Inhalt

Der literarische Text fokussiert das Leben und Aufwachsen des 1924 in München geborenen Jungen Walter Klingenbeck, insbesondere seit dem Jahr 1933, als Hitler an die Macht kam. Als aktives Mitglied der Pfarrjugend St. Ludwig kann er dem Zwang zur Mitgliedschaft in der aufkeimenden Hitlerjugend eine Zeit lang entgehen. Doch schon bald muss er von der Jungschar zur Hitlerjugend-Marine wechseln. Nach seiner Schulausbildung erhält Walter eine Anstellung als Schaltmechaniklehrling bei einem Elektronikgeschäft. Heimlich hört Walter mit seinen Freunden den Radiosender BBC, auf dem der Premier Winston Churchill verkündet, dass man – gemäß den bekannten Anti-NS-Flugblatt-Karikaturen von Walter Trier – auf öffentlichen Gebäuden ein "V" für "Victory", also den Sieg der Alliierten über Nazideutschland, aufmalen soll. Dies setzen Walter, Hans und Daniel in die Tat um, während ein vierter Freund namens Erwin bei den Aktionen nicht mitmacht. Sie planen auch einen eigenen schwarzen Radiosender, auf dem sie über die Verbrechen der Nationalsozialisten berichten wollen. In diesem Kontext möchten sie auch ein Flugblatt – die “Weiße Rose“ unfern von Walter Klingenbecks Wirkungsstätte lässt grüßen – über die prekäre Lage an der Front mit einem Bild von gefallenen Soldaten verbreiten. Immer wieder äußert sich Walter gegenüber seiner Kollegin im Radiogeschäft kritisch über den sog. Führer. Letztere denunziert ihn, woraufhin er am frühen Morgen des 26.01.1942 in seinem Elternhaus von der Gestapo verhaftet wird. Er kommt nach mehrmonatiger U-Haft im Gefängnis Neudeck in das gefürchtete Vollstreckungsgefängnis Stadelheim, wo er nach seiner Verurteilung im September 1942 bis zu seiner Hinrichtung am 05.08.1943 viele Monate allein sein Leben fristen muss. Seine Eltern erfahren erst im Nachhinein durch einen Brief von seiner Hinrichtung.

Kritik

In dieser Graphic Novel wird Walter Klingenbeck, dessen Andenken eher in den Hintergrund getreten ist, als memorabler und mutiger Widerstandskämpfer inszeniert. Die detailgenau gezeichneten Figuren, die der Drastik der Handlung Ausdruck verleihen, ziehen die Leserinnen und Leser sofort ins durchdachte und klug verknappte Narrativ über das viel zu kurze Leben des Walter Klingenbeck. Dies beginnt schon bei dem einprägsam aufgebauten Cover: Front- und Backcover korrelieren inhaltlich stringent, da beide anhand des Farbtopfs mit schwarzer Farbe und den damit in Verbindung stehenden V-Zeichen den Widerstand gegen den Nationalsozialismus symbolisieren. Die schwarzen Striche und Kleckse deuten an, dass es sich um heimliche und schnell an Hauswänden angebrachte Malereien handelt. Zudem sieht man einen mutig-klug und selbstbewusst dreinblickenden Walter Klingenbeck, der einen Pinsel in der Hand hält und sich auch selbst mit schwarzer Farbe bekleckert hat. Letzteres ist einem historischen Portraitfoto von ihm nachempfunden. Die Körperhaltung ist sehr selbstbewusst und das Gesicht leicht verschmitzt. Ihm sitzt gleichsam der Schalk im Nacken:

Abb. 1: Front- und Backcover von Marie Geissler: Zeichen setzen gegen Hitler. München: Sankt Michaelsbund, 2025.

Als sehr wirkungsvoll erweist sich auch die Farbpalette, die diesem Narrativ ihre passende Farbe verleiht: Die Graphic Novel ist hauptsächlich in dunklen Farben wie Schwarz, Grau, Braun sowie wenigen Kontrastfarben gehalten. Vor allem sticht das typische Braun der Uniformen des Nationalsozialismus hervor, das großflächig eingesetzt wird. Dies symbolisiert die Vereinnahmung aller Lebensbereiche in München durch den Nationalsozialismus.

