Inhalt
Eine kleine Gruppe von Dinosauriern lebt gemeinsam in einer Höhle. Es handelt sich um einen Ankylosaurus namens Babsi, um Päm, einen Saurier der pflanzenfressenden Art Pachycephalosaurus, und um einen kleinen Tyrannosaurus Rex, der frisch aus dem Ei geschlüpft ist und Nagg heißt. Erst allmählich offenbart die Handlung des Stückes, dass es sich bei den drei Sauriern um Überlebende einer Katastrophe handelt. Ein Asteroideneinschlag hatte die Erde verwüstet, Staub übersät seitdem die Landschaft und die Sonne ist verdunkelt. Es scheint, dass fast alle Dinosaurier auf der Erde starben und Babsi, Päm und Nagg die einzigen noch lebenden Dinosaurier sind.
Der Alltag der drei ist somit trist: Während Babsi Dino-Knochen sammelt und archiviert, befürchtet Päm, dass schon bald ein weiterer Asteroideneinschlag folgen könnte, weswegen sie Vorräte anlegt und immer wieder Verhaltensweisen für den Ernstfall einübt. Nagg dagegen kann die betrübte Stimmung der Adoptivmütter nicht nachvollziehen, zumal diese seine Fragen zu dem, was passierte, ignorieren und Nagg in Unkenntnis lassen. Neugierig, wie es Kindern zu eigen ist, wird die Umgebung erkundet. Bei den Streifzügen durch die Umgebung lernt Nagg hundert "Erdsaurier" kennen. Der kleine Tyrannosaurus Rex freundet sich mit ihnen an und hilft ihnen, nach verschütteten Artgenossen zu graben. Dabei findet er ein altes Plakat einer Band namens Thick Skin, auf dem nicht nur Päm und Babsi, sondern auch seine Mutter abgebildet ist, die Nagg sofort erkennt: "Ich hab noch nie | ein Bild von ihr gesehen." (Koch o.J., S. 57) Das Erkennen führt dazu, dass Nagg den Verlust der Mutter betrauern kann, aber auch einen Neuanfang macht: Gemeinsam mit Babsi und Päm wird die Band wiederbelebt. In der Musik kann Nagg seine Gefühle von Verlust und Trauer verarbeiten.
Kritik
"Manche Sachen verschwinden |weil sie draußen liegen über Nacht." (Koch o.J., S. 5)
Verlust wird bereits im ersten Satz des Theaterstücks im Monolog der Figur Nagg thematisiert, doch zunächst wird die Tragweite des Themas, etwas zu verlieren, nicht deutlich. Die Schwere der Handlung und der Bezug zum drohenden Untergang der Dinosaurier wird erst sukzessive offenbar. Zwar merken die Zuschauerinnen und Zuschauer von Beginn an, dass etwas nicht mit Babsi und Päm stimmt. Beide scheinen mit den Gedanken woanders zu sein und sind zu beschäftigt, um sich um Nagg zu kümmern: Während Babsi ununterbrochen Überreste anderer Dinosaurier sucht und diese archiviert, überprüft Päm pausenlos Vorräte und macht Inventur. Erst allmählich kann man sich erschließen, dass es einen großen Asteroiteneinschlag gegeben haben muss, der das meiste Leben vernichtete und die Überlebenden traumatisierte.
Zu der sukzessiven Aufdeckung der Hintergrundgeschichte trägt auch die bildhafte, hoch komplexe Sprache bei. Beispielsweise sagt Nagg über Päm nicht, dass sie Angst hat, sondern Nagg nutzt die euphemistische Formulierung: "Päm hat ein | gutes Vorstellungsvermögen |für schlechte Dinge." (Koch o.J., S. 23)
Eine weitere Besonderheit des Theatertextes ist, dass die Dialoge in Versen gesprochen werden. Die Versästhetik wird mit einer poetischen Sprache kombiniert. Wortneuschöpfungen werden beispielsweise überaus häufig genutzt, um eine scheinbar einfache und kindernahe Sprache zu entwickeln. Die Funktion der Neologismen verdeutlicht besonders das Schlusslied des Stücks, das der kleine Dinosaurier Nagg an das Publikum richtet:
Bitte schaut nicht auf die Uhren.
Unvergesst all unsre Stimmen.
Bitte wischt nicht über Spuren
unsrer Hände an den Dingen.
Unverliert uns in den Jahren.
Unverkennt wie man uns kannte.
Unverschweigt wer wir mal waren.
