Der erste Satz

„Es war Samstagmorgen und Herr Taschenbier saß im Zimmer und wartete“ (Maar 1973, 9), so beginnt eines der großen Erfolgsprojekte der deutschsprachigen Kinderliteratur und zweifellos gehört das Sams – neben Emil Tischbein, Pippi Langstrumpf und Harry Potter – zu den Stars der Literatur für junge Leserinnen und Leser. Dass ein epischer Text gleich am Anfang Zeit, Hauptfigur und Raum nennt, ist sicher nicht ungewöhnlich: „Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock“ (Kafka 1990, 23), so lautet beispielsweise der Beginn von Franz Kafkas Erzählung Das Urteil. Auch hier werden in derselben Reihenfolge wie bei Paul Maar Zeit, Figur und Raum genannt. Entscheidend für die Lust zum Weiterlesen sind aber nicht die konkreten Informationen, entscheidend ist, zumindest im Fall von Maars Roman, die Erwartung der Figur, die sich auf die Leserinnen und Leser überträgt. „Worauf er wartete?“, heißt es weiter. „Das wusste Herr Taschenbier selber nicht genau. Warum er dann wartete? Das lässt sich schon eher erklären“ (Maar 1973, 9). Zwar wird die Spannung dieses Romanbeginns ganz behutsam aufgebaut und ist alles andere als reißerisch, verlockt aber dennoch zur weiteren Lektüre. Vermutlich ist es gerade diese ziellose Erwartung, die den Beginn so besonders macht.

Der Roman Eine Woche voller Samstage erscheint 1973 – vor genau fünfzig Jahren – im Hamburger Verlag Friedrich Oetinger, fertiggestellt war das Manuskript des ersten Sams-Bandes allerdings schon 1971. „[H]iermit schicke ich endlich das telefonisch angekündigte Manuskript“, schreibt Paul Maar am 21.10.1971. „Es hat ein wenig länger gedauert als geplant. Aus den konzipierten 60-80 Seiten sind beim Schreiben unvermittelt 115 geworden.“ Der Moment der Übergabe eines neuen Texts ist sicher für Verlag und Autor ein gleichermaßen aufregender. Astrid Lindgren beispielsweise bittet in ihrem Begleitschreiben zum Manuskript von Pippi Langstrumpf 1944, der Verlag möge „nicht das Jugendamt alarmieren“. Außerdem schreibt sie: „Sicherheitshalber sollte ich vielleicht darauf hinweisen, dass meine eigenen unglaublich wohlerzogenen, engelsgleichen Kinder keinerlei Schaden durch Pippis Verhalten genommen haben“ (Lindgren 2007, 121). Paul Maars Begleitschreiben von 1971 klingt weniger besorgt, aber auch deutlich bescheidener: „Nun kann ich nur hoffen“, heißt es in seinem Brief, „daß Ihnen die Geschichte vom Sams annähernd soviel Spaß macht wie meinen (leider nicht ganz objektiven) Kindern.“

Die Hoffnung des Autors hat sich erfüllt: Mittlerweile ist die Figur des Sams untrennbar mit dem Namen ihres Schöpfers verbunden und das damals eingereichte Manuskript ist der Beginn eines Erfolgs, der bis heute anhält. Obwohl Paul Maars literarisches Œuvre wahrhaft umfangreich ist und neben Kinder- und Jugendromanen wie Lippels Traum, Kartoffelkäferzeiten oder Herr Bello und das blaue Wunder auch Lyrik, Theatertexte, Übersetzungen u.v.m. umfasst, haftet ihm beharrlich das Label des „Sams-Erfinders“ oder „Sams-Papas“ an. In einer Würdigung zum 85. Geburtstag Paul Maars schreibt dessen Schriftsteller-Kollegin Kirsten Boie:

