Inhalt
Aller meistens ist uns unser Leben selbstverständlich – doch manchmal gibt es diese demütigen Momente, in denen wir aus dieser Selbstverständlichkeit heraustreten angesichts der Schönheiten unseres Lebens und des Planeten, auf dem wir leben. Ab und zu ist es gut, Dankbarkeit zu spüren, um zu merken, dass viele Probleme, über die wir uns oft ärgern, es vielleicht gar nicht wert sind. Dita Zipfel und Rán Flyggenring verschaffen Lesenden eine Gelegenheit, das Leben (mal wieder) als Wunder zu begreifen.
Das erzählende Ich spricht ein Du an, das auf der Bildebene als kleiner Junge, etwa fünfjährig, gezeigt wird, begleitet von dem Kaninchen Miss Marple. Gemeinsam frühstücken sie, schauen in den Sternenhimmel, machen Sport, malen, entdecken die Welt. Dabei versucht die Erzähler:innenstimme einer Kinderfigur und gleichzeitig der primären Adressatin den Reichtum des eigenen Lebens vor Augen zu führen:
„Dein Leben ist wie eine Skulptur, von der niemand weiß, wie sie am Ende aussehen wird. Und jeder Moment ist ein Teil dieser Skulptur. Es gibt bröckelige Teile, glatte, glitzernde und matte. Es gibt schöne und stachelige, riesengroße und bedrohliche, klitzekleine, die im Schatten bleiben.“ (Zipfel/Flyggenring: o. S.)
An kindgerechten Beispielen wird erklärt, dass jedes Individuum einzigartig ist, nicht nur, in diesem Moment, sondern auch mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft: Die eigene Nase hatte noch niemand so und wird sie auch niemals haben,
„diese Ellenbogen [...] die gibt es nur ein einziges Mal, nur an dir. Dabei gibt es so, so viele Ellenbogen auf der Welt. Alleine die Ellenbogen in deiner Straße, die kann man ja kaum zählen. Und dann die in deiner ganzen Stadt, in deinem Land, auf deinem Kontinent. Ellenbogen ohne Ende. Alle Ellenbogen, die in diesem Moment auf der Erde existieren, sind alle, alle anders als deine. [...]“ (ebd.)
Der eigene Körper ist ein Wunder und hin und wieder darf man sich bewusstmachen, wie toll es ist, was der eigene Körper jeden Tag leistet, was jeden Tag in unseren Adern, in unserem Gehirn geschieht, damit wir Kraft haben, gesund sind, tanzen und schwimmen und lachen können.
Im nächsten Schritt wird das Kinderleben eingeordnet in die Menschheitsgeschichte insofern, als andere Menschen schon sehr viel Wissen generiert haben, auf das ein Kinderleben aufbauen kann, dass aber gleichzeitig immer noch genug Raum da ist, um neues Wissen zu generieren, Dinge zu erfinden, Sachen zu tun, Gedanken zu denken, die neu sind.
Nach diesem Plädoyer für das Leben kommt der Moment, in dem das Kaninchen Miss Marple gestorben ist. Ab diesem Zeitpunkt wird vom Tod in unterschiedlichen Facetten erzählt, vom Trauern, von Vorstellungen darüber, ob und was nach dem Tod passiert. Davon, dass wir unser Leben nicht als solches Geschenk begreifen könnten, gäbe es den Tod nicht: „Wenn man Traurigkeit nicht kennt, kann man Glück nicht spüren.“ (ebd.)
Kritik
Es ist keine fiktionale Geschichte, die erzählt wird. Eher handelt es sich um ein Sachbuch über Tod und Sterben, gekleidet in eine sehr poetische und intime Ansprache einer erwachsenen Stimme an ein Kind, die zur Wertschätzung des eigenen Körpers, Selbstliebe, Achtsamkeit, Bewusstheit, Dankbarkeit aufruft. Die Bilder erhalten wie oft bei Flygenring ihre eigene, ganz besondere Bedeutung, indem sie den Text anreichern, zuweilen aber deutlich über ihn hinausgehen und mit originellen Details neue Perspektiven einbringen. Ganz besonders eindrucksvoll ist die Doppelseite zu den Wurzeln, die jedes Lebewesen durch seine Vorfahr:innen hat: Von einem Vogel, einer Blume, dem kleinen Jungen und dem Kaninchen führen ins Erdreich weit verzweigte Wurzeln, die quasi die jeweiligen Stammbäume nachzeichnen, die in ihren vielen witzigen, spielerischen Nuancen entdeckt werden dürfen. Oder es fallen Bilder auf, die ganz eigenständige Erzählfäden unabhängig vom Text entspinnen wie zum Ende des Buches, als der kleine Junge eine Skulptur seines Kaninchens baut.
Die Farbauswahl für die Bildgestaltung ist reduziert auf unterschiedliche Blau- und Gelbtöne – möglicherweise angelehnt an das Universum in Blau, Schwarz und unterschiedlichen Lichtkörpern in Weiß- und Gelbfacetten.
Fazit
Viele Bilder- und Kinderbücher über Tod und Sterben erzählen gleichzeitig vom Leben und davon, dass nur seine Begrenztheit ihm Sinn gibt. Leben, Sterben und Kaninchen überzeugt durch die enge Komposition von Bild und Text, sowie die Ansprache an die fiktive Kinderfigur, die gleichzeitig eine Unmittelbarkeit in der Adressierung des Lesenden evoziert und bietet unterschiedliche Zugänge für die private und schulische Lektüre ab Klasse 1 an. So kann es in den Fächern Ethik und Religion für philosophische bzw. nachdenkliche Gespräche genutzt werden, muss aber nicht zwingend chronologisch oder vollständig gelesen werden. Es können einzelne Doppelseiten herausgegriffen oder nur der erste Abschnitt gelesen/präsentiert werden, der den Tod noch ausspart. Dies wäre beispielsweise vorstellbar, wenn mit Kindern über Themen wie Dankbarkeit, Glück, Lebenssinn gesprochen wird – zum Beispiel auch im Kontext von Achtsamkeit, Yoga oder body positivity, um Heranwachsende zu empowern.
- Name: Zipfel, Dita
- Name: Flygenring, Rán