Explikat

Transformation beschreibt gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die bestehende Strukturen und Systeme nachhaltig verändern. Der Begriff ist eng mit Technologisierung und Digitalisierung verbunden, jedoch kein Synonym dazu. Denn Transformation setzt nicht mit der gesellschaftlichen Integration ‚neuer‘ Medien ein, sondern Medien und Kultur sind als wechselseitig aufeinander bezogene Größen zu verstehen. Technologie hat den Menschen schon immer verändert, aber die Geschwindigkeit digitaler Veränderungsprozesse hat zugenom-men.

In den Erziehungs- und Bildungswissenschaften wird der Begriff für die Förderung von Handlungsfähigkeit (Agency) und Selbstbildungsprozessen genutzt. Hier sind vor allem die Arbeiten zur transformatorischen Bildungstheorie zu nennen, in denen die Veränderung des Menschen gegenüber Einstellungen und Werten vordergründig ist (u. a. Koller 2018). Aus diesem (Bildungs-)Prozess geht das Subjekt „‚verändert‘“ (ebd., S. 9) hervor.

Im Kontext von Education for Sustainable Development (ESD) hat sich Transformation als Leitbegriff herauskristallisiert (u. a. WBGU 2011). Sie verweist hier auf die Fähigkeit, gesell-schaftliche Entwicklungen aktiv und verantwortungsvoll wahrzunehmen und mitzugestalten. Transformation ist demzufolge eine Frage von Handlungsmacht (Agency) innerhalb disruptiver Transformationsprozesse. Agency beschreibt hier die Fähigkeit, Handlungsressourcen (gesellschaftlich) zu nutzen, Persönlichkeit auszubilden und sich als verantwortungsvolle Gestaltungskraft der Gesellschaft wahrzunehmen (vgl. Grundmann 2020). Damit ist Selbst-ermächtigung, Partizipation und Teilhabe an der Gestaltung von Zukunft gemeint.

In den Literatur- und Medienwissenschaften wurde Transformation insbesondere im Zuge um Literaturverfilmungen, Adaptionen und Intertextualität diskutiert. Er beschreibt den Pro-zess der Übertragung und Umgestaltung zwischen Medien. Davon unterscheidet sich der Begriff der Remediation, der die Übernahme und Formanlehnung älterer Medien fokussiert, jedoch den prozesshaften Unterschied zwischen Bewahren und Transformieren nicht explizit berücksichtigt. Es existieren verschiedene film- und medienwissenschaftliche Abgrenzungen, die prototypische Systematisierungsversuche sind. (Staiger (2010) bietet eine produktive Übersicht.)

Bei der Verwendung des Begriffs sind immer die jeweiligen Machtverhältnisse zu berücksichtigen – Transformation vollzieht sich nicht im sozialen Vakuum. Erst durch die Zwischenposition von Erhalt und Notwendigkeit kann sowohl disruptives als auch innovatives Potenzial entstehen, sodass bestehende Systeme reagieren (müssen).

In der Deutschdidaktik werden viele Entwicklungen auf der gesellschaftlichen Ebene (Makro-Ebene) als transformativ beschrieben. Beispielsweise verweist das Tagungsmotto des Sym-posion Deutschdidaktik 2026 auf eine gesellschaftliche Transformation und Deutschdidaktik. Auf der Ebene der Disziplin (Meso-Ebene) werden Selbstbildung, Prozessorientierung und Übertragung im Anschluss an die Handlungs- und Produktionsorientierung diskutiert. „Inhalte oder ästhetische Besonderheiten werden aktiv verändert, zum Beispiel indem sie aktuali-siert oder in eine andere Textsorte umgewandelt werden“ (von Brand 2019, S. 11). Transformation ist jedoch nicht auf digitale Umformung zu reduzieren, da individuelle Lernprozesse und der Prozess so rasch untergeordnet werden. Eine reine Übertragung macht noch keine individuelle Veränderung. „Statt zu fragen wie ‚gut‘ der:die Einzelne im Vergleich zu anderen transformiert, steht die berechtigte Frage im Raum, wie der:die Einzelne durch den Text und die Auseinandersetzung mit dem Text gewachsen ist und welchen nächsten Entwicklungsschritt der:die Einzelne dadurch machen kann.“ (Lewald-Romahn 2024, S. 145). Damit ist die diversitätsorientierte, didaktische Betonung der individueller Sichtweisen in Anschluss an die Zone der nächsten Entwicklung (vgl. Vygotskij 1987) gemeint. Transformation beschreibt didaktisch also den individuellen Veränderung- und Entwicklungsprozess als „mehrdimensionale Prozessebene“ (Lewald-Romahn 2024, S. 140). Inwieweit diese Ebene sich ausgestaltet, könnte mit fortlaufender Beschäftigung und Beziehung zur transformativen Bildungstheorie ein fruchtbares Forschungsfeld darstellen. Eine erste Brücke können die sozialwissenschaftlichen Begriffe Mikro, Meso und Makro bieten.

