Inhalt

Der Rahmen der Handlung von The Drop ist kurz erzählt: Der 17-jährige Benny, Schüler eines Gymnasiums, hat in einem Techno-Club alles kurz und klein geschlagen und sich dabei einen schweren Stromschlag zugezogen. Seitdem liegt er im Koma, während seine Freunde am Krankenbett auf Besserung hoffen. Die Zeit des Wartens wird durch zahlreiche Spielsituationen unterbrochen, die letztlich das Bild einer sehr verunsicherten Generation skizzieren.

Huebner the2drop1D'haus: Foto: David Baltzer. Mit Hannah Joe Huberty, Ayla Pechtl, Cem Bingöl, Eva Maria Schindele

Die Handlung setzt ein, als die vier Freunde Bennys, alle zwischen 17 und 18 Jahre alt, im Krankenhaus ankommen. Sie hoffen darauf, dass Benny aus dem Koma erwacht. Zwei weitere Spieler greifen in diese Situation ein und geben Impulse, so dass unterschiedliche Spielszenen entstehen, die letztlich die Gedanken und Gefühle der Jugendlichen offenbaren. Es geht um das Kennenlernen der Freundesgruppe und ihre Beziehungen untereinander, vor allem aber um die Corona-Pandemie und wie diese das Leben der Jugendlichen beeinflusst hat und immer noch nachwirkt.

Da ist beispielsweise Luise, die eine Angststörung entwickelt hat. Sie macht sich schwere Vorwürfe, ihre Großmutter, die an Corona verstarb, angesteckt zu haben. Nur das Tanzen im Club hilft ihr, sich ein Stück weit frei zu fühlen und sich fallen zu lassen:

Also muss ich irgendwann Luft holen und atme das ganze Leben um mich herum ein, während die Ellbogen, die Schultern, die Ärsche mich berühren und dann fällt etwas von mir ab, tief atmen, und dann löse ich mich sachte auf. Aber ich kann da nicht einfach stehenbleiben, ich muss tanzen, dann lässt die Angst nach, wie ein Krampf nachlässt, alles wird Bewegung. (Hübner/Nemitz 2025, S. 7f.)

Auch die anderen haben in der Pandemie gelitten und dies zum Teil mit Folgen, die in die Gegenwart reichen: Joes Eltern, Inhaber eines Restaurants, sind von den Corona-Schließungen betroffen, während sich ihr Sohn an seinen Traum klammert, ein berühmter DJ zu werden. Eleni kam während des digitalen Unterrichts nicht mehr in der Schule klar, verlor den Anschluss und macht jetzt eine Tischlerlehre, während Kayra der Mut fehlt, ihre Träume zu verfolgen. Und Benny? Der ist voller Wut, kann aber die Gründe für seine Wut nicht benennen. Er weiß nur: Die letzten drei Jahre waren ‚beschissen‘ (vgl. Hübner/Nemitz 2025, S. 12).

Den Jugendlichen fehlt Stabilität und Zuversicht, auch untereinander sind die Beziehungen brüchig. Schnell wird klar, dass Benny und Joe in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen, Joe sich an Bennys Ausraster im Club sogar ergötzt zu haben scheint. Auch die anderen Figuren haben eine unklare Beziehung zu Benny, fühlen sich aber weiterhin verantwortlich für ihn. Schlussendlich führt das Bangen um Bennys Leben auch zu der Frage, wie man das eigene Leben gestalten möchte, wie es grundsätzlich weitergehen kann. Am Schluss stehen die Jugendlichen Hand in Hand und im Halbkreis um den kranken Benny: ein Symbol der Hoffnung und des Zusammenhalts.

Kritik

Die hohe Komplexität des Stückes wird bereits in der Mehrdeutigkeit des Titels deutlich. Zum einen kann der Ausraster Bennys und sein schwerer Unfall als Drop gelten, als ein Augenblick, der womöglich alles verändert. Benny fällt, wie tief, das bleibt bis zuletzt offen. Zum anderen steht der Titel für das Vergehen der Zeit und die Frage, wie man das eigene Leben sinnvoll gestaltet:

Aber ihr lauft in Fallen, keine Pläne außer Scheitern
Wir haben alles getan euer Denken zu erweitern.
Drop Drop Drop so vergeht eure Zeit (Hübner/Nemitz 2025, S. 32).

Carpe Diem – so könnte vielleicht eine Botschaft des Stückes lauten. Doch der Titel stellt auch einen Bezug zum Techno und damit zum Handlungsort her: Der DJ merkt, dass etwas nicht stimmt, und setzt den Drop, eine harte Basslinie, um die Gäste des Clubs am Tanzen zu halten und eine Massenpanik zu verhindern. Der Bezug zur Techno- und Clubkultur wird an mehreren Stellen des Stückes aufgegriffen. Die Ambiguität des Titels, auf den in ihrem Theaterstück auch wortwörtlich Bezug genommen wird (vgl. in The Drop: "[…] wo ist der Drop? Gib uns den Drop!" (Hübner/Nemitz 2025, S. 8)), lässt sich auch in anderen Jugendstücken von Lutz Hübner und Sarah Nemitz nachweisen (vgl. Christensen 2021, S. 205-213).

