1. Entstehung und Rezeption
  2. Zur Deutung der Hauptfiguren
  3. Fantastiktheoretische Dimensionen
  4. Sozialgeschichtlicher und politischer Hintergrund
  5. Illustrationen
  6. Intertextuelles Spiel
  7. Das Sams auf der Bühne
  8. Das Sams in Hörspiel, Hörbuch und Film
  9. Sprache, Komik und Lyrik
  10. Übersetzungen
  11. Das Sams in der Schule
  12. Literatur und Wirklichkeit

„Ich bin keiner von den Großen

Auf die Frage, wie es zur Erfindung von Herrn Taschenbier und dem Sams kam, musste Paul Maar in zahllosen Interviews Auskunft geben. In seiner Autobiographie hat er 2020 noch einmal das Vorbild für Herrn Taschenbier benannt: Es ist Herr Wenner, ein Mitarbeiter im Betrieb seines Vaters.

Herr Wenner war ein liebenswürdiger kleiner Mann mit schütterem Haar. Mein Vater behandelte ihn oft schroff, und ich hatte manchmal den Eindruck, dass er ihn nur deshalb angestellt hatte, weil er jemanden brauchte, an dem er seine schlechte Laune auslassen konnte. Herr Wenner war schüchtern, still, fast kontaktgestört, er sprach von sich aus nie einen Erwachsenen an, und wartete, bis man das Wort an ihn richtete. (Maar 2020, 286)

So wird der „echte“ Herr Taschenbier beschrieben, und die Parallelen zwischen literarischer Figur und realem Vorbild werden noch auffälliger, wenn Paul Maar Herrn Wenners kleinen Schreibtisch schildert sowie die Aufgabe, all das nachzurechnen, was der Vorgesetzte bereits kalkuliert hat. Herr Wenner scheint ebenso unter seinem Chef zu leiden wie Herr Taschenbier unter Herrn Oberstein. „Ich hätte Herrn Wenner gerne zu mehr Lebensfreude und Selbstsicherheit verholfen“, resümiert Maar in Wie alles kam, „doch das schafft man nicht als Jugendlicher. Aber als erwachsener Autor konnte ich ihm eine Figur zur Seite stellen, die all das verkörpert und im Übermaß besitzt, was ihm abgeht: Lebensfreude, Witz, Mut, Selbstsicherheit und eine große Portion Frechheit“ (Maar 2020, 287).

Außerdem nennt Paul Maar noch ein weiteres Vorbild für Herrn Taschenbier: sich selbst. „Ich komme aus einem sehr autoritären Elternhaus. Ich musste mich erst von dem Ganzen befreien. Ich musste gegen den Zwang zur Anpassung kämpfen […] So langsam habe ich mich freigekämpft. In der Figur des Herrn Taschenbier habe ich mir eine Art Zerrspiegel vorgehalten, einen Vergröberungsspiegel, wo ich mich selbst ein bisschen über mich lustig gemacht habe. Guck mal, manchmal bist du wirklich so wie der“ (Maar 2007, 187).

In Maars Romanen sind die beiden zentralen Figuren ganz offensichtlich komplementär angelegt, die eine schüchtern, unsicher und angepasst, die andere selbstbewusst, vorwitzig und durchaus bisweilen egoistisch (vgl. Maar 2007, 187; Maar 2017, 28). Folgt man dem Aktantenmodell von Algirdas Julien Greimas, so wird man das Sams wohl als Adjuvantenfigur einstufen, es dient – etwa durch seine Wunschpunkte – als Helfer für Bruno Taschenbier. Die beiden bilden den Kern aller Abenteuer und sind doch mehr als ungewöhnlich für ein Kinderbuch. Das Schicksal eines ledigen, aus der unteren Mittelschicht stammenden Arbeitnehmers unbestimmten Alters scheint zunächst kein Thema zu sein, das für Kinder interessant ist. Auch die Tatsache, dass in einem Kinderbuch kein Kind vorkommt – zumindest nicht als zentrale Figur in den ersten Bänden –, ist sicher eine Ausnahme.