Dass Paul Maar der Vater des Sams ist, weiß natürlich so ungefähr jeder – aber wer nur das weiß, weiß so gut wie gar nichts. Das Sams ist ja noch lange nicht der ganze Paul Maar. Noch nicht mal der halbe, kein Viertel! Paul Maar, das ist das Phänomenale, kann […] fast alles, und wenn wir bei seinem Namen immer zuerst an das Sams denken, dann ist das zwar rundum erklärlich – das Sams ist schließlich nach wie vor seine berühmteste Schöpfung und die Idee ist einfach unübertroffen –, es ist aber einem Autor gegenüber, der in jeder literarischen Gattung wie kaum ein anderer souverän zu Hause ist und dazu auch noch sehr klug darüber nachzudenken versteht, was er tut, nicht besonders fair. (Boie 2023, 15)

Wird Paul Maar selbst gefragt, ob es ihn stört, „immer mit dem Sams in Verbindung gebracht [zu] werden“, antwortet er im Interview: „Einerseits schon. Wo immer ich hinkomme, heißt es: Hier kommt der Sams-Autor. Auf der anderen Seite kann und darf ich mich nicht beschweren. Die Sams-Bücher haben mir ein Einkommen beschert, mit dem ich nie wieder Sorgen haben muss wie in meiner Jugend“ (Hampel/Salavati 2016).

Die Romane vom Sams und Herrn Taschenbier sind jedoch mehr als eine Erfolgsgeschichte, sie lassen sich durchaus auch als Mehrgenerationen-Projekt verstehen: Die meisten ab etwa 1970 geborenen Kinder konnten über einen jeweils gerade erschienenen Band oder eine neue Adaption in die Geschichte einsteigen, die Generation davor könnte den Stoff über das Vorlesen als Eltern und Großeltern kennengelernt haben. Mehrgenerational ist das Projekt allerdings nicht nur auf der Seite der Rezipientinnen und Rezipienten, sondern auch auf der Handlungs- bzw. Figurenebene. Ähnlich wie in Thomas Manns Buddenbrooks beginnt die Geschichte mit Herrn Taschenbier, der sich im dritten Band in Margarete März verliebt, ab dem vierten Band kommt die Generation des Sohnes Martin hinzu, ab dem siebten ist auch die Enkelin Betty dabei. Und das, obwohl die Geschichte nie als Serie angelegt war und Paul Maar nach eigentlich jedem Band beteuert hat, es sei der definitiv letzte. Meist waren es die Fragen und Briefe der Kinder, die sich nicht damit abfinden wollten, dass keine weiteren Folgen erscheinen, und immer wieder hat der Autor nachgegeben. Nach dem zehnten Band wird er selbst unsicher: „Ich schreibe voraussichtlich kein weiteres Sams-Buch mehr“, sagt er lachend im Interview mit Katrin Hörnlein (2020) – und beweist zwei Jahre darauf, dass auch das nicht stimmt. Folgende Bände sind seit 1973 erschienen:

  1. Eine Woche voller Samstage (1973)
  2. Am Samstag kam das Sams zurück (1980)
  3. Neue Punkte für das Sams (1992)
  4. Ein Sams für Martin Taschenbier (1996)
  5. Sams in Gefahr (2002)
  6. Onkel Alwin und das Sams (2009)
  7. Sams im Glück (2011)
  8. Ein Sams zu viel (2015)
  9. Das Sams feiert Weihnachten (2017)
  10. Das Sams und der blaue Drache (2020)
  11. Das Sams und die große Weihnachtssuche (2022)

Die Romane leben von der ebenso einfachen wie originellen Idee, dass es Wochen gibt, in denen die Bezeichnungen der Wochentage eine ganz besondere Bedeutung bekommen: „Wie war das doch gewesen: am Sonntag Sonne, am Montag Herr Mon, am Dienstag Dienst, am Mittwoch Wochenmitte, am Donnerstag Donner, am Freitag frei“ (Maar 1973, 20). An solchen Wochen kommt am Samstag ein Sams. Diese Logik ist der Ausgangspunkt für zahllose Abenteuer, die Herr Taschenbier mit dem Sams in den elf Folgen erlebt.

