Liebe Lina, das Ein-Personen-Stück Prima Facie feierte am 22. November 2025 am Staatstheater Braunschweig Premiere und erfuhr in der neuen Spielzeit 2026/2027 eine Wiederaufnahme. Darin mimst Du in über 20 Vorstellungen die erfolgreiche Strafverteidigerin Tessa Ensler, die im späteren Handlungsverlauf einem Sexualdelikt zum Opfer fällt. Sie bemerkt schnell, dass die aktuelle Rechtsprechung eher die Täter als die Opfer schützt. Wie hast Du Dich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich habe mir einige Dokumentationen und Podcasts über Strafverteidigerinnen angesehen. Es ist ja auch wirklich eine spannende Frage, wie Strafverteidiger:innen damit umgehen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, denen so etwas Schlimmes vorgeworfen wird. Und Tessa Ensler steht total hinter diesem System. Es hat sehr viel Spaß gemacht, diese Textstellen auswendig zu lernen, da diese ganz stringent und logisch argumentiert sind. Außerdem habe ich mir zwei Verhandlungen vor Gericht angesehen, um die Atmosphäre vor Gericht mitzubekommen. Da meine Schwester Jura studiert, hatte ich eine gute Ansprechpartnerin, an die ich mich wenden konnte. Des Weiteren haben wir mit dem Verein Sichtbar e.V. − Fachzentrum gegen sexualisierte Gewalt Gespräche geführt. Dieser war auch in den Nachgesprächen zugegen. Erleichternd kam hinzu, dass die Regisseurin Lilian Thode und die Dramaturgin Eva Bode das Stück von dem ursprünglichen anglo-amerikanischen Rechtssystem in das deutsche Rechtssystem übertragen haben.

Abb. 1: Tessa Ensler (gespielt von Lina Witte) ist eine moderne, selbstbewusste und überaus erfolgreiche Strafverteidigerin in einer renommierten Londoner Anwaltskanzlei (Stage picture © Joseph Ruben Heicks aus der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig, Regie: Lilian Thode, Dramaturgie: Eva Bode).

Prima Facie feierte internationale Erfolge mit der britischen Schauspielerin Jodie Comer, die damit 2026 in England und Irland auf Tournee war. Hast Du Dir dieses Stück als Inspiration ansehen können?

Tatsächlich habe ich mir das Stück mit Jodie Comer erst am Abend nach der Premiere angesehen. Ich war sehr nervös und wollte es mir vorher nicht ansehen, da ich nicht unbewusst die Rolle so denken wollte. Meine eigenen Vorstellungen sollten diese Rolle formen. Aber es ist auch schon sehr anders, da die englische Inszenierung viel temporeicher ist und Prima Facie auf einer wesentlich größeren Bühne gespielt wird. Am Staatstheater Braunschweig spielen wir das Stück auf einer sehr kleinen Bühne, die eine intime Wohnzimmeratmosphäre verbreitet. Dadurch ist das Publikum sehr nah an der Figur dran. Zudem hat die Regisseurin Lilian Thode sehr gerne mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit gespielt. Mit Hilfe des Bühnenbildes von Bühnen- und Kostümbildnerin Victoria Reibe wird z.B. die Szene der Vergewaltigung hinter einem raumtrennenden Vorhang gespielt. Aus diesem Grund gibt es auch – wie in der Realität – keine Zeug:innen für den Übergriff.

Prima Facie handelt von Vergewaltigung und der Machtlosigkeit gegenüber der Justiz im Sinne von einer Täter-Opfer-Umkehr. Das sind schwere Themen, die einen sicherlich auch wütend und traurig machen. Wie schaffst Du es, Dich Abend für Abend auf diese intensive Rolle einzulassen und gleichzeitig eine emotionale Distanz zu wahren?

Am Ende des Stücks als Tessa ihr Schlussplädoyer hält und darin zusammenfasst, was alles schief läuft, wird das Licht im Publikum eingeschaltet. Daher sehe ich die Reaktionen des Publikums sehr genau: Ich sehe, wenn die Leute Hände miteinander halten, ich sehe, wenn Leute berührt und bewegt sind, und das hat mich bei der Premiere ganz schön mitgenommen. Denn ich dachte, da sitzen nun viele Personen, die genau wissen, wovon Tessa Ensler spricht. Das ist einerseits hart, andererseits empowerend. Denn wir sitzen dort alle gemeinsam und geben diesem wichtigen Thema Aufmerksamkeit.

Auf der Bühne gelingt Dir sehr authentisch und nachvollziehbar der Switch zwischen der erfolgreichen und selbstbewussten Strafverteidigerin Tessa und dem späteren Vergewaltigungsopfer, das zunächst kopflos wirkt, etwas später aber trotz der Erschütterung juristisch reflektiert die Lage einschätzen kann. Was muss auf der Bühne funktionieren, damit diese Kipppunkte dem Publikum authentisch vorkommen?

