- Erstveröffentlichung: 01.11.2022
In der Reihe der Freitag-Online-Veranstaltungen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ist am Freitag den 4. November 2022, um 19:00 Uhr die Sprachkünstlerin Lena Raubaum zu Gast.
In der Reihe der Freitag-Online-Veranstaltungen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ist am Freitag den 4. November 2022, um 19:00 Uhr die Sprachkünstlerin Lena Raubaum zu Gast.
Wenn man sich einer Kinderfernsehautorin nähert, die längst nicht mehr in ihrem Beruf arbeitete, gerät man leicht in die Gefahr der Stilisierung und der Nostalgie. Dies umso mehr, wenn es sich dabei wie im fall von Inge Trisch um eine Autorin und Redakteurin handelt, die für wesentliche Sendeformen des Kinder- und Jugendfernsehens der DDR verantwortlich war. Doch ihre Figuren lassen sich – wohl genau wie sie selbst – nur bedingt nostalgisieren, sie tragen in sich eine humoristisch-anarchistische Revolte gegen das Geregelte, das Vorgegebene, gegen das „Das macht man so“. Ein Nachruf auf eine besondere Frau.
Ali Mitgutsch gilt als Erfinder des Wimmelbuchs und schuf damit ein ganz neues Genre. Seine Bücher wurden millionenfach verkauft und begeistern weltweit Jung und Alt. Am 10. Januar 2022 ist Mitgutsch im Alter von 86 Jahren verstorben.
Alle sind herzlich eingeladen, wenn Mohls Lyrikkiosk öffnet: am Freitag, 3. Februar 2023, um 19:00 Uhr
"Es waren einmal drei grimmige Räuber mit weiten schwarzen Mänteln und hohen schwarzen Hüten."
Diesen Satz, die sich daraus entspinnende Geschichte und die dazugehörigen wunderbar furchteinflößenden Bilder kennt seit drei Generationen fast jedes Kind. Tomi Ungerer, der Autor und Zeichner dieser und vieler anderer Bücher und Bildwerke für Kleine und Große ist am 9. Februar im Alter von 87 Jahren in Irland gestorben.
Abb. 1: Pressefoto Tomi Ungerer (Foto: © Gaëtan Bally/KEYSTONE)
Tomi (Jean-Thomas) Ungerers furiose Laufbahn als Kinderbuchkünstler begann in den USA 1957 mit zwei Büchern über die Mellops, eine sechsköpfige Schweinefamilie. Es folgten hierzulande bekanntere Werke wie Crictor, die gute Schlange (1958, dt. 1959), Die drei Räuber (1961, vgl. Abb. 2), Der Mondmann (1966), Das Biest des Monsieur Racine (1971, dt. 1972) und viele weitere Bilderbücher. Populäre und stilbildende Titel (auch) für Kinder sind zudem Tomi Ungerers Märchenbuch (1975) und Das große Liederbuch (1975), in denen er an romantische Traditionen anknüpft und diese gleichzeitig mit eigenen Mitteln durchsetzt. Als letztes Buch für Kinder erschien bei Ungerers Hausverlag Diogenes Der Nebelmann (2012, vgl. Abb. 3), eine Hommage an seine späte Heimat Irland. Postum wird im April 2019 das apokalyptische Bilderbuch Non Stop, eine Geschichte "über Freundschaft, Vertrauen und Menschlichkeit in dunklen Zeiten, für Erwachsene und Kinder" (https://www.diogenes.ch/leser/news.html) erscheinen.