Unvergesst wie man uns nannte. (Koch o.J., S. 80)
Abb. 2 Inszenierung Theater der jungen Welt Leipzig; Foto: Tom Schulze
Indem das Präfix "un" anstelle der herkömmlichen Verneinung durch die Partikel nicht gesetzt wird, wird die Botschaft des Liedes, nicht vergessen zu werden, auf poetische Weise betont. Auch die Inversion unterstreicht die Aussage. Auf solche Weise vermittelt die Versästhetik einerseits eindringlich den Wunsch nach Erinnerung, andererseits ist die Komplexität des Dramentextes womöglich auch eine Überforderung für die Zielgruppe. Patricia Kornfeld kritisiert in ihrem Beitrag in Nachtkritik die Komplexität der gesprochenen Verse: "Allerdings ist die hochtrabende, für sechsjährige Kinder viel zu anspruchsvolle Sprache ein Hindernis. Sie verbaut die eigentlich schöne Message, dass heftige Emotionen wie Trauer ebenso wie Verluste zum Leben gehören und man trotzdem nach vorne blicken kann." (Kornfeld 2025)
Kindgerecht ist dagegen sicher der – mitunter schwarze – Humor und die Darstellung von Dinosauriern, die Kinder bekanntlich faszinieren. Beides, die Komik und die tierischen Figuren, bedingen einander. In seinem Eingangsmonolog spricht Nagg über das Verschwinden:
Babsi sagt,
als sie klein war
wär mal einer beim Verstecken verschwunden.
Da hatten Sie keinen Sucher ausgemacht.
Alle sind irgendwann von selber raus.
Bis auf einen.
Der wollte wohl unbedingt gewinnen. (Koch o.J., S. 5)
Kinder, die Freude am Versteckspiel haben, können sich in die groteske Situation einfühlen und darüber lachen, zumal das Bild von großen Dinosauriern, die sich verstecken, zum Lachen reizt. Zur Komik des Stückes tragen somit die Vermenschlichungen der Figuren bei.
Abb. 3: Inszenierung Theater der jungen Welt Leipzig; Foto: Tom Schulze
Ein weiteres Beispiel wäre, dass der kleine Nagg nur drei Dinge besitzt, nämlich ein Bett, einen besonderen Stein und Uno-Karten (Koch o.J., S. 11). Die Vorstellung eines Tyrannosaurus Rex, der Karten spielt, erweist sich aufgrund des Bruchs mit der (tierischen) Rolle als freie Form des Komischen. Überhaupt liegt die Stärke des Stückes darin, dass die Handlung in die Welt der Dinosaurier verlegt wurde. Die Darstellung der großen, bei Kindern überaus beliebten Tiere eröffnet vielfältige kreative Möglichkeiten. Bemerkenswert ist zudem, dass die Vermenschlichung der Tiere auch in den Regieanweisungen wiederzufinden ist, die ja gar nicht von den Zuschauerinnen und Zuschauern gelesen werden. So ist in der Regieanweisung von einer Probehöhle (Koch o.J., S. 43) anstelle von einem Proberaum die Rede. In den "Anmerkungen zur Besetzung" (Koch o.J., S. 4) werden Regieanweisungen zu den Schauspielerinnen und Schauspielern ironisch parodiert. So gibt Fayer Koch Folgendes an: "Ein T-Rex muss nicht zwangsläufig auch von einem T-Rex gespielt werden. Je nach dem, welche Spezien im Ensemble vertreten sind, könnte die Rolle ebensogut von einem Diplodocus oder einem Stegosaurus übernommen werden. […]" (Koch o.J., S. 4) Letztlich parodiert der Dramatiker Regieanweisungen, die der Regie detaillierte Vorgaben zu Alter und Geschlecht der Spielenden machen und stellt auf solche Weise Geschlechterrollen in Frage.
Fazit
Zusammenfassend erweist sich das preisgekrönte Stück als überaus komplex, ermöglicht Theatern aber auch phantasievolle Einfälle, die Welt der Dinosaurier darzustellen. Inwieweit opulente Bühnenbilder und die Kostüme vom eigentlichen Thema, dem Umgang mit Verlust, Trauer und Erinnerung, ablenken, kann anhand der jeweiligen Inszenierung entschieden werden.
Literatur
Patricia Kornfeld: Keine Trübsal blasen im Jammertal. In: Nachtkritik. https://nachtkritik-stuecke.de/gegenwartsdramatik/t-rex-bist-du-traurig-fayer-kochs-endzeit-parabel-mit-gluecklicher-patchworkfamilie
Koch, Fayer: T-Rex, bist du traurig? (Steht dein T für Tränen?). Hamburg: Rowohlt Theater Verlag, o.J.
Abbildungen
Abb. 1: Foto (c) Michèle Yves Pauty
Abb. 2: Foto (c) Tom Schulze
Abb. 3: Foto (c) Tom Schulze
- Name: Koch, Fayer