In diesem Stück hilft es mir, dass ich gemeinsam mit dem Publikum diese schrecklichen Geschehnisse durchlebe. Und ich bin als Schauspielerin nach eineinhalb Stunden Performance erschöpft. Diese reale Erschöpfung hilft mir, mich in die Rolle der gebrochenen Tessa hineinzuversetzen. Und dann holt sich Tessa ihre Stimme wieder. Für all diese Brüche und Zeitsprünge helfen natürlich auch viele äußere Mittel wie Lichtwechsel oder das tolle Sounddesign von Fridtjof Bundel.

 

Abb. 2: Tessa Ensler (gespielt von Lina Witte) muss nach der Vergewaltigung desillusioniert einsehen, dass das gültige Rechtssystem nicht die Opfer, sondern die Täter schützt (Stage picture ©Joseph Ruben Heicks aus der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig, Regie: Lilian Thode, Dramaturgie: Eva Bode).

Du hast für Prima Facie einen 81-seitigen Monolog auswendig gelernt. Wie lernt man so viel Text? Und Gibt es so etwas wie eine Lieblingsaussage oder Lieblingsstelle in diesem Theatertext, der für Dich eine besondere Bedeutung hat?

Das war wirklich sehr viel Text, mit vielen Absätzen, den ich mir erst einmal sortieren musste. Ich lerne den Text am besten, wenn ich dabei einen Tennisball auf den Boden oder gegen die Wand aufprallen lasse. Am Stückende sagt Tessa: "Irgendwas muss sich ändern!" Das gesamte Abschlussplädoyer, das in diesem Fazit endet, mag ich sehr, da es die aktuelle Rechtslage und die problematische gesellschaftliche Sicht auf sexualisierte Gewalt erschreckend genau auf den Punkt bringt. Und durch das offene Ende bin ich immer sehr gespannt darauf, was das Publikum im Nachgespräch für Ideen und Impulse hat, was sich ändern kann und muss. Außerdem liebe ich an diesem Text, dass dieser so vielseitig ist, dass ich am Anfang diese fröhliche, selbstbewusste, leicht arrogante Tessa sein kann. Mit der vorgenommenen Kleiderauswahl, Tessa trägt einen schicken hellblauen Hosenanzug kombiniert mit einem weißen Oberteil, inszeniert die Kostümbildnerin die Figur als eine moderne, erfolgreiche Frau. Die Anfangsszenen, in denen Tessa von dem Rechtssystem so dermaßen überzeugt ist, haben mir aufgrund ihrer Argumentation sehr viel Spaß gemacht zu lernen.

Einige Vorstellungen sind explizit für Schulklassen ausgewiesen und finden dementsprechend vormittags statt. Reagieren Jugendliche anders als das erwachsene Publikum auf die Inszenierung? Unterscheiden sich die Art der Fragen in den Nachgesprächen?

Auf der einen Seite ja und auf der anderen Seite nein. So gibt es seitens der Schüler:innen beispielsweise großes Interesse am Berufsbild selbst. Ich war überrascht, wie konzentriert die Jugendlichen waren. Und sie waren sehr lebhaft und haben während des Stücks – im Gegensatz zum erwachsenen Publikum – auf die rhetorischen Fragen Tessas reagiert und geantwortet. Wenn Tessa beispielsweise fragt, ob sie überreagiert hat, wurde "Nein" gerufen. Und als sie tanzen gegangen ist, wurde gejubelt.

 

Abb. 3: Nach dem sexuellen Übergriff muss Tessa (Lina Witte) erst einmal innehalten, um das Unbegreifliche zu realisieren. Sie kann es nicht fassen, dass ihr Freund Julian ihr so etwas Schlimmes angetan hat (Stage picture ©Thomas M. Jauk aus der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig, Regie: Lilian Thode, Dramaturgie: Eva Bode).

Gibt es Szenen, die sich im Laufe der beiden Spielzeiten für Dich verändert haben, weil Du über die Zeit vielleicht selbst neue Zugänge zu Tessa gefunden hast?

Zwischen der Premiere und der Wiederaufnahme habe ich sehr viel zu diesem Thema gelesen, zum Beispiel die Autobiografie von Gisèle Pelicot, die Memoiren der Hauptklägerin Virginia Giuffre im Epstein-Fall  sowie Mareike Fallwickls Roman Die Wut, die bleibt. In dieser Zeit ist auch Collien Fernandez an die Öffentlichkeit gegangen. Das und die Fragen und Reaktionen des Publikums aus den Nachgesprächen habe ich nun beim Spielen im Hinterkopf. Aber an sich bewege ich mich in der neuen Spielzeit immer noch in einem ähnlichen Rahmen. Und das Thema ist immer aktuell. Die Dramaturgin Eva Bode hat in einem Nachgespräch einmal so treffend formuliert, dass es eigentlich falsch ist, dieses Gespräch mit "aus aktuellem Anlass" zu beginnen, da dieses Thema immer präsent ist und sich die "aktuellen Anlässe" durchgehend aneinander reihen.

