Inhalt

Der Untertitel des Stückes – "sehr frei nach Hans Christian Andersen" (S. 1) – verweist auf den Ursprung dieses Dramas. Der Autor hat sich von Andersens Kunstmärchen inspirieren lassen und daraus eine dramatische Erzählung entwickelt über junge Menschen, die um jeden Preis ihre Heimat verlassen wollen, sich der Flucht und der Gefahr der Selbstaufgabe hingeben. 

Ein Mädchen und zwei Jungen stehen am Strand und schauen auf das weite Meer. Sie haben Alltagskleidung an, auf der Bühne sind zahlreiche mit Wasser gefüllte Eimer zu sehen. In den Kindern wächst die Sehnsucht, ihren Heimatort, der ihnen nur Hitze, Wüste und ein karges, perspektivloses Leben bietet, zu verlassen. Ihr Traumspiel beginnt, ein Traum von sagenhaften schönen Unterwasserwelten, von Prinzen und Prinzessinnen, von einem besseren Leben. Ein Sturm spült eine Person – ein Meerjungen-Prinz, eine Prinzessin? – an den Strand und wird von dem Mädchen gerettet und dem Meer zurückgegeben. "Sie sehen sich in die Augen, und beide begreifen, dass da gerade was ganz Großes geschieht" (S. 27). Die Sehnsucht in den jungen Menschen wächst. Sie malen sich ein besseres Leben in der Unterwasserwelt des Meeres aus. Um Fischschwänze zu erhalten, gehen die drei eine verhängnisvolle Allianz mit einer Hexe ein. Anders als im Märchen von Andersen  verlieren sie nicht ihre Stimme sondern müssen ihre Namen in den Sand schreiben. Und die Wüste verwandelt sich in ein rauschendes Meer und die Namen, ihre Identitäten werden weggespült. Mit einem kleinen, seeuntauglichen Boot stoßen sie in ihre Phantasiewelt, dem "Reich unter dem Meer" (S. 48), vor.  

DAS MÄDCHEN Das ist das Reich unter dem Meer, und je tiefer wir sinken, desto klarer können wir alles sehen –
DER ZWEITE JUNGE Da sind strahlende Türme und prächtige Paläste –
DER ERSTE JUNGE Da sind Straßen, Alleen, Boulevards (S. 48)

Doch schnell offenbaren sich die bedrohliche Seiten dieser Unterwasserwelt: Terror und Willkür erfahren die drei, riesige Stahlkolosse durchpflügen und zerstören das Meer. Der Traum vom besseren Leben wird zum Alptraum.

DAS MÄDCHEN      Und es riecht plötzlich nach Chemie - Es riecht nach Benzin –
Kurze Pause. 
Und jetzt werden gewaltige Gestalten sichtbar, die langsam stampfend vorwärts schwanken
DER ERSTE JUNGE leise Das, das sind - 
DER ZWEITE JUNGE leise
Das sind riesige, schwere Seelöwen – 
DAS MÄDCHEN
Und die Seelöwen ziehen brüllend ein verrußtes und verkrustetes Gebilde mit vier turmhohen Betonbeinen, unzählige Muscheln haften an dem Ding, aber nein, das, was die Seelöwen da ziehen, ist gar kein Ding, das ist ein lebendiges Wesen, auch wenn da überall Schrauben und Nieten und Schläuche und Rohre und Leitungen sind, das Ungeheuer ist so groß wie eine Fabrik und so schwer wie ein Kraftwerk, und es hat einen langen, dünnen, dünnen Hals, der aussieht wie Schornstein und auf diesem Schornstein thront sein Kopf, das ist eine sich ständig verformende Wolke aus dichtem, grauem Rauch. (S. 62 f.)

