Inhalt
Weil die Wunschmaschine kaputt ist, besuchen Herr Taschenbier und das Sams den Erfinder Professor Bruno Brausewein, der gerade ein Verjüngungselixier entwickelt und an einer Pflanze ausprobiert hat. Als das Sams mit einer Sprühflasche aus dem Labor des Professors spielt, besprengt es versehentlich seinen Papa Taschenbier mit dem Verjüngungsmittel – und der wird zum Baby. Nun kommen die Olchis ins Spiel, denn die kennen sich mit Babys aus, schließlich haben sie selbst eins. Außerdem hofft Professor Brausewein, auf dem Schmuddelfinger Müllberg ein Ersatzteil – den X-Qua-Draht – zu finden, mit dem sich die Wunschmaschine reparieren lässt, die dann auch Herrn Taschenbier zurückverwandeln soll.
Kritik
Die Idee ist ebenso einfach wie genial. Zwei bekannte und befreundete Kinderbuchautoren schreiben im Team und sorgen dafür, dass sich ihre Figuren kennenlernen. Für das Sams sind solche literarischen Begegnungen insofern nicht ungewöhnlich, als Paul Maar die medialen und textuellen Grenzen in seinen Sams-Romanen von Anfang an erweitert, verschoben und überschritten hat. Bereits in Eine Woche voller Samstage parodiert das Sams Texte aus Des Knaben Wunderhorn und erwähnt in Neue Punkte für das Sams Pippi Langstrumpf, in Das Sams und der blaue Drache spielen die Titelfiguren die Apfelschuss-Szene aus Schillers Wilhelm Tell nach und in Das Sams feiert Weihnachten wird auf Onkel Florian und Tante Marga verwiesen, zwei Figuren aus weiteren Texten Paul Maars.
Nun allerdings bekommt das intertextuelle Spiel eine neue Dimension, denn in Die Olchis und das Sams treffen sich Figuren aus unterschiedlichen Erzählwelten von verschiedenen Autoren in einem gemeinsamen Universum. Beide sind bei Kindern und Erwachsenen seit vielen Jahrzehnten beliebt: Eine Woche voller Samstage erscheint 1973, Die Olchis sind da ist aus dem Jahr 1990. Und die Begegnung der beiden Welten ist eine typisch literarische „Was wäre, wenn…?“-Idee, die gleichwohl nur höchst selten umgesetzt wird. Das Treffen von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, die beide im fiktiven Neustadt leben und von Elfie Donnelly stammen, ist dagegen viel weniger spektakulär. Bei Die Olchis und das Sams müssen zwei Autoren sich einigen und zwei sehr unterschiedliche Welten zusammenbringen – glücklicherweise publizieren beide im selben Verlag.
Von Anfang an bilden die Schmutzfinken aus Schmuddelfing und der Anarchist mit Wunschpunkten ein gutes Team, Erhard Dietl hat sie im Interview als „Seelenverwandte“ bezeichnet. Und auch Herr Taschenbier und Professor Brausewein verstehen sich prächtig, weil beide Bruno heißen. Unerwartet friedlich verläuft sogar die Konfrontation der Olchis mit der spießig-reinlichen Frau Rotkohl. Zwar schlägt sie den stinkenden Wesen ein Bad vor, das diese dankend ablehnen, und spätestens beim Angebot frischer Handtücher ergreifen die Olchis die Flucht, doch Frau Rotkohl bleibt ruhiger als erhofft. Schade! Außerdem ist sie die Einzige, die Professor Brausewein bereits zu kennen scheint: „Ich weiß wo er wohnt. Hab schon oft von ihm gehört. Er soll ja ein sehr netter Mensch sein“ (XIV/00:44). Das klingt nach ernsthafter Konkurrenz für Herrn Mohn, in den Frau Rotkohl sich in Neue Punkte für das Sams doch eigentlich verliebt. Die gemeinsame erste Radtour mit dem Professor sei „vielleicht sogar auch ein bisschen romantisch“ (XXI/01:54) gewesen, kommentiert der Erzähler süffisant.
In der Vereinigung der beiden Erzähluniversen spielt die Sprache eine zentrale Rolle. Während Stink- und Schmutz-Neologismen in der Olchi-Welt inflationär verwendet werden, ist das Sams für seine Reime und Wortspiele bekannt. Findet das Olchi-Kind etwas „krötig“, so führt das Sams nun weiter: „Krötig und auch nötig“ (IX/01:26). Vom Reimen lässt sich schließlich sogar Professor Brausewein anstecken, dabei geht es ums Essen:
Sams: Ich muss das fragen, / mir knurrt der Magen. […]
Brausewein: Das Olchi-Essen / kannst du vergessen. / Da ist überhaupt nichts frisch / und Kröten hüpfen auf dem Tisch. (VII/01:02)
Immer wieder gehen samsige und olchige Sprache ineinander über. „Beim muffeligen Kröterich, / dann schrubb ich mich mal ordentlich“, reimt das Sams und wird sogleich für die olchige Fluchformel gelobt: „Sams, du wirst schon ein richtiger Olchi!“ (XII/01:27).