Das Ur-Sams wird lektoriert

Wie penibel der junge Autor des ersten Sams-Bandes seinen Text bearbeitet, wie gründlich jedoch auch das Lektorat des Oetinger Verlags das Manuskript prüft, zeigt die Korrespondenz, die sich heute in den Räumen der Silke Weitendorf Stiftung, dem ehemaligen Verlagssitz, befindet. In einem vierseitigen Schreiben vom 3.12.1971 gliedert die Lektorin ihre Anmerkungen zu Paul Maars Entwurf in die Punkte „1. Prinzipielles, 2. Kürzungsvorschläge, 3. Stilistisches“. Besonderes Augenmerk legt das Lektorat auf die Kaufhausszene, also jenes Kapitel, in dem das Sams seinen Taucheranzug bekommt und durch ein sprachliches Missverständnis – „‚Brandneu‘, fragte das Sams, ‚Wo brennt es denn?‘“ (Maar 1973, 62) – ein Feuer im Kaufhaus entfacht. „Bei diesem Kapitel haben eigentlich alle hier im Verlag eine starke Überzogenheit bemerkt und den Wunsch geäußert, Sie möchten doch dieses Kapitel noch einmal überarbeiten.“ Die Szene sei „zu gewollt grotesk“ und der „überdrehte Schluß [wirke] daher allzu absichtlich auf Stummfilmkomik getrimmt“. Das erläutert die Lektorin an folgendem Beispiel:

Auf Seite 42 trifft eine Käsekugel einen Mehlsack, das Mehl wird in die Luft geschleudert und eine Verkäuferin ruft: „Es schneit!“ Mehlsäcke gibt es heute nicht einmal mehr in den allmählich aussterbenden kleinen Lebensmittelgeschäften, kaum noch auf dem Lande. Hier spürt man allzu deutlich, daß der Mehlsack von Ihnen eingeführt wird, damit Sie den Schnee rieseln lassen können. Ebenso empfindet man es als nicht ganz geglückte Slapstickkomik, wenn Sie Glas und Porzellan, Spielzeugtrommeln, Sahnetorten und Autoradios durch die Gegend rollen lassen.

Paul Maar ist sehr zufrieden mit den Anmerkungen des Lektorats und erklärt, er sei mit „95 % [der] Vorschläge einverstanden, die meisten sind sogar unbedingt notwendig“. Anschließend geht er in dem achtseitigen, handschriftlichen Brief vom 8.12.1971 minutiös auf die einzelnen Punkte ein, ausführlich bezieht er Stellung zur Kürzung des Kaufhaus-Kapitels. Er möchte

das Kaufhaus-Chaos deswegen beibehalten, weil ich beim Vorlesen vor eigenen und fremden Kindern festgestellt habe, daß gerade über das Durcheinander im Kaufhaus eine ungeheure Freude herrschte. Ein völlig aufgelöstes, zerstörtes Kaufhaus scheint der mehr oder weniger bewußte Wunschtraum vieler Kinder zu sein. Ich kann mir das eventuell so erklären, daß Kinder – entgegen allem äußeren Anschein – Kaufhäuser hassen. Kaufhaus bedeutet: Von der Mutter durch das verlockendste Angebot der Welt gezogen zu werden, alles in Augenhöhe: Bonbons, Schokolade, Süßigkeiten (meist gleich hinter dem Eingang), Spielsachen etc. Nicht in Regalen, nicht verpackt, alles liegt vor der Nase – und trotzdem darf man nichts anfassen, nichts nehmen, nichts essen. […] Ich habe festgestellt, daß Kinder sehr gerne in Kaufhäuser gehen und trotzdem jedesmal irgendwie enttäuscht und schlechtgelaunt herauskommen. Deshalb der Wunschtraum der Kinder, daß entweder diese blöden Kaufhäuser einmal ganz „aus dem Leim“ gehen und die überarbeiteten, meist schlechtgelaunten, kinderfeindlichen Verkäufer(-innen) in einem völligen Durcheinander stehen – oder, das noch mehr,: daß einmal die Süßwarenabteilung „explodiert“ und alle Kinder sich die Hosentaschen vollstopfen können mit Schleckereien wie das im „SAMS-TAGE“ der Fall ist. Aus diesem Grund würde ich den Kindern schon gerne den Gefallen tun und ein unbeschreibliches Durcheinander entstehen lassen. Nur müßte es – zugegebenermaßen – glaubhafter sein. Ich selbst habe aber einen anderen Einwand gegen das Kaufhaus-Kapitel. Mir scheint beim neueren Durchlesen, daß das Sams sich dem ersten Verkäufer gegenüber fast gemein benimmt. Wie wirkt diese Szene auf Sie? Das Sams darf zwar frech sein, (besonders Leuten gegenüber, die sich selbst anmaßend verhalten), es hat auch eine ganze Portion gesunden Egoismus, tut eigentlich immer nur das, wozu es selbst Lust hat, läßt sich durch keine äußeren Zwänge einschränken, es schimpft zurück, wenn Frau Rotkohl keift, es führt das autoritäre Gehabe des Studienrats Groll durch einfache Zwischenfragen ad absurdum etc. etc. Eines darf es aber nie sein: Bewußt bösartig, gemein ohne jeden Anlaß. Falls es in irgend einer Szene koboldhaft böse auf sie wirken sollte, also z.B. Streiche nur spielt, um anderen etwas anzutun, sie zu ärgern, ohne jeden Grund, müssen Sie mir das bitte schreiben, dann werde ich diese Stellen ändern.