Abb. 2: Tomi Ungerer: Die drei Räuber (diogenes, 2007. EA 1962)
Kinderbücher wie die mittlerweile klassischen von den drei schrecklichen, aber am Ende doch herzensguten Räubern oder dem freiheitsliebenden Mondmann sind jedoch bei weitem nicht das Einzige, was der äußerst produktive Künstler Tomi Ungerer hinterließ: Er veröffentlichte insgesamt mehr als 140 Bücher für Kinder und Erwachsene, darunter Sammlungen seiner Satirezeichnungen aus und über die USA, mit denen er seinerzeit die amerikanische Gesellschaft brüskierte, skurril-erotische Bändchen wie das in Deutschland populäre Kamasutra der Frösche (1982) und autobiographische wie Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsass (1993). Darüber hinaus deckt sein Werk die gesamte Palette grafischer Kunst ab: Neben Werbezeichnungen schuf er insbesondere in seinen künstlerischen Anfangsjahren in den USA (1957-1971) satirische Zeichnungen und politische Plakate, die zu ihrer Entstehungszeit schockierten und brüskierten, heute aber von der Kunstwelt als überaus bedeutsam anerkannt werden.[1] Ausflüge in die Bildhauerei und Architektur belegen weiterhin seine Vielseitigkeit. In allen Bereichen zeigte Ungerer eine große Könnerschaft, aber auch eine zum Teil verstörende Direktheit, Ironie und Drastik. So lässt sich nicht nur über seine Kinderbücher schreiben, sie hätten "Schärfe und einen rabiaten, genialen Strich […] die Bosheit und Wucht eines großen Karikaturisten. Sie geben Essenz." (Blaich 1995, S. 93) Lange bevor derartige Ansichten populär wurden, versuchte Ungerer, die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenbuch zu sprengen, beide Adressaten auf verschiedenen Ebenen anzusprechen. Er polemisierte "gegen keimfrei und sauber abgesicherte 'kastrierte' Kinderbücher, die sich pädagogischen Rezepten und Theorien fügen. Er läßt Aggressionen in seinen Büchern keineswegs aus" (Blaich 1984, S. 624). Dabei haben Ungerers Kinderbücher zumeist eine klare humanistische und kinderfreundliche Botschaft: Sie zeigen wie in Flix (1997), der Geschichte eines in eine Katzenfamilie hineingeborenen Hundewelpen, dass Vorurteile überwunden werden können; sie führen wie in Die blaue Wolke (2000) mit fantastischen Mitteln die Überflüssigkeit und Überwindung von Rassenkämpfen vor und lassen wie in Otto. Autobiographie eines Teddybären (1999)[2], die unrühmliche Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts nicht außen vor. Sie rütteln auf, setzen ungewöhnliche (Tier-)Protagonisten in den Mittelpunkt und bersten vor Freude an der Sprache und Witz im Bild. Für sein kinderliterarisches Werk wurde Ungerer 1998 mit dem Hans Christian Andersen Preis ausgezeichnet. Zudem wurde er 2003 zum "Botschafter für Kindheit und Erziehung" für den Europarat berufen.
Abb. 3: Tomi Ungerer: Der Nebelmann (diogenes, 2012)
Ungerer selbst wurde 1931 in Straßburg als jüngstes von vier Kindern in eine Uhrmacherfamilie geboren. Mit drei Jahren verlor er seinen Vater. Dieses Ereignis sowie die geschichtlichen Umwälzungen seiner elsässischen Heimat – die deutsche Besatzung und die französischen Sprachverbote nach dem 2. Weltkrieg – prägten ihn enorm. Nachdem er die Schule ohne Abitur verlassen hatte, trampte er zunächst durch Europa und brach dann 1956 mittellos, aber mit einigen Zeichnungen in die USA auf. Dort wurde er aufgrund seiner herausragenden zeichnerischen Fähigkeiten schnell bekannt, eckte aber mit seinen drastischen, skurrilen und ironischen Arbeiten auch rasch an. 1971 hatte er sich schließlich so unbeliebt gemacht (Beobachtung durch das FBI, Ächtung als Kinderbuchautor), dass er das Land nach 14 Jahren verließ. In der Folge verbrachte er einige Zeit in Kanada, um später mit seiner nunmehr dritten Frau in Irland Fuß zu fassen. Hier lebte er bis zu seinem Tod auf einer Farm nahe Cork, verbrachte aber zugleich auch viel Zeit in seiner Heimatstadt Straßburg.
Ungerers Tod frappiert trotz seines hohen Alters. Er gehört zu einer Generation von Kinderbuchkünstlern, die für die meisten heute lebenden Rezipienten "schon immer da war" und bis heute als maßgeblich erscheint. Neben seinem Freund Maurice Sendak, der 2012 83-jährig verstarb, Eric Carle, dem mit über 80 ebenfalls noch immer produktiven Erfinder der Raupe Nimmersatt, sowie dem ähnlich kontroversen gleichaltrigen Zeichner Janosch zählt Ungerer zu den ganz großen Kinderbuchmachern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Ihnen allen war es durch ihr hohes Alter vergönnt, über eine sehr lange Zeitspanne – von den späten 50ern bzw. frühen 60ern an – erfolgreich herausragende Werke der Bilderbuchkunst vorzulegen. Langsam werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass nur noch ihre Bücher übrig bleiben.