Seitens der Literaturwissenschaft haben die Hauptfiguren der Sams-Romane ganz unterschiedliche Deutungen erfahren, die sich als psychoanalytisch, gendertheoretisch und soziologisch kategorisieren lassen. Ein weiterer Vergleich mag vermessen klingen, soll aber zumindest augenzwinkernd angedeutet werden, denn in einigen Punkten erinnert das Verhältnis zwischen Herrn Taschenbier und dem Sams an jenes zwischen Faust und Mephisto. Zwar wird in den Sams-Romanen kein Pakt geschlossen, doch auch das Sams kann mit den Worten Goethes behaupten: „Ich bin keiner von den Großen; / Doch willst du, mit mir vereint, / Deine Schritte durchs Leben nehmen, / So will ich mich gern bequemen, / Dein zu sein, auf der Stelle. / Ich bin dein Geselle / Und mach ich dir’s recht, / Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!“ (Goethe 1971, 48) In der Forschung ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass Goethe den Teufel psychologisiert habe, Mephisto hat in seiner Tragödie also nicht mehr die primär religiöse Funktion der frühen Faust-Adaptionen, sondern wird zum alter ego Fausts (vgl. Schmidt 2001, 42). Diese Formulierung wählt auch Paul Maar, wenn er die psychologische Disposition seiner Figuren erläutert:

Am Samstag begegnet [Herrn Taschenbier] dann bei einem Spaziergang durch die Stadt das Fantasiewesen Sams, sein Alter Ego, das – wie sich bald herausstellt – frech, laut, gut gelaunt und mutig ist, nach dem Lustprinzip handelt, sich und anderen Wünsche erfüllt, das kurz gesagt all die Eigenschaften besitzt, die auch in Taschenbier angelegt sind, die er aber aus Schüchternheit, Melancholie und Angst nicht auszuleben wagt. Unter dem Einfluss des Sams wird sich Taschenbier nun verändern, er emanzipiert sich. (Maar 2007, 90)

Sams Taschenbier

aus: Eine Woche voller Samstage (1973)
© Oetinger, Paul Maar

Darf man Maar mit Freud interpretieren?“

Im Unterschied zu Mephisto fordert das Sams für sein Tun jedoch keine Gegenleistung, sodass eine psychoanalytische Lesart, wie Maar sie hier andeutet, das Verhältnis in der Tat treffender abbildet. Günter Lange orientiert sich an Sigmund Freuds Instanzen-Modell, um das Beziehungsgefüge in Eine Woche voller Samstage zu konkretisieren: „Auf Herrn Taschenbier angewendet, heißt das, dass das ‚Über-Ich‘ die absolut dominierende Instanz seines psychischen Apparats ist“. Das Sams ist dementsprechend der hedonistische Gegenentwurf zu Herrn Taschenbier und kann als „Personifikation seines ‚Es‘ bezeichnet“ werden (Lange 2007, 66). „Darf man Maar mit Freud interpretieren?“, fragt Stefan Neuhaus zunächst vorsichtig, gibt sich aber entschlossen in seiner Antwort und führt – analog zu Lange – „die Konstellation der ersten Sams-Bände ins Feld […], die auf verblüffend eindeutige Weise den von Freud festgestellten Aufbau der menschlichen Psyche spiegelt“ (Neuhaus 2007, 119). Ähnlich geht bereits Manfred Jahnke (1996, 37) vor, wenn er davon spricht, dass Herr Taschenbier „im Status des Erwachsenenseins die Verpfuschtheit eines ungelebten Lebens vorexerzierte“ und das Sams benötigt, um „die eigene Kindheit nicht nur zuzulassen, sondern auch aktiv zur Bewältigung des empfundenen Mangels wirken zu lassen“.