In Szenen der nächtlichen Malaktionen dominieren z.B. die Farben Schwarz, Dunkelbraun und Grau, um die Notwendigkeit der Geheimhaltung dieser Aktion zu betonen. Die emotionale Aufladung der Story wird auch durch die Mimik wiedergegeben: Nationalsozialisten werden oft mit harter, kalter, aggressiver, spöttischer, überheblicher oder emotionsloser Mimik dargestellt, manchmal auch sehr streng. Walter und seine Freunde hingegen wirken häufig fröhlich, nachdenklich, hoffnungsvoll und manchmal auch ängstlich oder verzweifelt. Der Kontrast der beiden Figurengruppen verdeutlicht passend die Menschlichkeit der Aktivisten im Gegensatz zur eher empathielosen Unmenschlichkeit der Nazis. Bei der Verknappung auf ca. 45 Seiten ist eine Kontrastierung zur Zuspitzung der Handlung unerlässlich.

Auch die Panelgröße unterstützt die Inszenierung des Walter Klingenbeck als ins Vergessen geratenen Widerstandskämpfer: Während bei der imaginierten Flyer-Verteilungsaktion mithilfe einer offenbar fiktiv ausgedachten Drohne ein großflächiger Hintergrund mit dem Münchner Dächerpanorama samt den Türmen der Frauenkirche als treffende Silhouetten gewählt wird, wirkt das einleitende Panel, in dem das Abführen von Walter ins Gefängnis Neudeck zur U-Haft dargestellt ist, sehr beengend, zumal es einen klaustrophobischen Effekt auf den Betrachter ausübt. Bei dem gerade erwähnten doppelseitigen Panel, auf dem sich Walter vorstellt, Flyer über den Dächern von München abzuwerfen, wirkt er gelöst und frei. Er lehnt sich entspannt gegen das Geländer der Kirche St. Ludwig, während einer seiner Freunde eine große imaginäre Fliegerdrohne über den hellen Horizont mit den wenigen Wolken lenkt. Die Szene vermittelt dadurch eine Form von Harmonie, die anzeigt, dass die Jungen hier mit ihren Ideen eins sind (vgl. Abb. 2).

Abb. 2 aus: Marie Geissler: Zeichen setzen gegen Hitler. München: Sankt Michaelsbund, 2025.

Als wohlüberlegt erweisen sich auch die verschieden kolorierten Sprechblasen, die dadurch verschiedene Funktionen erkennen lassen: Weiße Sprechblasen stehen für alltägliche Gespräche, schwarze Blasen für Bedrohung, Angst oder Propaganda und weiße Denkblasen enthalten im Nationalsozialismus verbotene Aussagen, die getroffen werden können, ohne dass der Protagonist Walter deswegen Ärger bekommt. Sie helfen, Emotionen wie Wut oder problematische Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Dies sieht man am Beispiel der schwarzen Sprechblasen in der Polizeidienststelle in der "Löwengrube", wo sich Walter mit schwersten Vorwürfen konfrontiert sieht.

Schließlich ist auch die Symbolik des Buchs ein Gewinn, da zum Beispiel nach dem Tod Walter Klingenbecks auch düstere Figuren der Verzweiflung Einzug in die Trauerverarbeitung der Eltern halten, die an die weinende Schattenfigur in Anselm Feuerbachs Bild Medea (1870) erinnert. Die Eltern scheinen auch in einem Bach aus Tränen gleichsam zu zerfließen. Die Farbgebung des Wassers ist hierbei sehr düster und spielt somit auf die hereinbrechende Dunkelheit in das Leben der Klingenbecks an (vgl. Abb. 3).

geissler zeichensetzengegenhitler abb3Abb. 3 aus: Marie Geissler: Zeichen setzen gegen Hitler. München: Sankt Michaelsbund, 2025.

Alles in allem setzt diese Graphic Novel die zeichnerischen Mittel zur Hervorhebung der Drastik der Handlung mit Blick auf das kurze heldenhafte Leben des Walter Klingenbeck ein. Die katholischen Aktivitäten und das religiöse Leben der Klingenbecks fließen am Rande des Aktivismus-Narrativs ein, ohne missionarisch zu wirken. Die Geschichte bildet durch eine wunderbare Ringkomposition ein vollendetes Ganzes: Sie beginnt mit der Verhaftung des Walter Klingenbeck und der Abführung des Protagonisten durch zwei Schergen des Nazi-Regimes; diese Szenerie greift – nach einem Rückblick auf Walters Leben und Wirken – der letzte Abschnitt wieder auf. Seine Wegführung aus dem Elternhaus wird dabei erst aus der Hintersicht (vgl. Abb. 4) und bei der Wiederaufnahme aus der Vordersicht gezeigt (vgl. Abb. 5). Diese Gestaltungsform führt das Unausweichliche der Verhaftung in Bezug auf Freidenker in einem totalitären System drastisch vor Augen. Der Bildrahmen ist dabei von großflächigem Nazibraun umgeben, sodass Walter scheinbar in diesem negativen Farbmeer verschwindet. Als mutiger Held lässt er sich ohne Gegenwehr abführen und nimmt sein Schicksal somit an.

