Inhalt
Auf dem Cover des Bilderbuchs Der Sommer mit Pepper blickt ein Kind mit leuchtorangefarbenen Haaren skeptisch seine Schürfwunde am Knie an – und diese schaut mit einem kleinen Lächeln zurück. Um die besondere Beziehung des Kindes zu dieser Wunde geht es in Beatrice Alemagnas Bilderbuch: Auf der ersten Doppelseite läuft das Kind noch allein einen Bürgersteig entlang. Die violette kurze Hose und die weißen Beine, vor allem aber die schulterlangen Haare leuchten in der sonst dunkelgrau-grün-braunen Stadt. Dann beginnt das Kind seine Geschichte zu erzählen: „Einmal bin ich hingefallen“. Zuhause verarztet und tröstet der Papa, aber so richtig getröstet ist das Kind nicht. Denn es findet den Wundschorf „scheußlich“ und entgegen den Versprechen der Eltern geht der einfach nicht weg. Also gibt es dem Begleiter einen Namen: „Pepper“. Damit bekommt der Schorf ein Eigenleben: Als erstes beschwert er sich darüber, keinen „supersüßen Namen“ bekommen zu haben.
Pepper, der Wundschorf, ist auch in den Sommerferien immer noch da und kommt also mit dem Kind zu den Großeltern aufs Land, wo es für die Hauptfigur keine anderen Kinder zum Spielen gibt. So vertraut sie Pepper ihre geheimen Ängste und Wünsche an. Mit der Zeit wird Pepper aber immer kleiner und ist eines Morgens nicht mehr am Knie, sondern auf dem Bettlaken. Schweren Herzens bringt die Hauptfigur – noch im Pyjama – die kleine rote Kruste in ein Feld mit roten Mohnblumen (vgl. Abb. 1). Nur die Narbe erinnert jetzt noch an die Kruste und an die Ferien. Die Geschichte von Pepper ist hier zu Ende, die der Hauptfigur jedoch geht weiter. Die Narbe erinnert „daran, wie es war, als ich noch keinen Hund hatte“. Inzwischen hat die Hauptfigur also einen anderen Begleiter, den lange ersehnten Hund. Trotzdem fragt sie sich, wo Pepper, der Schorf, wohl ist und hofft, „ihm geht’s gut“.
Kritik
Rothaarige Figuren sind zentral in Klassikern der Kinder- und Jugendmedien, von Pippi Langstrumpf über Wickie bis zum Sams und Pumuckl kennzeichnet diese Haarfarbe Kinder oder Wesen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Die rothaarige Hauptfigur von Der Sommer mit Pepper scheint hingegen zunächst nicht außergewöhnlich. Sie lebt mit ihren Eltern in einer westlichen Kleinstadt und verbringt die Ferien auf dem Land bei den Großeltern. Die Geschichte spielt in einer Welt, in der People of Color im Kleinstadtleben und ein Papa, der sich als Erster um die Wundversorgung kümmert, alltäglich sind. Eine Mutter, die meist Hauptansprechperson ist, ein großes Kinderzimmer bei den Eltern und ein Gästezimmer bei den Großeltern gehören ebenso zur Lebenswelt der Hauptfigur wie das ungestörte Alleinsein mit sich selbst. Auch wenn andere Kinder in der Nähe sind, beschäftigt sich das Kind mit sich bzw. seinem Schorf, später dann mit dem neuen Hund. Außergewöhnlich ist der rote Schorf für das Kind dadurch, dass er „der schrecklichste auf der ganzen Welt“ ist. Dass er anfängt, mit ihr zu reden, nachdem die Hauptfigur ihm den Namen „Pepper“ gegeben hat, wundert sie dagegen nicht übermäßig. Die Kruste hat mal ein kleines oder großes Lächeln, mal ist mit wenigen Strichen ein böser Ausdruck gezeichnet. Dass das Kind am Schluss nicht mehr von dem Wundschorf Pepper, sondern von seinem Hund Lucky begleitet wird, nimmt etwas von dem Zauber, sich mit einer Kruste anzufreunden. War Pepper nur sein Begleiter in Einsamkeit, den es jetzt nicht mehr nötig hat, oder kommt er doch bei der nächsten Wunde wieder? Hat die Kruste bei ihrem Abschied etwa den Wunsch nach einem eigenen Hund erfüllt, der ihr anvertraut wurde, oder war sie eine ausgedachte Freundin? Die Hauptfigur und die Lesenden sind die einzigen, die Pepper kennengelernt haben und die Fragen bleiben offen.