Huebner the2drop3D'haus: Foto: David Baltzer. Mit Ayla Pechtl, Eva Maria Schindele, Cem Bingöl

Bemerkenswert ist, dass Bennys Ausraster und sein Unfall zwar in einem Club stattfindet, das Theaterstück aber intermediale Bezüge aufweist, die keinen Bezug zur elektronischen Musik haben, sondern – quasi im Gegenteil – in den Bereich der Oper anzusiedeln sind. Ein Beispiel wäre Piangerò, la sorte mia, die Arie der Cleopatra aus der Oper Julius Cäsar in Ägypten von Georg Friedrich Händel (vgl. Hübner/Nemitz 2025, S. 5). Das Singen der Arie stellt einerseits den Unfalls Bennys als tragisch dar, verleiht diesem eine Schwere. Andererseits passt der Gesang weder zu dem Ort der Handlung, eine Disco bzw. ein Krankenhaus, noch erweist sich der Operbezug als Merkmal eines Jugendstückes. Ähnliches gilt für Vivaldis Vedro con mio diletto, eine Arie, mit der Bennys Gewalttat im Club unterlegt wird (vgl. Hübner/Nemitz 2025, S. 11). Solche letztlich das Tragische unterstützende und zugleich unpassend wirkenden Opern-Verweise, wie man sie aus dem Kriegsfilm Apokalypse Now kennt (Walkürenritt von Richard Wagner), dienen auch als Verfremdungeffekte, die verhindern, dass man sich in die Figuren einfühlt.

Huebner the2drop2D'haus. Foto: David Baltzer. Mit Cem Bingöl, Hannah Joe Huberty, Felix Werner-Tutschku, Eva Maria Schindele, Ayla Pechtl

Mit den Musikbezügen ist eine weitere Besonderheit von The Drop verbunden: die zwei in der Dramatis Personae aufgeführten Spielerfiguren, als "Player" bezeichnet. Die Player, in der Düsseldorfer Inszenierung durch einen Opernsänger und eine Opernsängerin besetzt, erfüllen im Stück zahlreiche Funktionen und halten die losen Spielszenen zusammen: Sie bauen das Bühnenbild um, schlüpfen in andere Rollen wie in die des Krankenpflegers, singen und leiten zu Szenen über. Vor allem aber kommentieren sie die Monologe der jugendlichen Figuren und dringen durch Fragen, wie die, wie das Leben ohne Corona gelaufen wäre, in das Innere der anderen Figuren vor. Auf solche Weise reflektieren die Jugendlichen ihre Situation, erkennen ihre Verunsicherung und können letztlich einen Neuanfang wagen. Durch die Fragen der Spieler erfolgt letztlich auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhalten der Erwachsenen während und nach der Pandemie.

PLAYER 1: Was wäre denn hilfreich?

KAYRA: Wenn irgendjemand nach Corona gekommen wäre und gesagt hätte: Ihr habt etwas durchgemacht, das war schlimm, und wir lassen euch Zeit, damit ihr darüber wegkommt. Ihr bekommt unsere Aufmerksamkeit, ihr habt unser Mitgefühl, weil ihr Lebenszeit verloren habt, weil ihr fast alles verpasst habt, was man in eurem Alter erleben sollte. Wir entschuldigen uns für alle Fehler, die wir gemacht haben. Wir sind bei euch, bis ihr so lange zurückgeblickt habt, dass ihr wieder nach vorne blicken könnt.

PLAYER 1: Und was hätte das gebracht?

KAYRA: Wir hätten zurückgefunden. Hätten uns angesehen. Und wären weitergegangen. Zusammen. (Hübner/Nemitz 2025, S. 41f.)

Letztlich stellt sich das Stück auf die Seiten der Jugendlichen, deren Adoleszenz von zahlreichen Krisen überschattet wird und deren Nöten und Sorgen nur wenig gesehen werden. Trotz all der Schwere endet das Stück nicht hoffnungslos. Benny wacht auf, wohl ohne Erinnerung. Er wird so zum Sinnbild eines Neuanfangs, den auch seine Freunde wagen können.

Fazit

Sarah Nemitz und Lutz Hübner zählen zu den meistgespielten Autoren unserer Gegenwart. Mit The Drop haben sie ein Theaterstück vorgelegt, welches sich aufgrund seiner Ausflüge in die Opernwelt von bisherigen Jugendstücken unterscheidet und neue Wege geht. Das wachsame Auge auf den Zeitgeist, die passgenaue Sprache und der letztlich respektvolle, zuversichtliche Blick auf Jugendliche aber schließt an die Aufgabe der Jungen Bühnen an, Jugendliche ernst zu nehmen und sie zu ermutigen, ihren Weg zu gehen.

 

Literatur 

Christensen, Anke: Jugenddramen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz: ‚Form follows function‘ (Literarisches Leben heute, Bd. 8). Berlin: Peter Lang 2021.

Hübner, Lutz, Nemitz, Sarah: The Drop. Köln: Hartmann & Stauffacher 2025.

Abbildungen

Abb. 1: @ Matthias Horn

Abb. 2-4: @ David Baltzer

Titel: The Drop
Autor/-in:
  • Name: Hübner, Lutz
  • Name: Nemitz, Sarah
Uraufführung: 5. Dezember 2025 am Schauspiel Düsseldorf
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Hartmann & Stauffacher
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Hübner, Lutz, Nemitz, Sarah: The Drop