Der König der Meere, das größte Containerschiff trägt auf seiner gezackten Krone aufgespießt das kleine Flüchtlingsboot. Sein Umhang ist ein riesiges Schleppnetz. Als sich der von den Schiffsschrauben aufgewirbelte Sand gelegt hat, sehen die drei einen Meerjungmann, der versucht, den Sand zusammenzukehren. "Ich habe da jemanden kennengelernt ( S. 75) ...." fragt ihn das Mädchen. Ob er jene Person sei, die sie gerettet hat. Er antwortet: "Ich kann dich nicht sehen, aber ich weiß, dass du da bist." (S. 77). Diese Begegnung mit dem märchenhaften Meerjungmann schließt zum einen den Kreis der Handlung und lässt das Ende zum einen offen, zum anderen bleibt ein Stück Hoffnung.

DER ZWEITE JUNGE    Am besten wäre einfach alles anders.
DAS MÄDCHEN           Hauptsache, wir lösen uns nicht auf.
DER ERSTE JUNGE      Ja, Hauptsache, wir sind noch da. (S. 79)

Kritik

Schimmelpfennigs Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau ist eine gelungene Überschreibung eines bekannten Stoffes. Der Autor stellt das zentrale Thema des Märchens, die Sehnsucht junger Menschen nach einem anderen, einem besseren Leben, auf den Kopf. Er dreht radikal die Perspektiven. Nicht das Leben an Land erscheint seiner "Meerjungfrau" und ihren Freunden das ersehnte Ziel, sondern eine phantastische, unbekannte Unterwasserwelt. Heißt es bei Andersen "Für die kleine Meerjungfrau gab es keine größere Freude, als von der Menschenwelt droben zu hören" (Andersen, S. 114), sagt das Mädchen in Schimmelpfennigs Stück unter Tränen "Wir können doch nicht jeden Tag so weitermachen. Was wird denn hier aus uns? Nichts! Wir verfallen hier noch zu Sand, und dann fegt uns irgendjemand hier zur Seite." (S. 35). Auch das Schlossmotiv wird umgekehrt betrachtet: "Prächtige vergoldete Kuppeln erhoben sich über dem Dach, und zwischen den Säulen, die das ganze Bauwerk umgaben, standen marmorne Figuren, die ganz lebend wirkten." (Andersen S. 125) Diese Darstellung kontrastiert Schimmelpfennig mit der heutigen Realität eines industriell genutzten und verschmutzten Meeres.

“Denn plötzlich ist das Meer nicht mehr eine faszinierend glitzernde Traumwelt, sondern wird zum Ort des Schreckens und des Unheils, an dem sie namenlos zu verenden drohen. Wirklichkeit oder Traum?“ (Mink 2023)

Neben seiner thematischen Vielfalt zeichnet sich das Stück durch große poetische Kraft aus. Schimmelpfennig gelingt es, die Geschichte in einem eindrucksvollem, knapp und präzise gehaltenen Ton zu erzählen. Seine Schreibweise ist geprägt von einer verständlichen Sprache, von klaren Worten, die die Handlung vorantreiben. Gleichzeitig lässt der Autor dem Publikum genügend Raum zum phantasievollen Mitspielen und -empfinden.

DAS MÄDCHEN zum Publikum           Stellt euch vor, ihr würdet euch einfach auflösen.
Schweigen.
Stellt euch vor, ihr würdet euch einfach auflösen – oder ihr hättet keine Namen mehr.
DER ERSTE JUNGE                              Oder beides.
Kurze Pause.
Stellt euch vor, eure Namen würden sich auflösen, und dann wärt ihr nicht mehr da.
DER ZWEITE JUNGE nach einer Weile des Nachdenkens
Furchtbar.
Kurze Pause.
Oder?
Kurze Pause. (S. 4)

Die Regieanweisung Kurze Pause zieht sich als dramaturgisches Prinzip durch den gesamten Stücktext. Schimmelpfennig erzählt mit Bedacht, schafft Denkräume fürs Publikum, will seinen Figuren immer wieder Gelegenheiten zum Reflektieren geben. 