Gleichwohl weist Jahnke darauf hin, dass Herr Taschenbier in den Folgebänden nach wie vor egoistisch und unreif agiere. Als er sich in Neue Punkte für das Sams verliebt, will er die Gunst der Angebeteten zunächst durch einen Wunsch(punkt) forcieren. Dabei würde ein Blick in die Literatur- und Musikgeschichte schnell zeigen, dass durch Liebeszauber erzwungene Beziehungen selten zu einem guten Ende führen. In Wagners Tristan und Isolde beispielsweise liegt zwischen Liebestrank und Liebestod gerade einmal der zweite Akt. In seiner Erziehungsfunktion greift das Sams hier moralisierend ein und mahnt Herrn Taschenbier, eine Liebesbeziehung nicht über den Mechanismus des Wünschens zu erreichen: „Wäre es nicht viel besser, dass sie dich auch dann mag, wenn sie es nicht muss? Das kannst du allerdings nur ohne Wunschpunkte herausfinden“ (Maar 1992, 86). Herrn Taschenbiers Reaktion auf diese Mahnung belegt zwar seine Naivität – „So habe ich das noch nie betrachtet“ (Maar 1992, 87) –, setzt aber auch einen Prozess in Gang, in dem er sich Schritt für Schritt zum mündigen Erwachsenen entwickelt. Am Ende dieses dritten Bandes sei „eine Geschichte zu Ende erzählt, die die Befreiung des Herrn Taschenbier aus dem Narzißmus der Pubertät hin zum freien, selbstverantwortlich agierende[n] Individuum zum Gegenstand hat“, kommentiert Jahnke (1996, 42). „Wenn man will, wird er erst durch das Sams erwachsen“.

 

Herr Taschenbier als ‚neuer Mann‘

Um die Besonderheiten der Figurengestaltung in Eine Woche voller Samstage hervorzuheben, kann Herr Taschenbier allerdings auch im Kontext der Geschlechterdebatte um 1970 betrachtet werden. Während Studienrat Groll einen autoritären Lehr- und Erziehungsstil vertritt, sich nach jenem „Früher“ sehnt, als man in der Schule noch „den Rohrstock geholt“ (Maar 1973, 96) hätte, und dabei auf überkommene Geschlechterbilder setzt, sieht Kai Sina in Herrn Taschenbier von Anfang an Züge eines modernen Männer- und Vaterbildes. Er kontrastiert die beiden Männlichkeitstypen anhand von Helmut Lethens Verhaltenslehren der Kälte (1994) und bilanziert, Herr Taschenbier verkörpere

die „Wärme“ einer „symbiotische[n] Gemeinschaft“, die konventionell ‚weiblich‘ konnotiert ist, während Groll ein „Lob der Kälte“ personifiziert, das auf gefühlloser Distanz beruht und traditionell als ‚männlicher‘ Charakterzug bewertet wird (Lehten 1994, 69). Insofern vollzieht Paul Maar in seinem Buch nicht nur eine Ablösung von überkommenen Erziehungspraktiken, sondern, und damit verbunden, auch von überkommenen Männlichkeitsvorstellungen – weg vom überkommenen Typus des ‚autoritären Mannes‘ mit dem Anspruch grenzenloser Gestaltungskraft, der sich die gesamte Umwelt zu unterwerfen hat, hin zum ‚neuen Mann‘, der Gewalt als Erziehungsinstrument selbstverständlich ablehnt und sein Vatersein stattdessen mit Gefühl ausgestaltet. (Sina 2013, 196)

Sina liest Paul Maars Eine Woche voller Samstage „als ein mentalitätsgeschichtliches Zeugnis“ (Sina 2013, 196), das nicht nur das Genre des Kinderbuchs verändert hat, sondern in einer Zeit, in der häufig veränderte weibliche Rollenbilder diskutiert werden, auch den Blick auf die Männer respektive Väter thematisiert.