Zwei Punkte fallen an diese Erläuterung auf: Paul Maar hat eine ganz präzise Vorstellung von seiner Figur und ihrer Wirkung, was ihn immer wieder zu sehr genauen Überarbeitungen und Korrekturen antreibt. Vor allem jedoch ist es für den Autor von größter Bedeutung, beim Schreiben die Perspektive der kindlichen Leserschaft vor Augen zu haben und sich konsequent auf deren Seite zu schlagen. „Laßt euch die Kindheit nicht austreiben!“ mahnt Erich Kästner in seiner Ansprache zum Schulbeginn. „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch“ (Kästner 2004, 195). In diese Tradition lässt sich auch Paul Maar einreihen.

 

Paul Maar 1973 klein

 Paul Maar (1973)
© Oetinger, Paul Maar

Der Erfolg der Sams-Romane spiegelt sich zunächst in den Verkaufszahlen: Zwischen 1973 und 2022 werden nach Aussage des Oetinger Verlags rund sechs Millionen Sams-Bücher verkauft, sodass man zu Recht von einem Longseller sprechen kann. Auf die Frage, ob sie ein Lieblingsbuch aus Maars Feder habe, antwortet auch die Verlegerin Silke Weitendorf im Gespräch mit Helga Blümlein: „Sicher gehört nach wie vor das Sams dazu, schließlich hat [Paul Maar] mit dem ersten Band ja Geschichte geschrieben, eine unerhört erfolgreiche dazu. Der hintergründige Humor, die Mischung aus Realität und fantasievoller Handlung voller Witz und Sprachspiele – das alles hat mich unbändig begeistert“ (Blümlein 2023, 119). Aber auch aus dem Briefwechsel zwischen Autor und Verlag geht der besondere Status Maars hervor. Als er 2009 nach siebenjähriger Pause das Manuskript des sechsten Bandes, Onkel Alwin und das Sams, ankündigt und auf einen baldigen Erscheinungstermin hofft, antwortet Weitendorf per Mail: „Die Programmliste steht schon weitgehend, aber ein SAMS hat immer Platz – und zwar einen vorderen.“

Die Sams-Romane im Spiegel der Kritik

Anerkennung erfahren die Sams-Bände aber natürlich auch in der Buchkritik. Bereits die frühen Rezensionen fallen eher positiv aus, sind jedoch in der Regel sehr knapp. Erst die neueren Bände werden ausführlich in der überregionalen Presse gewürdigt: Über Onkel Alwin und das Sams urteilt beispielsweise Tilman Spreckelsen 2009 in der F.A.Z. und geht dabei ausführlich auf Maars besonderen Umgang mit der Sprache ein:

