Inhalt

Die 17jährige Annabelle ist begeisterte Langstreckenläuferin. Auf der Ebene der Erzählgegenwart fasst sie einen abenteuerlichen Plan: Sie will 4.375 Kilometer von Seattle nach Washington D.C. laufen. Sie ist auf der Flucht vor ihrer Erinnerung, an einen, den sie den „Stehler“ nennt. Was genau er gestohlen hat, und inwiefern er die Protagonistin traumatisiert hat, lässt der Text über lange Strecken offen. In Analepsen entfaltet sich nur langsam das Geschehene der Vergangenheit. Die Rückblenden erzählen von Annabelle und ihrer Freundin, davon, wie ihr Freund Will sie verlassen hat, nur, weil seine Eltern ihm dazu rieten. Sie waren der Meinung, er müsse noch andere Erfahrungen machen, sei zu jung für eine feste Bindung. Blind vor Liebeskummer ließ sich Annabelle Avancen vom „Stehler“ machen, einem neuen Mitschüler, der umgezogen ist, weil er auf seiner alten Schule Probleme hatte. Obwohl Annabelle sich fortlaufend bedrängter von ihm fühlte, schaffte sie es nicht, ihn abzuweisen, verwickelte sich immer mehr in eine Beziehung, die ihr Angst machte, aber sie konnte sich nicht befreien, bis es schließlich zu einer schrecklichen Katastrophe kam. Vor dieser Erinnerung läuft Annabelle nun davon, schafft den extremen Lauf mit der Unterstützung ihrer Familie. Ihr Opa Ed begleitet sie mit dem Wohnwagen – und schließlich feuert beinahe die ganze Nation sie an. Annabelle wird zur einer Art Galionsfigur für emanzipatorische Bewegungen. So ist es nicht nur ein langer Lauf zu ihr selbst, mit dem sie ihr Trauma heilt, sondern ein Lauf für viele...

Kritik

...damit läuft sich Annabelle in die Herzen der Leser*innen. Sensibel und authentisch erzählt der Jugendroman von einer inneren Emanzipation, von einer Bewältigungsstrategie durch Extremsport. Caletti ist durch ihre Erzählweise sehr nah an der jungen Protagonistin und unterbreitet gleichsam anschaulich wie glaubwürdig, wie sehr man sich (nicht nur) als junges Mädchen verstricken kann in toxische Beziehungen, weil man es nicht schafft, Nein zu sagen. Das dürfte in den Erfahrungshorizont sehr vieler Leser*innen treffen:

Das Problem ist, dass sie schon zu oft Dinge getan hat, weil sie andere nicht enttäuschen wollte. Wenn sie vielleicht Nein gesagt und dazu gestanden hätte, würde sie sich jetzt auf den Abschluss in ihrer Klasse vorbereiten. (S. 254)

Ebenso authentisch und anrührend sind die in erlebter Rede formulierten und Unmittelbarkeit erzeugenden Passagen im Präsens, in denen es um die verletzten Gefühle der Protagonistin geht:

In dieser Nacht ignoriert sie Wills Anrufe. Sie ignoriert seine Nachrichten, auch wenn er in einer von ihnen weint.

Nimm das.

Als Machtspielchen ist das ziemlich lahm – seine Ablehnung abzulehnen. (S. 63)

Annabelles Befreiungslauf erlebt man bei der Lektüre nahezu schmerzhaft mit. Sie überlastet ihre Beine, ihre Knie, ihren Körper, um die Seele zu befreien. Jeder Kilometer wird anschaulich und fassbar, die Berge, die Straßen, die Dörfer, die Großstädte, die Einöden. Lauf, Annabelle, lauf – und was nur was hat der Stehler dir getan? Annabelle begreift, wie wichtig die Nahrungsaufnahme ist, lechzt nach der Energiezufuhr, wenn sie abends mit Opa Ed im Wohnwagen sitzt, den sie eigentlich erst jetzt wirklich kennenlernt. 

Ein packender, sensibel und einnehmend erzählter Text, den man nach dem Lesen so schnell nicht vergisst, der nachhallt und Fragen aufwirft, aber auch Mut macht.

Fazit

Eine rundum würdige Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis, die sich durch eine besondere Sensibilität in der Figurenkonzeption auszeichnet. Er sei allen Leser*innen ab 14 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes unbedingt ans Herz gelegt – ein Herzstück amerikanischer Jugendliteratur, frei von Kitsch, voll an Gefühl und auch kritischen Fragen in Bezug auf unseren Umgang mit Emotionen und den amerikanischen Waffengesetzen.

Titel: Wie ein Herzschlag auf Asphalt
Autor/-in:
  • Name: Caletti, Deb
Erscheinungsort: Zürich
Erscheinungsjahr: 2022
Verlag: Atrium
ISBN-13: 978-3-038880-055-2
Seitenzahl: 379
Preis: 20,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 14 Jahre
Caletti, Deb: Wie ein Herzschlag auf Asphalt