DAS MÄDCHEN
[...] Und da, in dem Königreich tief unter dem Meer, da wäre einfach alles anders. Anders als hier. Besser.
Kurze Pause.
Vielleicht ist es wirklich ja so.
Kurze Pause.
DER ZWEITE JUNGE    Vielleicht ist es wirklich wie?
DAS MÄDCHEN           So.
Vielleicht gibt es die Stadt da draußen unter dem Meer ja wirklich. Vielleicht warten die da nur auf uns.
DER ZWEITE JUNGE    Vielleicht.
DER ERSTE JUNGE      Vielleicht aber auch nicht.
Kurze Pause.
DAS MÄDCHEN           Vielleicht aber auch doch. (S. 9)

Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau, Uraufführung Theater und Orchester Heidelberg, mit Leon Wieferich, Maren Kraus, Timo Jander. Foto: Susanne Reichardt.Abb. 2: Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau, Uraufführung Theater und Orchester Heidelberg, mit Leon Wieferich, Maren Kraus, Timo Jander. Foto: Susanne Reichardt.

Als weiteres Stilmittel setzt Schimmelpfennig das Wasser in sehr konkreter Weise auf der Bühne ein. "Die leere Bühne (...) Eine Vielzahl von mit Wassern gefüllten Eimern" (S. 3) heißt es in den Regieanweisungen. Dieser Einsatz des Wassers wird zum ständigen Mitspieler auf der Szene. An Wendepunkten der Handlung und zur Unterstützung des dramatischen Spannungsbogens begießen sich die Spielerin und Spieler ihre ganzen Körper mit Wasser aus den Eimern und Wannen. Sie „schwimmen“ auf der Szene im Wasser und versinnbildlichen ein "unter Wasser sein". Das ist mehr als nur ein effektvoller Moment, die Szenen strahlen Bedrohung und Ertrinken aus. Der offene Schluss des Stückes läßt aber auch eine andere Interpretation, ein Plädoyer für das Leben zu. In der letzten Regieanmerkung heißt es:

Langsam dunkel. Plötzlich Licht. Ein verrückter Tanz, wie man ihn nie zuvor gesehen hat. Ein Aufbäumen. Eine Verbeugung vor dem Leben. Black. (S. 80)

Fazit

Bereits in seinem Theaterstück Das große Feuer (2017) hatte Schimmelpfennig das Thema der unterschiedlichen Lebensbedingungen auf den Kontinenten dieser Erde und deren auseinanderdriften aufgegriffen. Begriffe wie "Festung Europa" und die Maßnahmen der europäischen Agentur für Grenz- und Küstenschutz Frontex weckten das Interesse, sich künstlerisch mit diesen Themen zu befassen. Hinzu kamen seine persönlichen Erlebnisse mit Menschen und ihren Sehnsüchten, über das Meer zu fliehen, die Schimmelpfennig insbesondere an seinem temporäre Zweitwohnsitz in Kuba machte. Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau ist die gelungene Symbiose einer fast zweihundert Jahre alten, immer wieder erzählten Geschichte mit den bedrängenden Themen unserer heutigen Gesellschaft. Es richtet sich an Heranwachsende ab 10 Jahren, spricht aber alle Generationen an.

Literatur

  • Schimmelpfennig, Roland: Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau. Frankfurt am Main: S. Fischer Theater & Medien, 2022.
  • Andersen, Hans Christian: Die kleine Meerjungfrau. Hamburg: Cecilie Dressler Verlag, 1989.
  • Mink, Werner: 48. Mülheimer Theatertage. Ausführlicher Text des Auswahlgremiums. In: www.kinderstuecke.de

Information zum Autor

Abbildungen

Abb. 1 Roland Schimmelpfennig. Foto: privat

Abb. 2 Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau, Uraufführung Theater und Orchester Heidelberg, mit Leon Wieferich, Maren Kraus, Timo Jander. Foto: Susanne Reichardt.

 

Titel: Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau
Autor/-in:
  • Name: Schimmelpfennig, Roland
Uraufführung: Zwinger 3, Junges Theater Heidelberg, 7. 10. 2022
Erscheinungsort: Frankfurt am Main
Erscheinungsjahr: 2022
Verlag: S. Fischer Theater&Medien
Altersempfehlung Redaktion: 10 Jahre
Schimmelpfennig, Roland: Das Märchen von der kleinen Meerjungfrau