Dass es Maar gelungen ist, bei seinem ewig vor sich hin reimenden, ewig munterste Sprachkritik übenden Sams wieder den richtigen Ton zu treffen, wird man ihm hoch anrechnen. Denn ohne dies verlöre seine Schöpfung jeden Zauber. Das Partisanentum der Sprache, das Maars Sams verkörpert und das nur aus genauer Kenntnis der Regeln erwachsen kann, ist den Büchern wesentlich, und wo das Sams diese Regeln spielerisch bricht, lässt es zugleich anderen nichts durchgehen und klebt unverbrüchlich am Nennwert der Worte. Spielen immer, Schludern nimmer, so könnte man den samshaften Zugang zur Sprache beschreiben. Und wo die Worte fehlen, braucht es eben neue. (Spreckelsen 2009)

„Mit ‚Ein Sams zu viel‘ ist Paul Maar wieder ein[e] ganz wunderbare Sams-Geschichte gelungen“, schreibt Hannelore Piehler 2015 auf literaturkritik.de. „So ist der neue Sams-Band auf angenehme Weise traditionell, aber nicht altbacken“, bilanziert Eva-Maria Magel 2020 in der F.A.Z über Das Sams und der blaue Drache. Und anlässlich des Erscheinens von Das Sams feiert Weihnachten 2017 wird die Reihe auf einer Doppelseite im Spiegel gewürdigt:

Dass das Sams so grenzenlos entspannt ist, gefällt heute vielen Kindern, die von subtilen Leistungserwartungen gebeutelt sind. Zudem hat die Fantasie in Paul Maars Geschichten die Kraft, die Realität zu verändern. Dieser Zugang zur Fantasie ist ein bisschen aus der Mode gekommen. An die Stelle sind Fantasyromane gerückt, Storys, die im Reich des Unwirklichen spielen, die unterhalten und ablenken. Maars Geschichten aber ermöglichen eine Rückkopplung zum eigenen Leben. Das macht sie besonders. (Voigt 2017, 119)

Bei all der Euphorie, die sich durch die Rezensionen zieht, vermutlich sind die meisten erwachsenen Kritikerinnen und Kritiker schon als Kinder überzeugte Sams-Fans gewesen, ist man nachgerade erstaunt, auch kritische Stimmen zu finden. Über Ein Sams zu viel sagt Kim Kindermann 2015 auf Deutschlandfunk Kultur: „Dieses Sams-Buch ist eines zu viel!“ Und anlässlich des elften Bandes, Das Sams und die große Weihnachtssuche, fragt Kirsten Kumschlies (2022): „Brauchen wir diese späten Fortsetzungen vom Sams noch?“

Aber bereits zum ersten Band finden sich, wenn man die entsprechenden Ordner im Archiv des Oetinger Verlags gründlich durchforstet, skeptische Stimmen. In Die Welt heißt es beispielsweise am 17.1.1974:

In den letzten Jahren haben viele Autoren, etwa Lindgren, Janosch, Peterson, den nach außen projizierten Wunschvorstellungen ihrer Helden Gestalt verliehen, um damit Minderwertigkeitsgefühle und Einsamkeit zu lindern. […] Bei Paul Maar verläuft dieser Prozeß zwar nicht besonders tiefsinnig, dafür aber sehr turbulent und schmissig. Kurzum, man lacht. (O.N. 1974)

Differenzierter fällt das Urteil Gerhard Rademachers aus, der 1974 in Das gute Jugendbuch schreibt, der Roman verspreche zumindest jenem „Leser“, der „sich auf das ln[s]trumentarium von Untertönen versteht“, eine subtile Mischung aus Gesellschaftskritik und Sprachspielerei. Allerdings sieht er genau darin auch die „Problematik des Maar’schen Stils“, weil er befürchtet, das eine könne das andere überlagern: „Sams, Symbol für die geheimen Wünsche des Herrn Taschenbier oder nur sprachliche Spielfigur? Das bleibt hier die (für den Rezensenten) offene Frage“ (Rademacher 1974). Offensichtlich ist die Mischung, die aus heutiger Perspektive die Widerstandsfähigkeit, vor allem aber die Qualität des ersten Bandes ausmacht, aus Sicht der Kinderbuchkritik der 1970er Jahre nicht opportun.