Im Hörspiel funktioniert die Zusammenführung schon deswegen nahezu bruchlos, weil die Hörerinnen und Hörer die Stimme Monty Arnolds sowohl aus den Olchi-Hörspielen als auch aus den Sams-Hörbüchern kennen. In Die Olchis und das Sams hat er dementsprechend eine Doppelrolle und spricht das Sams und Professor Brausewein.
Für die Hörspielbearbeitung ist Uticha Marmon verantwortlich, die sich ganz eng – meist wörtlich – an die Vorlage hält und dabei auch die Erzählinstanz, hier gesprochen von Robin Brosch, beibehält. Nur für den Fall, dass jemand das Sams noch nicht kennen sollte, wird – anders als in der literarischen Vorlage – im Hörspiel ein Dialog zwischen dem Erzähler und dem Sams eingebaut, in dem es vorgestellt wird. Außerdem werden der Wochentagszauber und die Funktion der Wunschpunkte erklärt.
Die Produktion arbeitet mit allem, was ein Hörspiel braucht: Positiv hervorheben lässt sich vor allem das prominente Sprecherensemble, deutlich weniger Raffinement steckt hinter dem Sounddesign. Natürlich gibt es viel Musik – vom Titelsong bis zum Szenenübergang – und die unterschiedlichen Handlungsorte werden akustisch ausstaffiert. Im Labor von Professor Brausewein etwa blubbert und gluckert es, außerdem ist ein permanentes Fiepen und Flirren zu hören. Und dennoch klingt das Ergebnis eher solide als audioästhetisch reizvoll, die Musik plätschert dahin und das enervierend lang und laut weinende Taschenbier-Baby ist nur schwer genießbar.
Apropos: Um Genuss geht es auch am Schluss der Geschichte, wenn der X-Qua-Draht – ein Wortspiel, das im Hörspiel weniger wirkungsvoll ist als im literarischen Text – gefunden, die Wunschmaschine repariert und Herr Taschenbier in seine ursprüngliche Größe zurückverwandelt ist. Allerdings ist es ein Genuss nach Olchi-Art, denn auf dem Speiseplan stehen „scharfe Socken-Suppe, saure Schuhsohlen-Schnitzel, überbackene Ziegelsteine, Ofenrohr-Stückchen in Schlammsoße, verbrannte Schuhbänder, Fahrradöl-Gulasch mit Matschknödeln und Grätenstampf“ (XXII/01:56). Um das Festessen verdaulich zu machen, setzt Herr Taschenbier heimlich die Wunschmaschine ein, denn die funktioniert ja nun wieder.
Obwohl die Figuren bestens miteinander auskommen, gibt es doch einen merklichen Unterschied der beiden Erzähluniversen: Die Olchis kommen mit einer weitgehend eindimensionalen leiblichen Komik aus, es bleibt bei einer beharrlichen Apotheose des Ekels: „Schlapper Schlammlappen, rattige Rostbeule, grätige Sumpfwanze, lausiger Mistkübel“ (XII/00:00). Dagegen lässt Paul Maar das Sams eine ganze Komikklaviatur bespielen, die vor allem im Bereich der Situations- und Sprachkomik ihre Wirkung entfaltet. Aber auch in der Figurenzeichnung, der Handlungsentwicklung sowie dem Einfalls- und Anspielungsreichtum sind die Sams-Romane wesentlich komplexer als die Olchi-Texte. Insofern ist zu hoffen, dass das Sams bei den weiteren geplanten Erzählungen den literarästhetischen Ton angibt.
Fazit
„Sams und Olchis sind jetzt Freunde, ist das nicht schön?“ (II/00:10), lautet die Frage, die im Titelsong des Hörspiels gestellt wird, aber für ein vollmundiges „Ja“ ist es noch zu früh. Die Idee ist natürlich glänzend – und hätte die Literaturgeschichte schon viel früher beflügeln können: Iphigenie landet am Vierwaldstätter See und trifft Wilhelm Tell, Effi Briest zieht in eine WG mit Ibsens Nora, Emil und die Detektive ermitteln, wer Josef K. verleumdet hat, und Oskar Matzerath zieht in die Villa Kunterbunt ein. Vielleicht wäre dann vieles anders ausgegangen. Raffiniert ist aber auch, wie Dietl und Maar ihren Figuren und Erzähluniversen mit diesem Kniff einen Neubeginn verschaffen, das Verjüngungselixier, das Professor Brausewein erfunden hat, scheint dafür keine zufällige Metapher zu sein. Der Aufschlag ist jedenfalls gemacht, der erste Teil ist gelungen, aber die Ideen sind noch nicht ausgereizt, das Raffinement ist – auch hinsichtlich der Hörspieladaptionen – durchaus steigerbar.
- Name: Erhard Dietl
- Name: Paul Maar
- Name: Uticha Marmon