Welche Begegnung oder Rückmeldung nach einer Vorstellung hat Dir besonders deutlich gemacht, welche Wirkung dieses Stück entfalten kann?

Es gab Begegnungen, bei denen sich Personen nach der Vorstellung unter vier Augen bei mir bedankt haben, weil sie sich und ihre eigene Geschichte durch das Stück gesehen gefühlt haben. Das war einerseits schrecklich aber andererseits auch schön, weil es schließlich eine große Verantwortung bedeutet, diese Figur zu zeichnen und zu spielen. Und dabei wollte ich keine Klischees reproduzieren oder Mythen aufrechterhalten. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Von daher bedeutet es für mich sehr viel, wenn mir Betroffene berichten, dass sie sich durch die Inszenierung repräsentiert gefühlt haben.

Hat die Arbeit an diesem Stück Deine persönliche Sicht auf Gerechtigkeit, Schuld und Glaubwürdigkeit verändert?

Es ist schon sehr erschütternd, wenn man sich die Zahlen dazu ansieht, in wieviel Prozent der Fälle es zu Anklagen kommt und in wieviel Prozent der Fälle es zu Verurteilungen kommt. Erschreckend wenig. Das gibt einem schon zu denken.

Was kann ein Theaterstück wie Prima Facie Deiner Meinung nach bewirken, was eine Nachrichtensendung oder eine Podiumsdiskussion über sexualisierte Gewalt vielleicht nicht erreichen kann?

Dadurch, dass wir eineinhalb Stunden alle gemeinsam in einem kleinen intimen Raum diese Geschichte durchleben, hoffe ich, dass wir mit den künstlerischen Mitteln, die wir zur Verfügung haben, nochmal anders emotional anknüpfen können am Publikum. Wir lenken mit Mitteln wie Licht, Musik, dem direkten Publikumskontakt, dem Spiel von Nähe und Distanz etc. ja ganz bewusst die Stimmung im Raum. Und dadurch hoffe ich, dass die Zuschauer:innen emotional geöffnet sind und diese Geschichte umso näher an sich heranlassen und dadurch nach dem Stück umso deutlicher Haltung beziehen können: "Irgendwas muss sich ändern!"

Liebe Lina, hab‘ ganz herzlichen Dank für dieses aufrichtige Interview zu dem so relevanten und hoffentlich im juristischen Kontext zukunftsweisenden Theaterstück Prima Facie. Wer noch die Gelegenheit ergreifen möchte, Lina Witte in dieser bewegenden Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig zu erleben, sollte sich für Februar 2027 einen der folgenden Termine vormerken. Es lohnt sich!

Mi, 17.02.27 20:00 Uhr

Do, 18.02.27 20:00 Uhr

Sa, 20.02.27 20:00 Uhr

Mi, 24.02.27. 20:00 Uhr

So, 28.02.27 20:00 Uhr

Wer nicht so lange warten und sich auf die Weihnachtszeit mit dem Familienstück Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch von Michael Ende einstimmen möchte, kann dies ab dem 22.11.2026 tun. Darin übernimmt die Schauspielerin die Rolle der Tyrannia Vamperl. Des Weiteren ist Lina Witte ab Februar 2027 in dem ab 14 Jahren empfohlenen Theaterstück Früchte des Zorns zu sehen und in dem Point-and-Click-Computerspieladventure Ghost Haunting zu hören, das bald released wird. Liebe Lina, wir wünschen Dir für Deine zahlreichen Rollen und spannenden Projekte alles erdenklich Gute und freuen uns, Dich auf der Bühne performen zu sehen.

Literatur

Miller, Suzie: Prima Facie, Deutsch von Anne Rabe (engl. Prima Facie), Berlin: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmBH 2022/2023.

Abbildungen

Porträtfoto Lina Witte, Foto: ©Louis Bürk

Abb. 1: Staatstheater Braunschweig Prima Facie, ©Foto: Joseph Ruben Heicks, mit freundlicher Genehmigung des Staatstheaters Braunschweig

Abb. 2: Staatstheater Braunschweig Prima Facie, ©Foto: Joseph Ruben Heicks, mit freundlicher Genehmigung des Staatstheaters Braunschweig

Abb. 3: Staatstheater Braunschweig Prima Facie, ©Foto: Thomas M. Jauk, mit freundlicher Genehmigung des Staatstheaters Braunschweig