Herrn Taschenbiers Furcht vor der Freiheit

Schließlich lässt sich an Herrn Taschenbier das Konzept des autoritären Charakters exemplifizieren (der folgende Teil ist eine Überarbeitung von Wicke 2016, 162-167). Dabei handelt es sich um einen Sozialtypus, der sich durch das Festhalten an Konventionen, Autoritätshörigkeit, Unterwürfigkeit sowie die Identifikation mit Machthabern auszeichnet (vgl. Rippl u.a. 2000, 16). Überlegungen zum autoritären Charakter formuliert beispielsweise Erich Fromm 1941 unter dem Titel Die Furcht vor der Freiheit: Der autoritäre Charakter neige dazu, „die Unabhängigkeit des eigenen Selbst aufzugeben und es mit irgend jemand oder irgend etwas außerhalb seiner selbst zu verschmelzen, um sich auf diese Weise die Kraft zu erwerben, die dem eigenen Selbst fehlt“ (Fromm 2008, 107). Die „Flucht ins Autoritäre“ diene dazu, „dem Betreffenden zu helfen, seinem unerträglichen Gefühl von Einsamkeit und Ohnmacht zu entrinnen“ (Fromm 2008, 113). Diese Mechanismen sind wiederholt auf Figuren der Literaturgeschichte übertragen worden. Neben Diederich Heßling aus Heinrich Manns Der Untertan (vgl. Vogt 1986) lässt sich eine entsprechende Disposition auch bei Herrn Taschenbier nachweisen, den Thomas Scholz (Scholz 2017, 33) als „unzweifelhaft“ „liebenswerteste[n] Vertreter“ eines autoritären Charakters bezeichnet. Die Autoritäten, denen er sich unterwirft, sind vor allem seine Vermieterin und sein Chef.

Frau Rotkohl wird direkt zu Beginn mit unbezwingbaren Machtattributen ausgezeichnet. Obwohl Herr Taschenbier sie bittet, sein Zimmer später sauberzumachen, kann er sie nicht von ihrem Plan abbringen. „Gleich darauf kommandierte sie: ‚Füße hoch!‘, und fuhr mit dem Besen auf Herrn Taschenbiers Beine los. Gehorsam zog er die Füße an und stellte sie auf den Stuhl, auf dem er saß“ (Maar 1973, 12). Hier fällt einerseits der militärische Ton auf, in dem Frau Rotkohl ‚kommandiert‘, kurz darauf auch ‚schreit‘, während andererseits Herr Taschenbier ‚gehorsam‘, ‚erschrocken‘ oder ‚zaghaft‘ reagiert. Wenngleich die Zimmerwirtin die Privatsphäre ihres Mieters nicht wahrt, ist Rebellion für Herrn Taschenbier nur im Konjunktiv denkbar. Als Frau Rotkohl das Zimmer betritt, ohne seine Erlaubnis abzuwarten, und ihn sogar maßregelt, er könne „wohl nicht ‚Herein‘ sagen wie jeder normale Mensch“, heißt es im Roman:

Er hätte gern geantwortet: „Ein normaler Mensch kommt auch nicht ins Zimmer, wenn niemand ‚Herein‘ sagt!“ Aber Herr Taschenbier war ein netter und freundlicher Herr und hasste Streit. Außerdem hatte er ein bisschen Angst vor Frau Rotkohl, weil sie fast einen Kopf größer war als er. Und darüber hinaus war sie die Zimmerwirtin und konnte ihm jederzeit kündigen. Deswegen sagte Herr Taschenbier gar nichts. (Maar 1973, 11f.)

Ähnlich wie das Mietverhältnis ist Herrn Taschenbiers Berufsleben von steilen Hierarchien geprägt, das zeigt sich bereits im Namen seines Chefs: Herr Oberstein wird als hart und überlegen charakterisiert, seine Vormachtstellung drückt sich aber auch im Mobiliar aus: „Im Büro standen ein großer Eichenholzschreibtisch mit einem Ledersessel und ein kleines Tischchen mit einem Holzstuhl. Auf den Ledersessel setzte sich der Chef, auf den Holzstuhl Herr Taschenbier“ (Maar 1973, 78). Es bleibt zwar in den frühen Bänden unklar, in welcher Branche das Unternehmen anzusiedeln ist, das Machtgefälle in diesem Zwei-Mann-Betrieb ist hingegen überdeutlich: „Herr Oberstein hatte für seine Arbeit eine Rechenmaschine, Herr Taschenbier musste alles im Kopf rechnen“ (Maar 1973, 78). Mit seinem Beruf kann sich der Angestellte offenkundig nicht identifizieren, es scheint sich vielmehr um eine reine Lohntätigkeit zu handeln, die sich im Sinne der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von Karl Marx als ‚entfremdete Arbeit‘ verstehen lässt (vgl. Marx 2008, 28-45). Herrn Taschenbiers Untertanen-Mentalität zeigt sich aber nicht nur in seinem Umgang mit Autoritäten, sondern auch an dem Problem, ‚ich‘ zu sagen. Sein Ausweichmanöver besteht oftmals aus agenslosen Formulierungen. Als das Sams Herrn Taschenbier fragt, ob er gern ins Büro gehe oder sich nicht vielmehr wünsche, nicht arbeiten zu müssen, antwortet dieser: „Natürlich wünscht man sich das immer, besonders am Montag“. Doch hier erweist sich das Sams als sprachsensibler Kritiker, der – wie Martin Heidegger in Sein und Zeit – die Verfallenheit an das ‚Man‘ stigmatisiert (vgl. Heidegger 1993, 126ff.) und erzieherisch eingreift. „Ich frage nicht, ob man es wünscht, sondern ob du es dir wünschst“ (Maar 1973, 49).

