Inhalt

Noe und Kim, beide 9 Jahre alt, treffen sich regelmäßig am Flaschencontainer. Sie entsorgen die von ihren Eltern geleerten Flaschen. Kims Mutter ist alkoholabhängig und trinkt zuhause täglich. Dabei wird sie auch gewalttätig gegen ihren Sohn. Noe lebt mit ihrem Vater, der arbeitslos und ebenfalls Alkoholiker ist, zusammen. Ihre Mutter ist bereits gestorben und ihr Bruder wurde nach dem Tod der Mutter vom Jugendamt aus der Familie genommen. Aber daran kann Noe sich nicht mehr erinnern. 

Die beiden Kinder entwickeln Interesse und Zutrauen aneinander, erzählen sich kleine Einzelheiten aus ihrem Alltag, der durch die Alkoholsucht der Eltern dominiert wird und als prekär zu bezeichnen ist. Kim ist zurückhaltend, Noes forsches und forderndes Verhalten festigen die neue Freundschaft. Spielerisch kommen sich die beiden näher, entwickeln in ihrer Phantasie Wünsche nach einem besseren Leben. So z.B. träumen sie sich nach Australien oder sie kämpfen im Spiel gegen Drachen und Dämonen, die für sie das Böse darstellen. 

NOE Also ich wäre gerne ein Hick. Direkt am Meer wohnen, mein Vater hätte ein eigenes Schiff, mit dem wir rausfahren, auch dann, wenn es hohe Wellen hat. Mein Schwert wäre ein Blutstecher wie das von Hick. Und ich könnte Drachen zähmen. Und Dämonen.

(Kim schweigt noch immer, aber schaut Noe interessiert an)

NOE Du weißt schon, Dämonen sind wie Drachen (Pause, dann leise) Manchmal glaube ich, mein Papa hat einen.

KIM Einen Drachen?

NOE Einen Dämonen. (Schnyder 2026, S. 9)

Immer wieder kommt es zu Missverständnissen und Misstrauen zwischen den beiden, die viel zu früh Verantwortung für ein nur scheinbar funktionierendes Familienleben übernehmen müssen. 

In einer ersten stummen Zwischenszene, die mit "Übergang" überschrieben ist, wechseln die beiden in neue Rollen. Sie sind nun 12 Jahre alt.

Szene 2 beginnt damit, dass Noe beim nächsten Treffen am Container Kim nicht mehr beachtet, stumm bleibt. Sie hat oftmals vergeblich auf ihn am Flaschencontainer gewartet. Kim lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Seiner Lehrerin und der Sozialarbeiterin der Schule sind seine häuslich gefährdete Situation nicht entgangen. In der Pflegefamilie geht es Kim gut, er hat die Schule gewechselt, neue Freunde gefunden und wird vom Sozialdienst betreut. Einzig macht er sich Vorwürfe, dass er seine Mutter verlassen hat, nimmt die Schuld auf sich. Für Noe wird die häusliche Situation durch den zunehmende Alkoholkonsum des Vaters immer schlimmer. Kims Angebot, den für ihn zuständigen Sozialarbeiter über Noes Situation zu informieren, lehnt sie ab. 

KIM Ich hab’s mir überlegt. Ob ich etwas sagen soll. Wegen dir, wegen deinem Vater. Den Leuten vom Amt, mein ich.

NOE Was würde das schon bringen.

KIM Sie können dir helfen.

(Noe lacht auf)

KIM Wirklich.

NOE Und dann?

KIM Dein Vater ist für sich selber verantwortlich.

NOE Hat dir das auch deine Therapeutin gesagt?

(Kim schweigt)

NOE Ich lass ihn nicht zurück. Ich werde ihn nicht verraten. (Schnyder 2026, S. 25)

In den nun wieder regelmäßigeren Treffen am Container unterhalten sich die beiden über ihre Schuldgefühle, Todeswünsche oder den Wunsch, jemand ganz anderes zu sein. Für Noe steht eines fest: "Mit 16 geh' ich weg." (Schnyder 2026, S. 33). Kims Angebote der Hilfe erreicht Noe nicht mehr. Im letzten Bild der zweiten Szene steht er mit einem Weihnachtsgeschenk für Noe allein am Container.