Abb. 1: Pepper und das Mohnblumenfeld, Beatrice Alemagna (Text & Ill.): Der Sommer mit Pepper. Thienemann 2025
Ihre Intensität bekommt die Geschichte Der Sommer mit Pepper durch die Bildebene: am Anfang vor allem durch den Bunt-Unbunt-Kontrast, der den Fokus auf die Hauptfigur und ihre Wunde lenkt. Neonorange mit Linien in verschiedenen Rottönen ist auch das Vorsatzpapier, das die Geschichte rahmt. Das Neonorange zieht sich durch die gesamte Geschichte und markiert die Verbindung erst der Hauptfigur mit ihrer Schürfwunde, dann des Schorfes mit dem Mohnblumenfeld, wo er von der Farbe her am besten hineinpasst (vgl. Abb. 1). Schließlich hebt Neonorange die Verbindung der Hauptfigur mit ihrem neuen Hund hervor, dessen Fell nämlich so leuchtendorangefarben ist wie die Haare der Hauptfigur es sind und Pepper es war. Auch in anderen Bilderbüchern Alemagnas werden Hauptfiguren mit Neonfarben hervorgehoben, beispielsweise die neonpinke Jacke der Hauptfigur und das von ihr gefundene gleichfarbige wuschelige Wesen in Das wunderbare Fluffipuff (Beltz 2020) oder die neongrüne Jacke der Hauptfigur in Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland (Rotopol 2025). Aber auch in der nicht-neonfarbenen Umgebung gibt es in Der Sommer mit Pepper einiges zu entdecken. Mit einfachen Farbstift- und Kreidelinien werden Oberflächen strukturiert und Silhouetten gezeichnet, zum Beispiel die eines Stoffelefanten, der auf den Doppelseiten immer wieder auftaucht.
Die Hauptfigur erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive und ihre Geschlechtszugehörigkeit bleibt in der deutschen Übersetzung von Maria Höck offen. In Rezensionen wird sie aber (überwiegend) als Mädchen gelesen und auch die Autorin spricht in Interviews über die Hauptfigur als Mädchen (Pepper and Me - Astra Publishing House). „Pepper“ wird im Deutschen als „der Schorf“ männlich gegendert, wie auch im englischen Originaltext. In der französischen Ausgabe hingegen heißt der Schorf „croûte“, die Kruste, und bekommt den Namen „Bertha“. Während die meisten Übersetzungen nah am Originaltitel bleiben, ist unklar, warum es im Deutschen auch „der Sommer“ in den Titel geschafft hat.
Fazit
Wie auch in einigen anderen ihrer Bilderbücher erzählt Beatrice Alemagna eine Geschichte, in der Fantasie und fantastische Elemente einem Kind helfen, mit realen Emotionen wie Schmerz, Unmut, Langeweile oder Einsamkeit zurechtzukommen. Die farbenfrohen Zeichnungen schaffen gemeinsam mit dem Text Gesprächsanlässe über die alltäglichen und außergewöhnlichen Ereignisse eines Kinderlebens. Neben dem Vorlesen für Kinder ab vier Jahren eignet sich dieses Bilderbuch also vor allem zum gemeinsamen Entdecken und Geschichtenerzählen, auch über die Wunden und die unsichtbaren Freund*innen, die man selbst schon mal hatte.
Primärliteratur
Beatrice Alemagna (Text & Ill.): Das wundervolle Fluffipuff. [Le merveilleux dodu velu petit, Paris: Albin Michel 2014]. Aus dem Französischen von Anja Kootz. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2020. Online unter: https://www.beltz.de/kinderbuch_jugendbuch/produkte/details/42831-das-wundervolle-fluffipuff.html
Beatrice Alemagna (Text & Ill.): Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland. [Sua Altezza Poltiglia, Principessa di Fango, Mailand: Topipittori 2025]. Aus dem Italienischen von Henrieke Markert. Kassel: Rotopol 2025. Online unter: https://www.rotopolpress.de/produkte/ihre-hoheit-matsch-prinzessin-von-schlammland
Sekundärliteratur
Betsy Bird 2024: A Conversation with Beatrice Alemagna. Online unter https://youtu.be/FIPJWz6iMC4 und Pepper and Me - Astra Publishing House (02.01.2026)
Weiterführende Links
- Name: Beatrice Alemagna
- Name: Maria Höck
- Name: Beatrice Alemagna