Erich Fromms Konzept des autoritären Charakters bezieht sich eben nicht nur auf äußere Autoritäten, es „muß nicht unbedingt eine Person oder eine Institution sein, die sagt: ‚Du mußt das tun‘ oder ‚Das darfst du nicht tun‘. […] [S]ie kann auch als innere Autorität: als Pflicht, Gewissen oder Über-Ich auftreten“ (Fromm 2008, 124). Weiter heißt es: „[S]ich etwas noch nie Dagewesenes zu wünschen oder darauf hinzuarbeiten, ist Verbrechen oder Wahnsinn“ (Fromm 2008, 127). Herrn Taschenbiers größter Wunsch klingt zwar äußerst bescheiden – „Am liebsten würde ich einmal einen ganzen Tag im Bett verbringen und überhaupt nichts tun. Höchstens lesen“ (Maar 1973, 111) –, scheitert jedoch an jenen inneren Autoritäten, die Fromm nennt: Zunächst antwortet er wiederum, dass ‚man‘ das nicht mache und er sich vor Frau Rotkohl schäme, vor allem aber hätte er „wahrscheinlich den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen“ (Maar 1973, 112).

„Selbst ein Schwein lernt Violine“

Sowohl im Sinne einer Erziehung zur Mündigkeit als auch hinsichtlich der Entwicklung einer Ich-Identität macht Herr Taschenbier im Verlauf der Romane zwar Fortschritte, die Prozesse der Individuation und Sozialisation sind allerdings mit Ende des ersten Bandes keineswegs abgeschlossen. Immerhin wünscht sich Herr Taschenbier am Schluss, dass das Sams nicht mehr verschwinden muss: „Ich wünsche, dass es immer bei mir bleibt“ (Maar 1973, 159), lautet der letzte Satz in Eine Woche voller Samstage. Im zweiten Band berichtet er dann „stolz“, dass ihm das Schimpfen von Frau Rotkohl „nicht mehr so viel ausmacht wie früher. […] ‚Manchmal schimpfe ich sogar zurück‘“. Daraufhin bilanziert das Sams: „Ein bisschen hast du doch von mir gelernt“ (Maar 1980, 34).

Und die Persönlichkeitsentwicklung geht weiter, denn Herr Taschenbier muss immer wieder einsehen, dass sich Wünsche auch ohne Wunschpunkte oder eine Wunschmaschine erfüllen lassen. Was oben am Beispiel seiner Werbung um „die Fahrstuhlfrau“ in Neue Punkte für das Sams belegt wurde, findet sich bereits in Am Samstag kam das Sams zurück. Als Herr Taschenbier nach einem Streit mit seinem Freund Mon hofft, dass dieser ihn wieder besucht, ist er zunächst enttäuscht, dass ein solcher Wunsch ohne Wunschmaschine nichts nützt. Zur Erziehung durch das Sams gehören aber auch solche grundlegenden pädagogische Nachfragen: „Und warum gehst du nicht einfach zu deinem Freund Mon und sagst ihm, dass du dich falsch benommen hast und dass es dir Leid tut?!“ (Maar 1980, 156) Herr Taschenbier ist durchaus kein ganz leichter Fall und es dauert lange, bis er einsieht, dass er für sein Leben und seine Ziele selbst verantwortlich ist. Am Ende des zweiten Bandes bekräftigt er: „Ich will wirklich versuchen mir meine Wünsche einfach selbst zu erfüllen. Ohne Maschine“ (Maar 1980, 159). Als Katalysator dieser Entwicklung hat das Sams eine zentrale psychologische und soziale Funktion und tritt darüber hinaus immer wieder als reimender Motivator auf:

Will man was, ganz stark und fest,
geht’s auch ohne Wunschmaschine.
Selbst ein Schwein lernt Violine,
wenn es nur nicht lockerlässt!

