Inhalt
Prima Facie setzt sich mit den Erfahrungen einer erfolgreichen Juristin auseinander, die mit den Folgen sexualisierter Gewalt und den Grenzen eines Rechtssystems konfrontiert wird, innerhalb dessen sie zuvor selbst erfolgreich tätig war. Tessa Ensler ist Anfang dreißig. Mit einem dreijährigen Jurastudium an einer Eliteuniversität, einem Jahr Bar School sowie sieben Jahren Berufserfahrung hat sie sich aus dem Liverpooler Arbeitermilieu in eine angesehene Anwaltskanzlei Londons hochgearbeitet. Dort arbeitet sie als Strafverteidigerin. Tessa hat sich auf die Verteidigung von Männern spezialisiert, die wegen sexueller Übergriffe angeklagt werden. Für sie gilt zunächst die Unschuldsvermutung, im Zweifel für den Angeklagten oder wie es im Lateinischen heißt "in dubio pro reo". Die junge Strafverteidigerin ist von ihrer Vorgehensweise überzeugt. Sie überprüft sehr gewissenhaft die Zeugenaussagen und deckt Ungereimtheiten auf.
Abb. 1: Prima Facie in der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig (Regie: Lilian Thode, Dramaturgie: Eva Bode) in der Spielzeit 2026/2027: Die erfolgreiche Strafverteidigerin Tessa Ensler (Lina Witte) prüft akribisch die Akten der Opfer von Sexualdelikten, um Inkonsistenzen aufzudecken (©Foto: Joseph Ruben Heicks/stage picture, mit freundlicher Genehmigung des Staatstheaters Braunschweig).
Anschließend nimmt sie die weiblichen Opfer ins Kreuzverhör und demontiert deren Zeugenaussagen. Sie weiß, dass die psychologischen Selbstschutzmechanismen der Opfer während der Vergewaltigung, nämlich Dissoziation, Lähmung oder Schockstarre (freeze) sowie das friend-Verhalten vor Gericht oftmals nicht als erkennbarer Widerstand gewertet werden. Dennoch reflektiert sie des Öfteren darüber, dass ihr die Frauen auch leidtun, wie sie da im Gerichtssaal sitzen und bei dem Verhör 'einknicken'. Tessa ist auf ihrem Gebiet überaus erfolgreich. Doch eines Tages wird sie selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs. Der Täter ist ihr Arbeitskollege Julian Brooks, mit dem sie seit einigen Wochen eine lockere Beziehung pflegt und mehrmals intim geworden ist. Sie geht unmittelbar nach der Vergewaltigung in Gedanken die Fragen durch, die sie als Strafverteidigerin den Opfern vor Gericht stellen würde:
"Die Rechnung aus dem Restaurant lässt vermuten, Sie beide haben sehr viel Sake getrunken, Zeugen haben Sie in gelöster Stimmung gesehen, stimmt das?"
"Und können Sie bestätigen, dass in Ihrer Wohnung zwei weitere Flaschen Rotwein geleert wurden?"
"Stimmt es, Sie haben sich selbst ausgezogen?"
"Sie haben anderen erzählt, dass Sie mit ihm ausgehen würden, haben Sie zuvor schon einmal mit dem Angeklagten geschlafen?"
"Haben Sie ihn mit zu sich genommen? Mit in Ihr Bett?" (S. 37)
Sie ist sich im Klaren darüber, dass diese Begleitumstände den Eindruck des einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs entstehen lassen und nicht nach einer Vergewaltigung aussehen. Da sich Tessa nach dem sexuellen Übergriff sofort geduscht hat, verläuft zudem die forensische Untersuchung ergebnislos.
Abb. 2: Prima Facie in der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig (Regie: Lilian Thode, Dramaturgie: Eva Bode): Tessa (Lina Witte) muss während der forensischen Untersuchung die vielen unangenehmen Fragen seitens des medizinischen Personals beantworten (©Foto: Joseph Ruben Heicks/stage picture, mit freundlicher Genehmigung des Staatstheaters Braunschweig).
Des Weiteren hat sie unmittelbar nach der Tat eine aussagekräftige Nachricht von Julian aus ihrem Handy gelöscht. Alle Indizien scheinen nun nach dem Prima Facie-Beweis (Anscheinsbeweis) gegen eine Vergewaltigung zu sprechen. Sie ahnt, dass sie einen solchen Prozess nicht gewinnen kann. Dennoch zeigt sie Julian Brooks an. Als Tessa nun erstmalig den Gerichtsprozess aus der Opferperspektive wahrnimmt, muss sie feststellen, dass die Rechtsprechung in Punkto Sexualdelikte etliche Schwachstellen aufweist. Wen schützt diese eigentlich und wen schützt sie gerade nicht? Nach diesem durch das eigene Leid initiierten Erkenntnisprozess reflektiert sie nach 782 Tagen des bangen Wartens vor Gericht bei der Urteilsverkündung verbittert, dass sie viel mehr als "nur" diesen Prozess verloren hat:
Ich habe meine Würde und mein Selbstbewusstsein verloren,
ich habe meine Arbeitsstelle gewechselt, habe Freunde verloren, meinen Seelenfrieden,
meine Sicherheit, die Freude am Sex.
Vor allem habe ich meinen Glauben an das hier verloren,
an das Gesetz, das System, von dem ich glaubte, es würde mich schützen.
Das System, dem ich mein Leben gewidmet habe. (S. 77)
Und mit der Feststellung "Ich weiß nur, irgendwo. Irgendwann. Irgendwie. Irgendwas muss sich ändern" (S. 84), die gleichzeitig ein Appell an das Publikum darstellt, endet dieses monologisch angelegte Theaterstück.