"Zum Schluss bauten sie eine Stadtmauer mit drei mächtigen Türmen. Für jeden Räuber einen. Aus Dankbarkeit."
In Straßburg erhielt Ungerer als erster lebender französischer Künstler ein eigenes Museum: Seit 2007 kann man dort im Museum Tomi Ungerer – Internationales Zentrum für Illustration seine Werke, aber auch Arbeiten anderer Künstler und Karikaturisten betrachten. Hier und in seinen zahlreichen Büchern wird man weiterhin dem reichen Schatz begegnen, den Ungerer hinterließ: Schönes und Abgründiges, Skurriles und Ermutigendes. Man staunt angesichts der großen Fülle. In Dankbarkeit.
Sekundärliteratur
Fußnoten
[1] Wesentliche Themen waren dabei die Rassentrennung und der Vietnamkrieg, aber auch die Lebenswelten der Middle Class und High Society.
[2] Hierin finden sich der Teddybär Otto, sein erster Besitzer, ein jüdischer Junge, und dessen nichtjüdischer Freund als alte Männer in Amerika wieder, nachdem sie durch Nationalsozialismus und Krieg getrennt wurden.
Mit Büchern wie Die besten Beerdigungen der Welt und Kommissar Gordon wurde Ulf Nilsson in Deutschland berühmt. Am 22. September 2021 starb der schwedische Kinderbuchautor im Alter von 73 Jahren.
"Baut Brücken, schließt Freundschaften!" (Carle in Schneider 2021). Diese Botschaft sandte der deutsch-amerikanische Kinderbuchautor und -illustrator Eric Carle seinen kindlichen und erwachsenen Lesenden anlässlich des 50. Geburtstags der berühmten und stets hungrigen Raupe. Eine Botschaft, die sich gleichermaßen durch Werk und Biografie Carles zieht.
[31.01.2019]
Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur trauert angesichts des großen Verlustes, den der Tod von Mirjam Pressler für die gesamte Kinder- und Jugendliteraturszene bedeutet.
Nachruf von Karin Richter
Es war immer eine Ehre für die Akademie, wenn diese Ausnahme-Autorin unsere Veranstaltungen bereicherte und darüber hinaus in vielen Schulklassen der Region Kindern und Jugendlichen Einblicke in ihre ergreifenden Kunstwelten bot. 2001 wurde ihr bereits für ihr bewundernswertes Engagement der Große Preis der Akademie überreicht.
Ohne das reiche erzählerische Werk dieser Schriftstellerin wäre die deutsche Kinder- und Jugendliteratur um vieles ärmer. Allein die Kinder- und Jugendromane, die Mirjam Pressler in den letzten 20 Jahren vorgelegt hat, die den Themen Antisemitismus, Verfolgung Andersgläubiger und Andersdenkender, Intoleranz, Hass, Gewalt verpflichtet sind, gehören zu den eindrucksvollsten Kunstwelten für Kinder und Jugendliche: Malka Mai (2001), Golem stiller Bruder (2007), Nathan und seine Kinder (2009) und Ein Buch für Hanna (2011) verbinden dabei eine spannende Handlung mit einem hohen ästhetischen Anspruch. Die Geschichten haben junge Leser fasziniert, erschüttert, aber auch dazu anregt, über wesentliche Fragen menschlichen Lebens nachzudenken.