(Maar 1980, 155)

 

Literatur

  • Maar, Paul: Eine Woche voller Samstage. Hamburg: Oetinger 1973.
  • Maar, Paul: Am Samstag kam das Sams zurück. Hamburg: Oetinger 1980.
  • Maar, Paul: Neue Punkte für das Sams. Hamburg: Oetinger 1992.
  • Maar, Paul: Ein Sams für Martin Taschenbier. Hamburg: Oetinger 1996.
  • Maar, Paul: Vom Lesen und Schreiben. Reden und Aufsätze zur Kinderliteratur. Hamburg: Oetinger 2007.
  • Maar, Paul: Maar und die Märchen. Antrittsvorlesung als Brüder-Grimm-Professor an der Universität Kassel 2015. In: Paul Maar. Studien zum kinder- und jugendliterarischen Werk. Hg. v. Andreas Wicke und Nikola Roßbach. Würzburg: Königshausen & Neumann 2017. S. 11-31.
  • Maar, Paul: Wie alles kam. Roman meiner Kindheit. Frankfurt/Main: Fischer: 2020.
  • Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. Übers. v. Liselotte und Ernst Mickel. 14. Aufl. München: dtv 2008.
  • Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Der Tragödie erster Teil. Hg. v. Lothar J. Scheithauer. Stuttgart: Reclam 1971.
  • Heidegger, Martin: Sein und Zeit. 17. Aufl. Tübingen: Niemeyer 1993.
  • Jahnke, Manfred: Wie das Sams überflüssig gemacht wird. Anmerkungen zu Büchern von Paul Maar. In: Fundevogel (1996) 120. S. 37-46.
  • Lange, Günter: Paul Maars Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I. Baltmannsweiler: Schneider 2007.
  • Lethen, Helmut: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1994.
  • Marx, Karl: Philosophische und ökonomische Schriften. Hg. v. Johannes Rohbeck und Peggy H. Breitenstein. Stuttgart: Reclam 2008.
  • Neuhaus, Stefan: Vom antiautoritären Kindermärchen zum postmodernen Film? Die Verwandlungen des Sams. In: Revista de Filología Alemana (2007) 15. S. 111-125.
  • Rippl, Susanne/Kindervater, Angela/Seipel, Christian: Die autoritäre Persönlichkeit: Konzept, Kritik und neuere Forschungsansätze. In: Autoritarismus. Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung. Hg. v. dens. Opladen: Leske + Budrich 2000. S. 13–30.
  • Schmidt, Jochen: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung. 2. Aufl. München: Beck 2001.
  • Scholz, Thomas: Im Anfang war das Sams. Sprache, Macht und die Konstruktion von Realität in Paul Maars Eine Woche voller Samstage. In: Paul Maar. Studien zum kinder- und jugendliterarischen Werk. Hg. v. Andreas Wicke und Nikola Roßbach. Würzburg: Königshausen & Neumann 2017. S. 33-48.
  • Sina, Kai: Fremdes Kind – Neuer Mann: Das Sams als eine Verhaltenslehre der Wärme. In: Unter dem roten Wunderschirm. Lesarten klassischer Kinder- und Jugendliteratur. Hg. v. Christoph Bräuer und Wolfgang Wangerin. Göttingen: Wallstein 2013. S. 181-198.
  • Vogt, Jochen: Diederich Heßlings autoritärer Charakter. Sozialpsychologisches im „Untertan“. In: Heinrich Mann (= Sonderband text + kritik). Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. 4. Aufl. München: edition text + kritik 1986. S. 70-81.
  • Wicke, Andreas: Zwischen RAF und Romantik. Paul Maars „Eine Woche voller Samstage“. In: Von „Bibi Blocksberg“ bis „TKKG“. Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Hg. v. Oliver Emde, Lukas Möller und Andreas Wicke. Opladen/Berlin/Toronto: Budrich 2016. S. 161-174.