In der nächsten stummen Übergangsszene wechseln beide die Kleidung, sie sind nun 16 Jahre alt. Während Kim sich auf dem Weg zu einer Elektrikerlehre befindet, eskaliert bei Noe die häusliche Situation. Sie muss inzwischen den Alltag ihres Vaters organisieren. "Alles, was ich Zuhause machen muss. Aufräumen, putzen, kochen." (Schnyder 2026, S. 42). Zur Schule geht sie inzwischen auch nicht mehr. Kims Versuche, sie z.B. mit auf das Stadtfest zu nehmen, scheitern ebenso wie sein erneutes Angebot, "Ich könnte meinem Beistand von dir erzählen. Er ist gut. Er kümmert sich." (Schnyder 2026, S. 45). Mit Entsetzen nimmt Kim bei einem der nächsten Treffen zur Kenntnis, dass Noe eine Flasche Bier trinkt, und dann eine zweite.

KIM Warum trinkst du?
NOE Ich trinke nicht.
KIM Sagen alle, die mal angefangen haben.
NOE Es ist nur ein Bier, Kim. Ich bin 16. (Schnyder 2026, S. 54)

Die beiden träumen einen letzten Traum. Eine gemeinsame Reise nach Paris. Doch auch diese Hoffnung zerplatzt. Kims Mutter hat es nicht geschafft trocken zu werden, im Gegenteil, sie ist gestorben. Auf Kim lastet dadurch eine neue, schwere Hypothek. Sein Satz "dass sie trinkt, bis sie tot ist. Warum habe ich das gesagt." (Schnyder 2026, S. 54), halb im Wunsch und halb aus Erkenntnis, lastet nun auf ihm. Mit großem Mitgefühl nimmt Noe Kim in den Arm, die beiden nehmen sich bei der Hand, und Noe entwickelt mit der geplanten Frankreichreise eine Perspektive für die beiden: "Besser wir fahren im Sommer hin." (Schnyder 2026, S. 56). 

Kritik

Ein Spielort, zwei Personen – mehr braucht es nicht in diesem Theaterstück. Der Spielort, ein Flaschencontainer, ist mit Symbolik aufgeladen, die beiden kindlichen Figuren bringen ein reiches Konfliktpotential mit auf die Szene. Sie müssen in jungen Jahren Verantwortung für ihre Eltern, die unfähig sind, ein Familienleben zu führen, übernehmen. Dieser Topos der überforderten, sich aber verantwortlich fühlenden Kinder, ist nicht neu im Repertoire der Kinder- und Jugendtheaterstücke (1). 

NOE Wie das wohl ist. So mit normalen Eltern

KIM Meine Pflegeltern kochen und machen die Wäsche. Manchmal am Wochenende machen wir Ausflüge. Und sie trinken nicht.

NOE Das klingt nach einer guten Familie.

KIM Aber es ist nicht meine.

NOE Wir haben doch gar keine Familie, meine ich. Das ist nicht Familie. Das sind nicht mal richtige Eltern. (Schnyder 2026, S. 27 f.)

"Flaschenkinder" kann interpretiert werden als ein sogenanntes Problemstück für junges Publikum. Die Geschichte wird aus der Perspektive der Kinder geschrieben, deren Aufwachsen in dieser Gesellschaft mit zahlreichen Hürden verbunden ist. Armut und Einsamkeit sind Schlüsselerfahrungen, die Noe und Kim machen müssen. Ihre sich langsam entwickelnde Freundschaft gibt ihnen eine (Lebens)Perspektive, ihr solidarisches Handeln lässt sie nicht allein bleiben. Der Spielort, ein am Rande abgestellter Flaschencontainer, dominiert nicht nur die Szene, sondern manifestiert das soziale Setting des Stückes.

Der dramaturgische Aufbau des Stückes ist bemerkenswert und für die beiden Darsteller eine Herausforderung. Innerhalb der ca. 60 Spielminuten müssen sie ihre Figuren in den drei Altersstufen der 9-, 12- und 16-Jährigen glaubwürdig darstellen. Die Verwandlung geschieht auf offener Bühne durch Kostüm- aber vor allem durch Haltungswechsel. Es ist der Autorin gut gelungen, für jede Altersstufe den richtigen Ton, die altersentsprechende Sprache und Ausdrucksweise zu finden. 

Nur vordergründig steht das Thema der alkoholabhängigen Eltern im Zentrum des Stückes. Rebecca Schnyder entwickelt ihre Figuren nicht allein aus der Perspektive der Opfer, sondern spricht ihnen Eigenständigkeit und Lebensmut zu. Kims Vorstellung, dass sein unbekannt verschwundener Vater in Australien lebt, ermuntert die beiden 9-jährigen Kinder, sich auf die Suche nach ihm zu begeben. Einmal wollen sie rund um die Welt reisen, um den Vater zu finden, und wenn es nur in der Phantasie ist.

