Inhalt

Als der Ich-Erzähler Kemi vor die Wahl zwischen der Ferienbetreuung in der Schule und einem Camp im Wald gestellt wird, entscheidet er sich für das vermeintlich kleinere Übel. Der Ich-Erzähler, ein Außenseiter, der sich gerne raushält, etwas altklug ist und sich pubertär-ablehnend verhält, indem er alles kritisiert, behauptet anfangs „[f]ast alle aus meiner Klasse sind mir komplett egal.“ Und die Mutter soll recht behalten, als sie antwortet: „So eine Woche kann das ja ändern.“ (S. 12).

Während Kemi sich anfangs aus dem Geschehen und der Grüppchenbildung heraushält, macht er den unfreiwilligen Außenseiter Jörg zum Gegenstand seiner Betrachtungen. Dieser wird von drei Mitschülern verspottet und gemobbt, während alle anderen schweigen oder wegschauen. Selbst die Erwachsenen können das Machtsystem im Klassengefüge nicht brechen. Im Feriencamp teilt sich der Ich-Erzähler mit Jörg das Zimmer und muss sich nach und nach eingestehen, dass er nicht nur Gemeinsamkeiten mit Jörg hat, sondern ihn auch sympathisch findet, vielleicht sogar bewundert. Immer größer wird sein Anspruch an sich selbst, sich aktiv gegen Marko zu stellen und Jörg zu helfen, statt weiterhin passiv dessen Ausgrenzung zu unterstützen. Jörgs kindliche Freude und Begeisterungsfähigkeiten, z. B. für das Wandern, die Natur und das Zeichnen, nimmt Marko, von dem das Mobbing ausgeht, zum Anlass seiner Attacken. Als Marko Jörg im Hochseilgarten beim Klettern sichert, zeigt der Ich-Erzähler Präsenz und schützt Jörg damit vor einem von Marko vermutlich geplanten Absturz Jörgs. Wenn die Ausgrenzung auch am Ende der Erzählung nicht völlig aufgelöst ist, hat sich der Ich-Erzähler doch verändert und gemeinsam mit Jörg seine Angst, die sich in Form eines Wolfes zeigt, gebändigt.

Kritik

Mit den Augen des Ich-Erzählers werfen die Leser*innen einen teils forschenden, teils liebevollen Blick auf die Außenseiterfigur Jörg. Der Erzähler ist fasziniert von Jörgs Andersartigkeit. In seinen Gedanken reflektiert er nicht nur die Rolle der aktiv mobbenden Mitschüler, sondern auch seine eigene Rolle des passiv Verharrenden innerhalb der Gruppe. Um die Andersartigkeit von Jörg zu beschreiben, werden Neologismen genutzt, andere Wörter als die gebräuchlichen: Die Individualität jedes Menschen bezeichnet Kemi als, „anders“, die Markierung der Andersartigkeit von Jörg durch seine Mitschüler benennt er mit der Steigerung des Adjektivs: „andersiger“. Seine Mitschüler „verandern“ (S. 34) Jörg vorsätzlich. Dabei gesteht sich die recht erwachsen wirkende Ich-Erzählerfigur ein, dass sie mit einer ganz ähnlichen Andersartigkeit wie Jörg zu kämpfen hat: „Wäre ich doch mehr wie die meisten!“ (S. 107), „[g]äbe es Jörg nicht, wäre wahrscheinlich ich das Opfer.“ (S. 111). Dieser so weise kindliche Erzähler kämpft mit den typisch pubertären Problemen, wie dem ersten Verliebtsein, dem Zwang genau das tun, was er nicht tun möchte, und der Diskrepanz zwischen seiner inneren Gefühlswelt und der äußeren Welt. In Gedanken zeigt er eine Reife, die auch ihn „andersiger“ als seine Mitschüler*innen macht. Er ist ein überaus guter Beobachter und erkennt sowohl die Motivationen der Erwachsenen als auch der Gleichaltrigen. 