Mirjam Pressler war es immer sehr wichtig, nicht nur Gewalt und Hass zu zeigen, sondern zugleich auch Zeichen der Hoffnung zu setzen, indem sie von Menschlichkeit, Hilfs- und Opferbereitschaft und von der Kraft junger Menschen in äußerst schwierigen Situationen erzählte. Dem genannten Komplex zugehörig ist eine Publikation, die sich nur schwer einem Genre zuordnen lässt und die zugleich eine publizistische Meisterleistung darstellt, die in der literarischen Öffentlichkeit wenig wahrgenommen wurde: die Veröffentlichung eines gewaltigen Fundus unbekannter Dokumente und vielfältigen Bildmaterials aus dem Besitz von Anne Franks Familie, der im Baseler Haus der Familie Frank entdeckt wurde. Das Buch erschien 2009 unter dem Titel Grüße und Küsse an alle. Die Geschichte der Familie von Anne Frank. Mit der Veröffentlichung und erzählerischen Pointierung dieses Korrespondenzschatzes einer großen jüdischen Familie aus Frankfurt hat Mirjam Pressler ihre Beschäftigung mit dem Tagebuch und dem Schicksal von Anne Frank vollendet.
Das Besondere am Werk dieser Schriftstellerin liegt in der Grenzüberschreitung, die sich auf verschiedenen Ebenen vollzog: Sie schrieb für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie übersetzte Meisterwerke der internationalen Literatur und öffnete diese für deutsche Leser durch ihre Meisterschaft im Übersetzen, wie Amos Oz' Roman Judas – eine Leistung, für die sie mit mehreren Auszeichnungen geehrt wurde. Ein hoher Anspruch verband sich bei Mirjam Pressler auch mit dem Übersetzen von Kinder- und Jugendliteratur. Die Jugendromane von Uri Orlev Lauf, Junge, lauf und Der Mann von der anderen Seite, die Übersetzungen der Romane von Lizzi Doron und von Bart Moeyaert legen davon Zeugnis ab.
Mirjam Presslers Schreiben und Übersetzen erfolgte seit Jahren in einem Kampf mit ihrer fortschreitenden schweren Erkrankung. Dabei blieb sie immer dem Leben zugetan, verbreitete Optimismus und Heiterkeit und gewann dergestalt für sich und andere Glück. Der Titel eines ihrer interessantesten Bücher stellt gleichsam ihr Lebensmotto dar: Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen.
Mirjam Presslers Genauigkeit in der Sprache, die sich in einer ästhetischen Schönheit entfaltete, war eine Kunst, in der sich auch die Nähe zu den Figuren widerspiegelte. Das zeigte sich in historischen Romanen wie Golem, stiller Bruder und Adaptionen, wie Nathan und seine Kinder ebenso, wie in Welten, in denen sie vom Schicksal realer jüdischer Menschen erzählte. Dabei spiegeln diese Geschichten nicht einfach nur Interesse an diesen Menschen, sondern die Autorin beschäftigte sich sehr intensiv mit deren Leben.
Das zeigte sich auch in ihrem letzten Besuch außerhalb von Landshut, als sie noch zum Jahresende das von ihr angeregte Setzen eines Stolpersteins für ihre Protagonistin Hanna Stern in Leipzig (Ein Buch für Hanna) begleitete.
Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur wird in mehreren Veranstaltungen des Werkes und Wirkens dieser herausragenden Persönlichkeit gedenken. Das Thema der Frühjahrstagung der Akademie im Jahre 2020 ist dem Erzähl- und Übersetzungswerk von Mirjam Pressler gewidmet. Auch zur Erfurter Buchpremiere von Mirjam Presslers letztem Buch – dem Jugendroman Dunkles Gold, das eine Geschichte zum jüdischen Schatz von Erfurt erzählt – werden in diesem Frühjahr Mitglieder der Akademie anwesend sein und diese gemeinsam mit Mirjam Presslers Familie und Vertretern der Kultur-Szene Erfurts gestalten.
[Quelle: Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V.]
Die Kinderbuchillustratorin Eva Wenzel-Bürger ist am 31. Januar 2025 im Alter vom 92 Jahren gestorben. Für den Carlsen Verlag illustrierte sie zahlreiche Pixi- und Lesemausbücher. Bekannt wurde sie für die Zeichnung der Figur Conni sowie des Waldwichtels Pixi, dem Namenspatron der Pixi-Reihe. Ihr Nachlass wird in die Eva Wenzel-Bürger-Stiftung übergehen. Hier finden Sie den vollständige Nachruf auf Eva Wenzel-Bürger des Carlsen Verlags:
Mit großer Bestürzung haben die Mitglieder der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur kurz vor ihrer Jahresversammlung erfahren, dass ihr langjähriges Mitglied Prof. Dr. Karin Richter am 27. April 2022 verstorben ist.