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Woche – Woche. Bereits der Titel des Theaterstücks von Lara Schützsack verweist auf den zentralen Konflikt der Handlung: Nunu, sieben Jahre alt, lebt seit der Trennung seiner Eltern in einem Wechselmodell, bei dem er eine Woche beim Vater und eine bei der Mutter wohnt. Beide Eltern kümmern sich um ihren Sohn und sind liebevolle Eltern. Doch ihr starres Festhalten an dem Betreuungsmodell mit der Übergabe des Sohnes sonntags um 16 h auf einem Spielplatz ist für Nunu eine Belastung.

Bereits zu Beginn des Stückes wird die angespannte Stimmung zwischen den Eltern deutlich. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe, streiten um Kleinigkeiten, ohne die Bedürfnisse Nunus wahrzunehmen. Während die Eltern auf dem Spielplatz streiten, nimmt Yella zu Nunu Kontakt auf, die Kinder freunden sich an. Yella, die ebenfalls Sonntags auf dem Spielplatz ist, sitzt – so die Angabe im Personenverzeichnis – "oben auf der Kletterspinne, sieht und weiß eigentlich alles" (Schützsack 2024, S. 3). Sie erzählt von ihrem Ärger mit der Mutter.

Der Titel des Dramas bestimmt die Handlung des Stückes: Der Bühnenraum wechselt zwischen der Wohnung des Vaters, der Mutter und dem ‚Übergabespielplatz‘ hin und her und es wird immer deutlicher, wie wenig Raum Nunu bekommt, um sich zu Hause zu fühlen. Hat er mit dem Stiefbruder ein neues Spiel entdeckt, muss er wieder zu seiner Mutter gehen, spielt er mit dieser vertieft, ist es Sonntagnachmittag und er muss zum Vater wechseln. Doch es ist nicht Nunu selbst, sondern das etwas seltsam anmutende Mädchen Yella, dass das Wechselmodell in Frage stellt.

YELLA Denk, was du willst. Ich glaube, die [gemeint sind die Eltern, A.C.] sehen nur sich oder das, was sie sehen wollen. Jetzt gerade haben sie doch auch nicht gemerkt, dass du hier hochgeklettert bist. Und das, obwohl es neulich doch streng verboten war! Bist du gar nicht wütend auf die?
NUNU Nein.
YELLA Und warum nicht?
NUNU Das sind doch meine Eltern!
YELLA Na und!
NUNU Und warum soll ich wütend sein?
YELLA Woche-Woche. Sonntag, 16 Uhr. Nur so als Beispiel.
NUNU Eltern wissen, was gut für einen ist.
YELLA Niemand kann wissen, was wirklich gut für einen ist. Das weiß man nur selber. Laut Auf Eltern darf man ruhig mal richtig wütend sein! Die halten das locker aus. (Schützsack 2024, S. 14)

Das Mädchen Yella fordert Nunu zum Ungehorsam auf. Doch es braucht einen weiteren Verbündeten. Max, den Nunu als seinen "Bonus-Bruder" bezeichnet, stößt in die Gruppe, die sich gegen die Eltern verbündet.

Woche BaltzerAbb. 2: GRIPS-Theater; Foto David Baltzer (mit Katja Hiller, Eike N.A. Onyambu, Kim Biebow, Jens Mondalski)

Nunu und Max kümmern sich trotz des Haustierverbots um den Goldfisch Blubsi und entziehen sich dank Yellas "Weltregel", am Geburtstag nur das zu tun, wozu man Lust hat (vgl. Schützsack 2024, S. 42), den Wünschen der Eltern. Sie feiern Nunus Kindergeburtstag auf dem Spielplatz. Als die besorgten Eltern hinzukommen, äußert Nunu, durch seine Freunde ermutigt, endlich seine Bedürfnisse:

NUNU Es gibt Dinge, die ich nicht brauche. Eure Streits brauche ich gar nicht. Denn wenn ihr streitet, dann möchte ich meine Ohren jedes Mal zumachen und mein Herz in eine supersichere Schutzdose tun. Und es gibt Dinge, die ich schon gut allein machen kann. Ich kann allein entscheiden, wie und mit wem ich meinen Geburtstag feiern möchte. Ich bin jetzt acht und ich kann sehr gut alleine von dir, Mama, zu dir, Papa, laufen. Woche Woche, Sonntag, 16:00 Uhr.
MAX Und vielleicht auch mal um 15 oder 17 Uhr, wenn wir gerade spielen. Oder zusammen in den Zoo gehen.
YELLA Da komme ich mit!
Nunu streckt eine Hand nach links in Mamas Hand aus. Die andere nach rechts in Papas Hand.
NUNU Aber das Wichtigste ist: Auch wenn ihr getrennt seid, bleibt ihr doch zusammen meine Eltern. Deshalb brauche ich euch beide.
Mutter und Vater nehmen auch gegenseitig ihre Hände. Jetzt stehen sie im Kreis. (Schützsack 2024, S. 45)

Am Ende haben die Kinder die Eltern zum Umdenken bewegt, der Kreis ist das Symbol für ihre neue Verbundenheit.

