Inhalt
Jagodas Name kommt aus dem Polnischen und bedeutet Blaubeere. Wenn auch der Name der Protagonistin zunächst etwas sperrig wirkt, erschließt sich in der Lektüre schnell seine Symbolik: Jagoda mag weder die Früchte noch die Farbe. Sie führt zwei Listen: eine mit schönen Sachen, die mit Blau anfangen, und eine mit schlechten. Auf zweiterer stehen zum Beispiel blaue Flecken und blau sein. Zumindest erwachsene Mitlesende können hier schon erahnen, was Jagoda und ihre Mutter erlebt haben könnten und weshalb sie seit einigen Monaten im Frauenhaus leben. Diese Erfahrungen bleiben aber unkonkret, das heißt, Lesende erfahren zwar, dass Jagodas Vater gewalttätig war, in welchem Ausmaß und welcher Form bleibt aber offen. Das ist für das adressierte Lesealter eine gute Entscheidung, denn, dass mehr als genug passiert sein muss, damit sich Mutter und Tochter vor dem Vater verstecken, ist leider klar.
Dieser Balanceakt zwischen Erzählen und Aussparen, Problemorientierung und Leichtigkeit gelingt durch die Wahl der Ich-Perspektive. Das neun-/fast-zehnjährige Mädchen erzählt vier Tage von ihren Partyvorbereitungen, die letzten Kapitel thematisieren dann den Tag ihres Geburtstags. Denn tatsächlich hat Jagoda bisher noch gar nicht viele Geburtstagspartys gefeiert, da es zuhause durch ihren Vater schwierig war und sie dann ‘freiwillig‘ darauf verzichtet hat. Die Selbstverpflichtung, dieses Jahr eine Party auszurichten, entsteht auf unglücklich-spontane Weise: Jagoda möchte sich unbedingt mit ihrer Klassenkameradin Mia anzufreunden. Diese geht selbstverständlich davon aus, dass eine Feier stattfindet und formuliert, dass Jagoda sie doch gern einladen könne. Aus dieser Situation heraus, dass Jagoda ihr natürlich auch nichts von ihrer Lebenssituation erzählen kann, bejaht sie und bereut es sofort: „Größter Fehler ever.“ (S. 10).
Ab diesem Moment plant Jagoda intensiv, was sie für die Party braucht und wen sie um Hilfe bitten kann.
Es gibt in dieser erzählten Woche auch Rückschläge, sodass Jagoda immer wieder zweifelt, ob sie ihr Ziel erreichen wird. Dazu gehört, dass Mia krank wird oder auch der Umstand, dass Asma zu ihrem Partner zurückkehrt, wegen dem sie eigentlich im Frauenhaus ist. Schon die neun-/fast-zehnjährige Protagonistin weiß, wie es vermutlich ausgehen wird, denn auch ihre Mutter ist schon einmal mit ihr zum Vater zurückgekehrt, weil sie dachte, es würde nun alles besser. Der gleichaltrige Felix dient wiederum dazu, zu zeigen, dass Gewalt in Familien und die Flucht ins Frauenhaus keineswegs ein Phänomen unterer sozialer Schichten ist, denn Felix erzählt, dass er zuhause eine Nanny hatte, wobei Jagoda nicht weiß, was das Wort ‚Nanny‘ bedeutet (vgl. S. 44).
Zum Figurenensemble gehört dann noch das homosexuelle Pärchen Juri und Harald mit ihrem Hund Otto. Juri und Otto lernt Jagoda durch Zufall kennen und unterstützt Juri im Umgang mit dem Hund, wofür sie wiederum von ihm bezahlt wird. Die drei nehmen als Gäste schließlich auch an der Geburtstagsfeier teil: denn auch wenn ein Kind unter besonderen Umständen aufwächst, ist keine Party auch keine Lösung.