Ernüchternd ist das Fazit der kurzen Besprechung in der Zeitschrift Die Schülerbücherei, über Eine Woche voller Samstage liest man dort: „Nichts Besonderes zwar, auch nicht sehr spannend, aber doch ganz nett, ist die Geschichte für Kinder ab sieben zu empfehlen“ (Faust 1974). Und auch in Die Neue Bücherei urteilt Ruth Ulrich 1974 skeptisch über den ersten Sams-Band, wegen der „Schüttelreime und Stegreifgedichte“ sei

das Buch auf einer Kinderparty im Fasching oder am Geburtstag zum Vorlesen geeignet. Wollte der Verf. – zugleich Illustrator – den tierischen Ernst der Erwachsenen antiautoritär attackieren oder wollte er nur originell sein um jeden Preis? Man kann nicht unbedingt erwarten, daß etwa Zehnjährige Spaß an dieser surrealistischen Geschichte haben. Es kommt auf eine Probe an.

Rund 50 Jahre später muss man wohl eingestehen, dass die Probe zugunsten des Sams und seines Autors ausgegangen ist.

Trotz kritischer Stimmen überwiegt in den Rezensionen zu Eine Woche voller Samstage die Wertschätzung für einen Roman, dessen Sprachkomik und Anarchie in der Kinderliteratur der Zeit keineswegs üblich war. Und natürlich werden die Geschichten vom Sams auch mit entsprechenden Literaturpreisen geadelt: 1974 steht der erste Band auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis und konkurriert in der Sparte Kinderbuch u.a. mit Christine Nöstlingers Maikäfer, flieg! und Peter Härtlings Das war der Hirbel. Bekommen hat den Preis in diesem Jahr schließlich Judith Kerrs Als Hitler das rosa Kaninchen stahl.

In dieser Zusammenstellung wird der Paradigmenwechsel in der Kinderliteratur um 1970 deutlich: Realistische Romane, die sich problemorientierten oder zeitgeschichtlichen Themen zuwenden, prägen das Bild, ein Text wie Eine Woche voller Samstage scheint zunächst nicht dazu zu passen. Allerdings hat Paul Maar immer wieder betont, nicht das Sams, sondern Herr Taschenbier sei die Hauptfigur der (frühen) Romane und der emanzipatorische Aspekt bzw. Herrn Taschenbiers Erziehung zur Mündigkeit sei ihm wichtiger als die fantastische Handlung. In der Jury-Begründung für die Nominierung von Eine Woche voller Samstage 1974 spiegelt sich das nur am Rande:

Mit sympathischen Verrücktheiten erhellt der Kobold Sams an jedem Sams-Tag das Dasein des überängstlichen Herrn Taschenbier, indem er ihm so viele Wünsche erfüllt, wie er blaue Flecken im Gesicht hat. Und alles, was auch jedes Kind[] gern einmal täte (aber nicht kann oder darf), geschieht wie selbstverständlich. Bis Herr Taschenbier sein Selbstbewusstsein zurückgewonnen hat, gibt es viel zu lachen. (Jury-Begründung 1974)

Auch einige der folgenden Bände wurden prämiert, so bekam Maar 1992 die Kalbacher Klapperschlange für Neue Punkte für das Sams, Ein Sams für Martin Taschenbier wurde 1996 als Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet und den Deutschen Bücherpreis gab es 2003 für Sams in Gefahr.

Autor und Figur sind heute so eng miteinander verbunden, dass beide auch im Titel eines Filmporträts nebeneinander vorkommen, das der Bayerische Rundfunk 2022 anlässlich des 85. Geburtstags produziert hat: Paul Maar – Das Sams und ich. Nach fünfzig gemeinsamen Jahren scheint die Grenze zwischen Realität und Fiktion, zwischen Erfinder und Erfundenem zu verschwimmen, aber bereits 2015 im Vorwort zu Ein Sams zu viel rechtfertigt sich Maar, er habe die Geschichte nicht früher erzählen können, weil sie Frau Rotkohl peinlich war. „Doch kürzlich, während der Feier zu ihrem sechzigsten Geburtstag sagte sie zu Herrn Taschenbier: ‚Ach, warum soll die Geschichte ewig geheim bleiben! Muss das sein? Nein, muss es nicht. Der Autor Maar darf sie gerne erzählen, wenn er das will!‘“ (Maar 2015, 6).