NOE Wir können deinen Vater ja gemeinsam suchen. Ich würde gerne nach Australien.

KIM Hm.

NOE Willst du nicht, dass ich mitkomme?

KIM Doch, schon.

NOE Wir steigen in ein Flugzeug und fahren dann mit dem Auto durch ganz Australien und suchen deinen Vater. Wir machen immer Pausen an allen schönen Orten und was man so sehen muss in Australien.

KIM Zum Beispiel?

NOE Die Hauptstadt, das Meer, den Ayers Rock. (Schnyder 2026, S. 13)

Nicht nur in dieser Szene ist das Mädchen Noe die stärker agierende Figur. Kim, der Junge, reagiert in der ersten Szene auf die Impulse von Noe zurückhaltender. Aber die Autorin dreht im Laufe des Stückes diese Hierarchie um. Kim, der in seiner Pflegefamilie ein Stück normales Leben erfährt, versucht diesen neuen Lebensmut auch an Noe weiterzugeben. Die dramatischen Spannungen vertauschen sich, finden zu neuen Wendungen. Aber Noes Unfähigkeit, ihr Unglück des alltäglichen Daseins, macht es ihr unmöglich, Hilfe anzunehmen. Aus der Perspektive der Zuschauer kann das mit großer Empathie und Mitleid wahrgenommen werden.  Ebenso die soziale Aussage des Stückes. Kinder, die nur mit einem Elternteil aufwachsen, Kinder aus Trennungsfamilien sind statistisch häufiger von Einsamkeitsgefühlen betroffen als andere.

Bereits mehrfach angesprochen ist die Symbolik des Flaschencontainers als konstanter Spielort. Er steht nicht nur für Müll und dem Wegwerfen nutzloser Gegenstände, in ihm zerbricht ständig etwas. Und dabei entsteht Lärm, der auch als Hilferuf gewertet werden kann. Dass diese Container stets abseits guter Wohngebiete platziert sind und der Einwurf zur Ruhezeit nicht erlaubt ist, symbolisiert diesen Spielort als einen Platz außerhalb der Gesellschaft. Noe und Kim, die dort ein zweites Zuhause gefunden haben, kennen sich mit der Funktion des Containers bestens aus.

(Noe schaut zu, wie Kim seine Flaschen einwirft)

NOE Du sollst die Flaschen umdrehen.

KIM Was?

NOE Die Flaschen. Umdrehen beim Einwerfen. Mit der Öffnung reinwerfen. Also die Öffnung zuerst. So.

KIM Ich weiß wie man Flaschen einwirft.

NOE Dann läuft dir nichts über die Hand. (Schnyder 2026, S. 3)

Fazit

Rebecca Schnyders Stück gehört zu den wenigen Stücken, das an ein junges Publikum in dem Alter zwischen Kindsein und Jugend adressiert ist. Es stellt konsequent die beiden Kinderfiguren ins Zentrum und weicht nicht auf kommentierende Ebenen aus der Eltern-oder Pädagogenwelt aus. In der Begründung der Jury zur Verleihung des Kathrin-Türks-Preis 2026 heißt es:

"Die Autorin erschafft (...) ein bewegendes Theaterstück über Kinder, die zu früh erwachsen werden müssen – und über die Kraft der Verbindung zwischen zwei Menschen, die einander verstehen, ohne viele Worte zu brauchen." (2) 

Literatur

Schnyder, Rebecca C.: Flaschenkinder. Hartmann & Stauffacher, Köln 2026

Abbildungen

Abb.1 Rebecca C. Schnyder. Foto: Tine Edel

Anmerkungen

(1) Siehe David Craig „Agent im Spiel“, München, 2001, Lutz Hübner, Nemitz, Sarah: Held Baltus, Köln, 2011
(2) Jurybegründung Kathrin-Türks-Preis 2026, Burghofbühne Dinslaken, Dinslaken 2026.

Titel: Flaschenkinder
Autor/-in:
  • Name: Schnyder, Rebecca C.
Uraufführung: Burghofbühne Dinslaken, 22.01.2027
Erscheinungsort: Köln
Erscheinungsjahr: 2026
Altersempfehlung Redaktion: 12 Jahre
Schnyder, Rebecca C.: Flaschenkinder