Kritik
Häusliche Gewalt oder Armut sind keine neuen Themen im Kinderroman, durchaus aber die thematische Perspektive auf Kinder, die mit ihren Müttern Zuflucht im Frauenhaus vor gewalttätigen Männern bzw. Vätern finden. Dass die Perspektive dieser Kinder eine literarische Stimme bekommt, kann nicht hoch genug angerechnet werden, denn diese Heranwachsenden werden selten gesehen – natürlich auch aus dem Umstand heraus, dass sie sich über lange Zeit ‚verstecken‘ wie Jagoda und die kleine Putzi, die sich als „Geheimagentinnen“ (S. 18) bezeichnen. Auch die Wahl der Ich-Perspektive ist gelungen, denn so zeigt sich eindrücklich, wie die Protagonistin mit ihrer Situation umgeht, welche Sorgen und Gedanken sie beschäftigen, und genauso, was sie froh und glücklich macht. Jagoda ist als sehr resiliente, lebensbejahende und reflektierte Figur konzipiert, die ihren Lesenden mehr offenbaren kann als den Figuren der intradiegetischen Welt, denn – so erfahren es die primären Adressat:innen von der Ich-Erzählerin – es darf niemand wissen, wo sich Jagoda mit ihrer Mutter aufhält. Das Mädchen darf es in ihrer Klasse nicht erzählen und selbst ihre Oma weiß es nicht. Auf der Ebene des discourse kann sie sich öffnen und erzählt nicht nur von den Erfahrungen mit ihrem Vater und im Frauenhaus, sondern auch davon, dass sie arm sind und ihre Mutter noch Schulden abbezahlen muss. „Okay, wir sind arm, und eigentlich denke ich mir immer: Na und? Aber jetzt denke ich: Ja, wir sind arm, und das ist beschissen.“ (S. 13) Und während Mia stolz erzählt, dass ihre Familie aus ökologischen Gründen fast nur secondhand kauft, überlegt Jagoda, dass es wahrscheinlich nicht das gleiche ist, wie Sachen aus der Kleiderkammer zu haben (vgl. ebd.). Ebenfalls wird dargestellt, wie die Lebensumstände Jagodas und ihrer Mutter das Mädchen parentisiert haben, wenn Jagoda jeden Tag das Abendessen vorbereitet, wenn ihre Mutter von der Arbeit im Baumarkt kommt und sie sie an wichtige Termine erinnert, weil ihre Mutter Termine hasst (vgl. S. 35).
Während des viertägigen Geburtstagscountdowns werden unterschiedliche Figuren eingeführt und vorgestellt, die im Leben des Mädchens gerade wichtig sind oder werden, und die ein breites Spektrum von Lebensentwürfen zeigen, wodurch die Geburtstagsplanung narrativ wirklich gut funktioniert. Da ist zum Beispiel Frau Yıldırım, eine Mitarbeiterin des Frauenhauses, deren Schwiegermutter Jagoda kennenlernt und die eine wichtige Rolle für ihre Party spielen wird. Felix ist ein ungefähr gleichaltriger Junge, der während der fünf Tage mit seiner Mutter und seinen Geschwistern ins Frauenhaus zieht, oder Asma, die ebenfalls im Frauenhaus lebt und Jagodas Playlist mit vielen Liedern von Nina Chuba erstellt.
Die Narration zeigt mit dem breiten und vielfältigen Figurenensemble auf gelungene Weise, wer alles (erweiterte) Familie oder Freund:in sein kann: die Mitarbeiterin des Frauenhauses, andere Kinder im Frauenhaus und genauso die anderen Frauen, die Schwiegermutter Frau Yıldırım und die beiden homosexuellen Männer im Sinne intergenerationeller Freundschaften.
Die Illustratorin Theresa Strozyk hat bereits Der Katze ist es ganz egal aus dem Klett Kinderbuchverlag gelungen illustriert und bereichert auch diesen Kinderroman mit Bildern in Grau- und Blautönen atmosphärisch und sensibel. Die Farbe Blau nimmt natürlich die Farbsymbolik des Textes auf und verleiht den grafischen Illustrationen – mal vignettenhaft, mal ganz- oder halbseitige Bilder – Kraft und Eindringlichkeit.
Fazit
In den Klassengemeinschaften unserer Schulen finden – teilweise nicht offenbart – viele Lebensentwürfe und -bedingungen zusammen: Vielleicht gibt es Kinder, die in Wohngruppen statt bei Eltern leben, weil es zuhause schwierig ist. Daher ist es wichtig, mit literarischen Figuren für soziale Vielfalt in ihren ganzen Dimensionen zu sensibilisieren, um reflektierte Kinder heranwachsen zu lassen. Dabei ist die Erzählung keineswegs pädagogisch, sondern unterhaltsam und spannend.
Ein Roman, der zuhause und in der Schule ab Klasse 3 auch vorgelesen werden kann, wenn der eigene Leseatem noch nicht für 150 Buchseiten genügt. Ebenso kann es Kinder empowern, die gleiche oder ähnliche Erfahrungen machen oder gemacht haben wie die starke Protagonistin.
- Name: Anna Maria Praßler
- Name: Theresa Strozyk