Die Figurenzeichnungen gelingen: Nicht nur die des etwas eigenen, aber durchaus sympathischen Erzählers, der lange seinen Namen nicht verrät, sondern auch die der Nebenfiguren. Gerade die erwachsenen Figuren, die den kindlichen, individualisierten Figuren kontrastierend gegenübergestellt werden, sind herrliche Figurentypen, die sich an den Klischees der Betreuer*innen abarbeiten und dabei den Schein und Selbstbetrug der Erwachsenen entlarven. Komik entsteht so, wenn Bella, die dem Typ der weltoffenen Hippiefrau mit Dreadlocks entspricht, sich in ein gehöriges rassistisches Fettnäpfchen setzt, als sie die Heimat des Pinnebergers Sinans, dessen Eltern aus Albanien stammen, in die Türkei verlegt. Auch der männliche Betreuer macht sich lächerlich, indem er Pflanzen nur mit seiner App bestimmen kann und das nicht einmal korrekt. Die „unbrauchbaren“ Betreuer*innen dienen als Kontrastfolien für den skurrilen, aber herzlichen Koch, der als einziger Erwachsener Position bezieht und die Kinder ernst- und wahrnimmt.

Sprachlich überzeugt der Text durch metaphorische und vergleichende Ausdrücke, z. B. „[m]eine Feigheit sticht mich stechmückengleich von innen in die Brust“ (S. 146) oder „die Aktivitäten-Hölle brät uns gnadenlos weiter“ (S. 154), die den Lesefluss in angenehmem Tempo leicht und luftig dahintragen. Der Erzählfluss wird einerseits durch metafiktive Leser*innenanreden („[w]eil Jörg jetzt hier wieder vorkommt, ahnst du sicher schon, dass es hier auch um ihn geht“, S. 33), anderseits durch autopoetische Reflexionen über das Erzählen unterbrochen. Der Roman wird durch seinen Erzählstil anspruchsvoll, auch in seinen Verweisen zum Beispiel auf das romantische Buch-im-Buch-Motiv. Beinah unzuverlässig wird erzählt, wenn der Bericht in eine phantastische Erweiterung übergeht.

Der titelgebende Wolf, der vor allem nachts auftaucht und sich in der Nähe der beiden Jungen aufhält, wird zum Symbol bzw. zur visuellen Manifestation der Angst beider Außenseiter. Sein Blick steht aber auch für die Aufforderung sich zu wehren. Erst als die Wut groß genug ist, sich der abstrakten Angst und konkret Marko zu stellen, ist der Wolf nicht länger eine Bedrohung, sondern ein Gefährte. Die gelungenen dreifarbigen Illustrationen zeichnen sich durch teils weiche, teils skizzenhafte Striche aus, die die Atmosphäre der Erzählung einfangen. Der Wolf dagegen wird silhouettenhaft und überlebensgroß ins Bild gesetzt, sodass die Bedrohung, die von ihm ausgeht, eindrücklich wird. 

Fazit

Absolut lesenswert, unterhaltsam und luftig geschrieben mit sentenzenhaften Lebensweisheiten und einem liebevollen Blick auf die Welt von einem sympathischen, eckig-pubertierenden Erzähler. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene eine Leseempfehlung, denn nicht zuletzt müssen sich die Erwachsenen fragen, welchen Anteil sie beim Ausgrenzen im System Schule haben. Trotzdem wirkt der Text keineswegs moralisch oder pathetisch, sondern sachlich reflektierend, und ist versehen mit reduzierten und pointierten Illustrationen, die die Feriencampstimmung einfangen.

Titel: Der Wolf
Autor/-in:
  • Name: Saša Stanišić
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2023
Verlag: Carlsen
ISBN-13: 978-3-551-65204-1
Seitenzahl: 192
Preis: 14,00 €
Altersempfehlung Redaktion: 11 Jahre
Saša Stanišić: Wolf