 

Literatur

  • Maar, Paul: Eine Woche voller Samstage. Hamburg: Oetinger 1973.

  • Maar, Paul: Ein Sams zu viel. Hamburg: Oetinger 2015.

 

  • Blümlein, Helga: Gespräch mit Silke Weitendorf. In: Schön sind Wörter, die einfach sind. Gedichte von Paul Maar. Hg. v. Nils Mohl, Claudia Maria Pecher und Maximilian Mihatsch. München: Verlag Sankt Michaelsbund 2023. S. 118-119.

  • Boie, Kirsten: Nicht nur der Vater des Sams. In: Schön sind Wörter, die einfach sind. Gedichte von Paul Maar. Hg. v. Nils Mohl, Claudia Maria Pecher und Maximilian Mihatsch. München: Verlag Sankt Michaelsbund 2023. S. 15-16.

  • Faust: [Rezension zu Eine Woche voller Samstage]. In: Die Schülerbücherei (1974) 2.

  • Hampel, Lea/Salavati, Nakissa : „Ich wurde für meine Gier bestraft“. Interview mit Paul Maar. In: Süddeutsche Zeitung vom 30.12.2016.

  • Hörnlein, Katrin: „Der Drache ist meine Rache“. Gespräch mit Paul Maar. In: Die ZEIT (2020) 33.

  • Jurybegründung: Paul Maar, Eine Woche voller Samstage (1974). URL: jugendliteratur.org/buch/eine-woche-voller-samstage-3364.

  • Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. Hg. v. Paul Raabe. 753. bis 777. Tsd. Frankfurt/Main: Fischer 1990.

  • Kästner, Erich: Wir sind so frei. Chanson, Kabarett, Kleine Prosa. Hg. v. Hermann und Lena Kurzke. München: dtv 2004.

  • Kindermann, Kim: „Dieses Sams-Buch ist eines zu viel!“ (2015). URL: deutschlandfunkkultur.de/neues-sams-abenteuer-dieses-sams-buch-ist-eines-zu-viel-100.html.

  • Kumschlies, Kirsten: Maar, Paul: Das Sams und die große Weihnachtssuche (2022). URL: https://www.kinderundjugendmedien.de/kritik/kinderroman/6600-maar-paul-das-sams-und-die-grosse-weihnachtssuche

  • Lindgren, Astrid: Ur-Pippi. Übers. v. Cäcilie Heinig und Angelika Kutsch. Komm. v. Ulla Lundqvist. Hamburg: Oetinger 2007.

  • Magel, Eva-Maria: Späte Wünsche. Neues Sams-Buch von Paul Maar. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.7.2020.

  • O. N.: [Rezension zu Eine Woche voller Samstage]. In: Die Welt vom 17.1.1974.

  • Piehler, Hannelore: Zwei Samse sind eines zu viel. Paul Maar blickt in einem neuen Sams-Abenteuer 30 Jahre in der Geschichte zurück. URL: https://literaturkritik.de/id/21371.

  • Rademacher, Gerhard: [Rezension zu Eine Woche voller Samstage]. In: Das gute Jugendbuch (1974) 1.

  • Spreckelsen, Tilman: Ich will jetzt schlafen wie ein Wafen. Paul Maars sechstes Sams-Buch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.9.2009.

  • Ulrich, Ruth: [Rezension zu Eine Woche voller Samstage]. In: Die Neue Bücherei (1974) 3.

  • Voigt, Claudia: Merkwürdiges Wesen. In: Der Spiegel (2017) 39a. S. 118-119.

 

[Der Abdruck der Auszüge aus der Verlagskorrespondenz und des Pressebildes erfolgt mit freundlicher Genehmigung Paul Maars, der Silke Weitendorf Stiftung sowie der Verlagsgruppe Oetinger. Offensichtliche Fehler in den Briefen wurden stillschweigend korrigiert.]