeinsam: „Wenn wir zusammen waren, ging es uns besser als allein.“ (ebd.) Die Schule ist für den Ich-Erzähler ein eher unangenehmer Ort, er hat Probleme in Mathe und in Rechtschreibung. „Aber ich ging hin, jeden Tag, und gab mein Bestes. Mehr war nicht drin.“ (ebd., 22) Als sie im Unterricht dann über den Sternsee schreiben dürfen, entwickelt er Freude, denn „[w]enn man über etwas schreibt, was man kennt, wird es immer richtig.“ (ebd.)

Das Kuriosum des zugefrorenen Sees ermöglicht vieles: nicht nur die Schreiblust des Ich-Erzählers, weil er sich für ein Thema als Experte erleben kann. Der Wohnort, die Wohnblocksiedlung, in der die Kinder leben, am Rande der Stadt, bleiben unsichtbar. Nun stehen sie über Monate im öffentlichen Interesse. Erzählerisch gelungen erfahren wir als Lesende nichts über diese Außenwahrnehmung, nichts darüber, wie vielleicht in der Berichterstattung über die Gegend gesprochen wird. Aber sie wird sichtbar und implizit erfahrbar.

Wichtiger noch ist aber der Perspektivwechsel, den die vier Kinderfiguren auf ihr eigenes Leben vollziehen. Nachdem der See Anfang September innerhalb einer Nacht auftaut, wird die Veränderung offenbar: Sissi glaubt stärker an die Möglichkeit, mal nach Indien zu reisen. Der Ich-Erzähler sieht Sissi, die er schon seit der Kita kennt, mit neuen, eventuell liebenden Augen und vielleicht gilt für alle vier: Wenn es möglich ist, dass ein See auch im Frühling und Sommer vereist ist, dann ist sicher noch vieles mehr möglich, was bisher nicht vorstellbar war – „im Herbst und danach.“ (ebd., 52)

Jens Rassmus, der bereits mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und auch anderen Auszeichnungen gewürdigt wurde, kreiert im grafischen Stil und ausschließlich mit Schwarz-, Blau- und Grautönen auf weißem Hintergrund poetische Bilder. Diese wirken ebenso klar, reduziert und treffend wie die Sprache des Ich-Erzählers und überschreiten in ihrer erzählerischen Relevanz deutlich den illustrativen Charakter. Zudem eröffnen sie eigene Räume, deren Deutung den Leser:innen überlassen bleibt. Still, melancholisch und traumartig verdichten sie zentrale Motive des Textes und erhalten gerade in ihrer Zurückhaltung eine beeindruckende Kraft

 

 

Kritik

In elf kurzen Kapiteln und auf gerade mal dreiundfünfzig Seiten entfaltet Gmehling gemeinsam mit den ausdrucksstarken Bildern Jens Rassmus` eine sowohl zarte, aber intensive und nachhallende Erzählung aus der Perspektive eines zehn- bis elfjährigen Ich-Erzählers, der in klaren, überlegten Worten über den Sternsee und die damit verbundenen Ereignisse erzählt. Er wächst mit seinen Freund:innen in einer wenig angesehenen Gegend auf, ihre Freizeit verbringen sie mit Aktivitäten, die kein Geld kosten. Sie geben ihr Bestes, stärken sich gegenseitig und geben sich Halt. Und darin liegt keinerlei Wehmut oder Bedauern. Es ist ihr Leben und es ist gut. Und es erhält dank des vereisten Sees die Perspektive auf eine Zukunft, die ganz anders sein könnte, in der man die Wohnsiedlung auch mal verlassen und wieder zurückkehren könnte – wie der Reiher, der zerzauste, der am Sternsee lebt und hin und wieder seine Flügel ausspannt, wegfliegt, um dann wiederzukommen.

 

 

 Fazit

Es beeindruckt, wie Gmehling und Rassmus auf vergleichsweise wenigen Seiten gemeinsam eine Erzählung gelingt, die so reduziert und zugleich so vielschichtig und poetisch ist. In den knappen Worten und Gedanken des erzählenden Jungen scheint vieles auf, das angestoßen aber offenbleibt, nicht zuletzt die Frage nach sozialen Unterschieden.

Bereits 2020 erhielt Gmehling für seinen realistischen Kinderroman Freibad den Deutschen Jugendliteraturpreis, Rassmus 2025 für das Bilderbuch Regentag. Nun sind sie gemeinsam für diesen Preis nominiert.

Der Sternsee sollte an Grundschulen ab Klasse 3 unbedingt zur Klassenlektüre werden: große Literatur bei wenig Textumfang für Kinder, die in vergleichbaren Bedingungen aufwachsen, und für die, die unter anderen Bedingungen groß werden. Natürlich wird das Buch auch für die private Lektüre empfohlen!

Titel: Der Sternsee
Autor/-in:
  • Name: Will Gmehling
Illustrator/-in:
  • Name: Jens Rassmus
Erscheinungsort: Wuppertal
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Peter Hammer
ISBN-13: 978-3-7759-0766-6
Seitenzahl: 56
Preis: 14,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 9 Jahre
blaues Cover Der Sternsee