Inhalt

Larissa Carolin Jagdschian kartiert mit ihrer Dissertation ein bislang unterbelichtetes Feld der Kinder- und Jugendliteraturforschung, indem sie sich mit dem Motiv der Flucht in der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur (KJL) auseinandersetzt. Sie wählt einen gedächtnistheoretischen Zugriff und verknüpft diesen mit narratologischen Analysewerkzeugen. Die Vorzüge des gedächtnistheoretischen Zugangs, den auch der Titel der Arbeit, Travelling memories, spiegelt, sieht sie darin, „die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur als Medium des kollektiven Gedächtnisses vorzustellen“ (S. 10). Jagdschian konzentriert sich einerseits auf erzählte Fluchtbewegungen während des Nationalsozialismus und andererseits auf Flucht-Narrative, die von der ehemaligen DDR ausgehen, die sogenannte Republikflucht. Ausgeklammert bleiben somit die in der deutschsprachigen und übersetzten KJL vor allem seit 2015 sehr präsenten Migrations-Narrative, in denen Deutschland oder andere Staaten die Zielländer sind (z. B. Bestimmt wird alles gut von Kirsten Boie [2016], Train Kids [2015] oder Über die Berge und über das Meer [2019] von Dirk Reinhardt).

Den Analysen vorgeschaltet sind theoretische Kapitel zum Themenbereich „Transkulturalität – Gedächtnis – Literatur“ (Kap. 3) und gedächtnistheoretische Einordnungen, die mit „Grammatik des Gedächtnisses der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur“ (Kap. 4) übertitelt sind. Das Analysekapitel (Kap. 5), das sich mit den Topoi der Flucht während des Nationalsozialismus befasst, ist wiederum in drei Teile geteilt, die einer chronologischen Ordnung folgen: Flucht und antifaschistischer Widerstand, Flucht und Krieg sowie die Flucht jüdischer Kinder. Ebenso chronologisch sortiert sind die Abschnitte, die sich mit den Topoi der Flucht aus der DDR befassen (Kap. 6): Ausreisebewegungen in den 1950er Jahren, Flucht nach und während des Mauerbaus. Im Fazit (Kap. 7) hält Jagdschian fest, „dass unterschiedliche Topoi im Gedächtnis der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur zirkulieren, die aus den Räumen entstanden sind“ (S. 203). Zudem kann sie durch den Einbezug ost- und westdeutscher Primärtexte zeigen, dass die herausgearbeiteten Gedächtniskonstruktionen in verschiedenenen Genres sowohl in ost- als auch in westdeutschen Romanen vorhanden sind (vgl. ebd.)

Kritik

Jagdschians Analysen überzeugen durch ihre detaillierte Feinsinnigkeit, die Integration ost- und westdeutscher Romane sowie den gedächtnistheoretisch motivierten Zugang, mit dem sie ein Desiderat der Kinder- und Jugendliteraturforschung bearbeitet. So kann sie zeigen, dass „viele Romane mit ihren Gedächtniskonstruktionen im Speichergedächtnis nicht zur Gedächtnisbildung und -reflexion genutzt werden können, sodass der innerdiegetische Diskurs nicht erkannt wird“ (S. 140). Durch die diachron angelegten Analysen zum Komplex der NS-Zeit arbeitet sie heraus, dass der Holocaust hier im Zentrum steht (Beispiele sind die bekannten Romane Malka Mai [2001] von Mirjam Pressler und Als Hitler das rosa Kaninchen stahl [1973] von Judith Kerr, aber auch heute eher unbekannte Texte wie Das Schiff ohne Hafen [1944] von Lisa Tetzner). Das verwundere nicht, so Jagdschian folgerichtig, „da der Holocaust zum globalen Erinnern gehört und in der Politik anlässlich der Gedenktage immer wieder hervorgehoben wird“ (S. 140).

Interessant ist vor allem der Befund in Bezug auf die kinder- und jugendliterarischen Narrative, die die Flucht aus der DDR modellieren. Hier wird nicht nur das vom Historiker Martin Sabrow benannte „Diktaturgedächtnis“ bedient, „sondern auch Anteile des Arrangementgedächtnisses“ (S. 197). Gegenstand der Analyse sind hier unter anderem die recht populären westdeutschen Romane Seitenwechsel (2014) von Michael Römling und Krokodil im Nacken (2002) von Klaus Kordon, aber auch der vergessene ostdeutsche Text Reise in den August (1967) von Brigitte Birnbaum. So zeigt Jagdschian mit ihrer Arbeit, dass die Kinder- und Jugendliteratur „unterschiedliche Wirklichkeitsbilder von der DDR“ (S. 194) formt und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Gedächtniskonstruktionen von DDR- und Mauerfall-Narrativen der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Die große Leistung besteht in der Zusammenführung ost- und westdeutscher Perspektiven und den gedächtnistheoretisch verorteten Lesarten nahezu vergessener Texte, die in der medialen und öffentlichen Erinnerungskultur kaum eine Rolle spielen, z. B. Ute Erbs westdeutscher Roman Die Kette an deinem Hals. Aufzeichnungen eines zornigen Mädchens aus Mitteldeutschland (1960) oder Lilo Hardels ostdeutscher DDR-Jugendroman Karlas große Reise (1957).

Bei den neueren populären Texten habe ich Jenseits der blauen Grenze (2014) von Dorit Linke vermisst, das m.E. am eindringlichsten erzählte Flucht-Narrativ zur Republikflucht neueren Datums. Ebenso könnte man monieren, dass sich Jagdschians Arbeit ausschließlich auf diese beiden zeitgeschichtlichen Komplexe (NS-Zeit und DDR-Zeit) konzentriert, wobei sie diese Beschränkung selbst klar im Fazit benennt und im Ausblick den Vorschlag macht, das von ihr angewandte Modell auszubauen, „um im Vergleich zwischen historischen und gegenwärtigen Fluchtbewegungen Klassifikationsmuster des Fremden und des Eigenen zu überwinden und interkulturelle Ansätze historisch zu perspektivieren“ (S. 204). Dafür legt Jagdschians Theoriebildung entscheidende und wichtige Grundsteine.

Fazit

Jagdschians Arbeit überzeugt durch detaillierte Analysearbeit und theoretische Grundlagenforschung im Feld der gedächtnistheoretischen Kartierung der Kinder- und Jugendliteratur zum Thema Flucht. Ihre fachsprachlichen Annäherungen an das Thema sind eindrucksvoll (und für Laien sicher nicht immer leicht zu lesen). Im Kern legt sie eine Pionierarbeit vor, die bei weiteren Forschungen zu den Motivkomplexen Flucht, NS-Zeit, Mauerfall, Wende und DDR-Geschichte nicht übersehen werden darf.



Titel: Travelling memories. Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur über die Flucht während des Nationalsozialismus und aus der DDR
Autor/-in:
  • Name: Larissa Carolin Jagdschian
Erscheinungsort: Berlin; Heidelberg
Erscheinungsjahr: 2024
Verlag: J.B. Metzler
ISBN-13: 978-3-662-68812-0
Seitenzahl: 230
Preis: 74,99
Buchcover zu Larissa Carolin Jagdschians Monografie Travellin Memories. Travelling memories. Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur über die Flucht während des Nationalsozialismus und aus der DDR, veröffentlicht im J. B. Metzler Verlag. Ein rotes Cover mit einem schwarz-weißen Zeichnung, die zwei Kinder von hinten zeigt, die eine Straße entlanggehen, eines von ihnen trägt einen Koffer in der Hand.