geissler zeichensetzengegenhitler abb4Abb. 4 aus: Marie Geissler: Zeichen setzen gegen Hitler. München: Sankt Michaelsbund, 2025.

geissler zeichensetzengegenhitler abb5Abb. 5 aus: Marie Geissler: Zeichen setzen gegen Hitler. München: Sankt Michaelsbund, 2025.

Insgesamt unterstreicht der realistisch geprägte Comic-Stil der Autorin die vom Werk intendierte Hervorhebung des hohen Muts von Walter Klingenbeck; diese Gestaltung trägt dazu bei, das Thema einer möglichst breiten und historisch interessierten Leserschaft als eindrucksvollen Beitrag gegen das Vergessen zugänglich zu machen.

Fazit

Marie Geissler haucht ihrer Graphic Novel durch ihren individuellen Pinselstrich auf wunderbare Weise Leben ein. Sie zeigt so, wie persönlich nah sie Walter Klingenbeck kommt, und wie sie ihn durch Hervorhebung von dessen ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und dessen Gegenwehr gegen Gleichschaltung zu einem klugen Individuum stilisiert. So war Klingenbeck auch nie begeistert von der Hitlerjugend. Der entschlossen kluge Blick Walters und seiner Freunde wirkt sehr real und steckt ein heutiges Lesepublikum an, hinter seiner Meinung zu stehen. Die kurze Geschichte um das tragische Leben Walters visualisiert nicht nur die Träume Klingenbecks hoffnungsvoll, sondern verleiht auch der drastischen Hinrichtung Klingenbecks durch das Fallbeil und den Auswirkungen auf seine Familie authentisch Ausdruck. Diese Graphic Novel sollte (nicht nur) jedem Heranwachsenden ab 12 Jahren zugänglich gemacht werden, um auf die tödlichen Auswirkungen des Naziregimes auch auf deutsche Jugendliche aufmerksam zu machen. Dieser Aspekt gewinnt gerade in Zeiten des aufkeimenden Rechtspopulismus immer größere Bedeutung. Durch die Kürze des Büchleins, in der auch genügend Würze für spannenden Lesestoff liegt, und den moderaten Preis ist dieser Titel ideal als Schullektüre geeignet. Historisch schwierige Begriffe werden sogar in einem Glossar am Ende erläutert. Didaktisch gut aufbereitetes Material von Lehrkräften u.a. von der Walter-Klingenbeck-Realschule Taufkirchen (bei München), von der Pfarrei St. Ludwig (München) und von "Actionbound" findet man unter den unten angegebenen Links. Eine künstlerisch vollendete Graphic Novel, die lange nachwirkt, und gerade in Zeiten von Fake News über die Verbrechen der Nazis eine der wichtigsten Graphic Novel-Erscheinungen des letzten Jahres ist. Sie zeigt, wie gefährlich in Diktaturen selbst kleine Zeichen des Widerstands sind, und dass es dennoch wichtig ist, sich nicht einschüchtern zu lassen, um sich selbst treu zu bleiben.

Quellen

Unterrichtsmaterial: https://app.fobizz.com/pinboard/public_boards/c05324df-fb31-4219-87a1-9a09032b4dc8?token=380a4df9cbff495c0a7430578b82a2e8

Actionbound (digitale Schnitzeljagd zu Walter Klingenbeck mit Zeichnungen von Marie Geissler): https://de.actionbound.com/bound/das-raetsel-um-omega-wk

St. Ludwig: https://st-ludwig-muenchen.de/geschichte/walter-klingenbeck/

https://www.favoritenpresse.de/product-page/v-for-victory

Realschule in Taufkirchen bei München! https://www.wkrs.de/

 

Titel: Zeichen setzen gegen Hitler: Das kurze Leben des Walter Klingenbeck
Autor/-in:
  • Name: Geissler, Marie
Illustrator/-in:
  • Name: Geissler, Marie
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Verlag Sankt Michaelsbund
ISBN-13: 9783-964-110152
Seitenzahl: 48
Preis: 5,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 12 Jahre
Geissler, Marie: Zeichen setzen gegen Hitler