Besonderheiten im Kontext mit Kinder- und Jugendmedien und ihrer Didaktik

Transformationsprozesse vollziehen sich zunehmend in Aushandlung mit Algorithmen und Plattformen. Im Kontext digitaler Kinder- und Jugendmedien ist eine Auseinandersetzung mit Transformation notwendig, da Schüler:innen in netzkulturellen Praktiken nicht nur Inhalte rezipieren, sondern Bedeutungen, Selbstbilder und Weltverhältnisse fortlaufend mitgestalten und verändern. Für den Deutschunterricht wird Transformation damit zu einer zentralen Kategorie, um transmediale Erzählweisen, ästhetische Ausdrucksformen und digitale Aushandlungsprozesse auf Social Media kritisch zu verstehen und Lernende zu reflektierter Handlungsfähigkeit (Agency) zu befähigen.

Erzähltheoretisch lässt sich unterscheiden, ob die Transformation den Kern einer Erzählung bildet (Was wird durch wen transformativ erzählt? – histoire-orientiert) oder ob transformative Veränderungsprozesse erzählerisch erfahrbar gemacht werden (Wie wird durch wen transformativ erzählt? – discours-orientiert). Die Unterscheidung ist als idealtypisch und durchlässig zu verstehen.

Folgende Beispiele verdeutlichen dies: Kim erzählt auf Social Media von der laufenden Geschlechtsangleichung. (Die Beispiele sind fiktiv. Content-Creator:innen, die über Transitionen erzählen sind z. B. jaimi.wlms (Instagram: 222k) oder ellieskiba (TikTok: 168k).) Die Transition bildet den reflexiven Gegenstand der Erzählung (Was?). Es ist der Kern, die Essenz, über die aus verschiedenen Perspektiven berichtet wird: Durch Vorher-Nachher-Bilder im Fitnessstudio und Erfahrungsaustausch in Live-Feeds wird der Veränderungsprozess erzählerisch fortgeschrieben (Wie?). Die eigene Transformation und Veränderung bilden die Grundlage der Erzählung. Jo dokumentiert das Japan-Auslandsjahr. Die Reise bildet den Erzählgegenstand (Was?), doch durch die Anordnung der Reels, Rückblicke und Verlinkung neuer Freunde wird die persönliche Entwicklung und der Perspektivwechsel erkennbar (Wie?). Die Transformation liegt hier nicht im Thema der Erzählung, sondern in seiner erzählerischen Inszenierung.

Abbildung: Mikro-, Meso- und Makro-Ebene des Transformationsbegriffs

 

Literatur

Brand, Tilman von: Handlungs- und Produktionsorientierter Literaturunterricht. In: Praxis Deutsch 276 (2019), S. 4–11.

Grundmann, Matthias: Agency. In: Handbuch Ganztagsbildung. Hrsg. von Petra Bollweg, Jennifer Buchna, Thomas Coelen und Hans-Uwe Otto. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS, 2020. S. 1707–1718.

Koller, Hans-Christoph: Ist jede Transformation als Bildungsprozess zu begreifen? In: Von der Bildung zur Medienbildung. Hrsg. von Dan Verständig, Jens Holze und Ralf Biermann. Wiesbaden: Springer, 2016. S. 149–161.

Lewald-Romahn, Laura Maria: Inklusiver Literaturunterricht mit Balladen. Eine Design-based Research-Studie zur Konzeption und empirischen Rekonstruktion einer Balladenkulturdidaktik für die Sekundarstufe I (DiLiKuS, Bd. 7). Kölner Diss. Trier: WVT, 2024. https://doi.org/10.5281/zenodo.18678923

Vygotskij, Lev Semënovič: Ausgewählte Schriften. Band 2: Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit. Hrsg. von Joachim Lompscher. 2. Auflage. Köln: Pahl-Rugenstein, 1987.

(WBGU) Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation. Hauptgutachten. Berlin: WBGU, 2011. https://issuu.com/wbgu/docs/wbgu_jg2011?fr=sMzhlOTM1OTc5NDI (zuletzt aufgerufen am 12.08.2026)