Kritik

Woche – Woche erweist sich als klassischer Vertreter eines ermutigenden emanzipatorischen Theaters, das Kinder empowert und durch das GRIPS-Theater geprägt wurde, das Woche – Woche im aktuellen Spielplan zeigt. Mit zahlreichen dramatischen Mitteln wird die Problematik sogenannter Wechselmodelle deutlich herausgearbeitet, wie die folgenden Überlegungen verdeutlichen sollen. Denn nicht nur der Titel, sondern auch Bühnenbild und Requisiten verbildlichen die Problematik des Pendelns zwischen zwei Elternhäusern. Beispielsweise durchzieht eine rote Grenzlinie den Spielplatz, die für die zwei Lebensräume Nunus steht und erst vor seiner mutigen Rede (ebd.) von ihm weggezogen wird. So visualisiert das die Requisite der Grenzlinie, dass sich Nunu dem festgeschriebenen Wechseln zwischen zwei Wohnungen widersetzt.

Woche Abb.3Abb. 3: GRIPS-Theater; Foto: David Baltzer

Zudem ist ein Kalender in den Szenen präsent, der sowohl in der Wohnung des Vaters als auch der Mutter den Wochenwechsel ankündigt. Wie sehr Nunu durch das strenge Wochenmodell gestresst ist, wird durch sein Sprechtempo deutlich. Mehrfach im Theaterstück berichtet er von seiner Routine, zwischen zwei Elternhäusern hin und her zu wechseln:

NUNU Eine Familie. Eine Wohnung. Mama Papa Kind. Alle zusammen. Streit. Viel zu viel Streit. Dann auf einmal zwei Wohnungen. Mama Papa Kind. Neue Freundin. Bonus-Mama. Stief-Geschwister. Halbgeschwister. Bonusgeschwister. Woche-Woche. Wird immer schneller beim Sprechen, verhaspelt sich fast.
(Schützsack 2024, S. 4)

Die knappe Aufzählung der neuen Situation und die immer schneller gesprochene Wiederholung Nunus verdeutlichen die Eintönigkeit des starren Konzeptes und wie sehr ihn seine neue Lebenssituation belastet.

Auch die Streitereien der Eltern belasten Nunu und werden ideenreich problematisiert. Wenn die Eltern auf dem Spielplatz – sonntags um 16 Uhr – aufeinandertreffen, geraten sie regelmäßig in Unstimmigkeiten. Doch ihre Diskussionen werden eingefroren und die Kinder kommen zu Wort, erhalten mit den Mitteln des Theaters Gehör. Dies evoziert auch Komik, wenn die Eltern, scheinbar durch Yella verursacht, plötzlich stillstehen und später ‚erwachen‘:

Yella schnipst. Eltern sind im Freeze mit eindeutiger Streitpose. Nuno schaut sie verwundert an. Das Mädchen hängt sich im Schweinebaumel von der Kletterspinne, mit dem Kopf direkt vor Nunu.
YELLA Ha! Da staunst du!
NUNU Na ja. Staunt aber doch. (Schützsack 2024, S. 11)

Komik evozieren auch die Sprüche der altklugen Jella, die den auch sonst im Verlauf des Theaterstückes vollzogenen Rollentausch, in dem Kinder ihre Eltern erziehen, ausspricht: "Eltern sind manchmal echt anstrengend. Sie sind superschwer zu erziehen."

Das Bemerkenswerte ist, dass die Eltern durchaus als liebevoll dargestellt werden, die das Kindeswohl im Blick haben und Nunu bedingungslos lieben. Sie singen ihrem Sohn abends vor, kuscheln und spielen mit ihm. Sie glauben alles richtig zu machen und halten an dem strengen Wechselmodell fest, weil sie glauben, dass dies das Beste für ihr Kind sei. Sie wissen es nicht besser. Deshalb erweist sich auch das Happy End als durchaus glaubwürdig und im Stück angelegt. Zu den positiv dargestellten Beziehungen der Patchwork-Familie(n) trägt auch die Bezeichnung der für Nunu neuen Familienmitglieder bei. So wird der negativ konnotierte Begriff der Stiefmutter bzw. Stiefbruder durch die Bonus-Mama und die Bonus-Schwester und Bonus-Bruder ersetzt. Ein Beispiel, das Schule machen sollte. Zudem wird der Ort des Spielplatzes mit der Kletterspinne im Zentrum als Raum der Kinder dargestellt, ein weiteres Kinder empowerndes Darstellungsmittel. Die Eltern dürfen diesen zwar betreten, müssen diesen aber im Sinne des Erkletterns der Spinne erst erarbeiten, um dazu zu gehören.

Fazit

Es ist der Jury des Berliner Kindertheaterpreises zuzustimmen, dass Lara Schützsack ein Kindertheaterstück gelungen ist, dass ein "relevantes Thema witzig und emotional [darstellt, A.C.], das uns Erwachsenen den Spiegel vorhält und gleichzeitig Kindern Mut macht, auch mal wütend zu sein und sich gegen die Eltern zu stellen – denn man wird trotzdem von ihnen geliebt." (Kellerhals 2023) Als Bonus trägt zum Empowerment der Kinder auch die Mehrsprachigkeit bei, denn die Kinderfiguren verabschieden sich in vielen Sprachen voneinander, die den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern möglicherweise bekannt vorkommen: "Do widzenia!"

 

Literatur

Schützsack, Lara (2024): Woche - Woche, Frankfurt am Main, Verlag der Autoren.

Kellerhals, Nicole (2023): Laudatio zur Verleihung „Berliner Kindertheaterpreis 2023“. 

 

Abb. 1: Foto Lara Schützsack

Abb. 1 und 2: Foto David Baltzer

Titel: Woche - Woche
Autor/-in:
  • Name: Schützsack, Lara
Uraufführung: Uraufführung am 7. November 2024 im GRIPS Hansaplatz
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsjahr: 2024
Verlag: Verlag der Autoren
Altersempfehlung Redaktion: Unter 2 Jahre
Schützsack, Lara: Woche - Woche