Abb. 3: Prima Facie in der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig (Regie: Lilian Thode, Dramaturgie: Eva Bode): Die Strafverteidigerin Tessa Ensler (Lina Witte) befindet sich nach der Vergewaltigung erstmalig in der Opferrolle vor Gericht und muss erschüttert feststellen, dass das Rechtssystem nicht die Opfer, sondern die Täter schützt (©Foto: Joseph Ruben Heicks/stage picture, mit freundlicher Genehmigung des Staatstheaters Braunschweig).
Kritik
In diesem preisgekrönten Theaterstück läßt Suzie Miller ihre Erfahrungen als Juristin mit einfließen. Auf diese Weise gelingt es ihr, richtungsweisende Impulse für die #MeToo-Debatte zu geben. Zudem hat Suzie Miller mit Prima Facie einen empfindlichen Punkt in der juristischen Ausbildung sowie in der aktuellen Rechtsprechung ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt. Aktuell ist das Sexualstrafrecht beispielsweise in Deutschland nicht Teil des Jurastudiums. Aufgrund von Initiativen und aktuellen Fällen – wie beispielsweise der weltweit für Empörung sorgende Missbrauchsfall von Giséle Pelicot – wird derzeit in Deutschland darüber diskutiert, das Sexualstrafrecht verpflichtend in das Jura-Curriculum mit aufzunehmen. Dieses Theaterstück zeigt in der deutschen Bühnenbearbeitung am Beispiel der Vergewaltigung Tessa Enslers eindrücklich die Schwachstellen der Rechtsprechung in Bezug auf Sexualdelikte auf. Erreicht wir dieses durch die Unmittelbarkeit, die durch die einprägsamen Monologe, die teilweise einem Stream of Consciousness gleichen, geführt werden. Dabei nimmt Tessa mehrere Positionen ein. Zum einen mimt sie die knallharte Strafverteidigerin, die die Opfer der Sexualdelikte vor Gericht in ein Verhör verwickelt, so dass sich diese in Widersprüche verstricken und als Lügnerinnen "enttarnt" werden. Zum anderen wirkt sie, nachdem sie selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, verzweifelt und überaus verletzlich, so dass die Distanz aufgehoben wird und sich die Rezipientinnen mit ihr identifizieren können. Insbesondere diese Kipppunkte, die während der Vergewaltigung, während der forensischen Untersuchung im Krankenhaus und in ihrer Rolle des Opfers vor Gericht aus ihrer juristisch fundierten, reflektierten Wahrnehmung heraus geschildert werden, erleichtern den Rezipientinnen und Rezipienten die Schwachstellen des Rechtssystem nachzuvollziehen:
"Statt die Voraussetzungen des Gesetzes zu hinterfragen,
hinterfragen wir die Opfer.
Aber ist das Gesetz nicht veränderbar?
Durch uns definiert.
Durch uns erschaffen,
im Lichte unserer Erfahrungen?
Aller unserer Erfahrungen?
Und deshalb gibt es keine Ausreden mehr.
Es muss sich ändern.
Denn die Wahrheit ist,
jede dritte Frau erfährt sexuelle Gewalt." (S. 80)
Damit wird mit Hilfe dieses Theaterstückes für jeden offensichtlich, dass die gültige Rechtsprechung einer Reform bedarf.
Fazit
Prima Facie verbindet auf einprägsame Weise eine individuelle tragische Geschichte mit grundlegenden gesellschaftlichen Fragen nach Geschlecht, Macht, Gerechtigkeit und institutionellen Strukturen. Dabei verweist das Stück auf die Spannung zwischen individueller Gleichstellung und strukturellen Ungleichheiten: Auch eine beruflich erfolgreiche und selbstbestimmte Frau wie Tessa Ensler bewegt sich innerhalb institutioneller und gesellschaftlicher Strukturen, die durch geschlechtsspezifische Erwartungen und Machtverhältnisse geprägt sind. Themen wie sexualisierte Gewalt, Victim Blaming, die Untergrabung der Glaubwürdigkeit von Betroffenen und der Umgang institutioneller Systeme mit geschlechtsspezifischer Gewalt stoßen im Rahmen des Theaterstücks Prima Facie wichtige Reflexionsprozesse an. Diese münden idealerweise in eine weitere Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlich relevanten Diskursen. Aus diesen Gründen ist dieses Theaterstück, das ein Plädoyer gegen die Täter-Opfer-Umkehr darstellt, bereits für Jugendliche ab 14 Jahren und für Erwachsene gleichermaßen zu empfehlen. Aufgrund der darin verhandelten sensiblen Themen, auf die einleitend durch eine Triggerwarnung hingewiesen wird, erscheint ein pädagogisch oder psychologisch begleitetes Nachgespräch sinnvoll. Entsprechende Begleitmaterialien sind im Anschluss an den Theatertext abgedruckt.
Literatur
Miller, Suzie: Prima Facie, Deutsch von Anne Rabe (engl. Prima Facie), Berlin: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmBH 2022/2023.
Abbildungen
Porträtfoto Suzie Miller, ©Foto: privat, mit freundlicher Genehmigung des Kiepenheuer-Verlags
Abb. 1: Staatstheater Braunschweig Prima Facie, ©Foto: Joseph Ruben Heicks
Abb. 2 Staatstheater Braunschweig Prima Facie, ©Foto: Joseph Ruben Heicks
Abb. 3: Staatstheater Braunschweig Prima Facie, ©Foto: Joseph Ruben Heicks
- Name: Anne Raabe