1. Entstehung und Rezeption
  2. Zur Deutung der Hauptfiguren
  3. Fantastiktheoretische Dimensionen
  4. Sozialgeschichtlicher und politischer Hintergrund
  5. Illustrationen
  6. Intertextuelles Spiel
  7. Das Sams auf der Bühne
  8. Das Sams in Hörspiel, Hörbuch und Film
  9. Sprache, Komik und Lyrik
  10. Übersetzungen
  11. Das Sams in der Schule
  12. Literatur und Wirklichkeit

Fantastische Welten im Kinderbuch

Behauptet man, dass Paul Maar fantastische Kinderliteratur schreibt, so ist dies alltagssprachlich ein Lob, das sicher viele Leserinnen und Leser teilen. Fachsprachlich hingegen ist es eine Tatsache, dass die meisten seiner Romane der kinderliterarischen Fantastik zuzuordnen sind. „Eine Definition der ‚fantastischen Erzählung‘ besteht ja darin, dass in ihr ein fantastisches Element in die reale Welt eintritt, auf sie einwirkt und sie verändert“ (Maar 2007, 52), erläutert Maar in einem Vortrag. Im Sinne dieser offenen Definition lassen sich neben Lippels Traum oder Der Galimat und ich sowie den Herr Bello-Romanen ebenso die Geschichten über das Sams, das in die Welt des Herrn Taschenbier eintritt und Wünsche erfüllen kann, im Bereich der Fantastik rubrizieren.

Versucht man, Maars Definition zu verallgemeinern und gleichzeitig zu verfeinern, so lässt sich mit Marianne Wünsch (2007, III/71) sagen, dass fantastische Literatur von der Annahme zweier konkurrierender Welten ausgeht, „deren erste als in der Realität mögliche und deren zweite als nicht-mögliche erscheint“. Uwe Durst (2007, 13) spricht dabei von einem „Genre, worin die traditionelle Kohärenz der erzählten Welt aufgehoben und durch die Konkurrenz zweier gleichberechtigter Realitäten ersetzt ist, die sich gegenseitig negieren“.

Zwei voneinander getrennte Teilwelten sind zwar – zumindest in den ersten fünf Sams-Romanen – schwerlich auszumachen, doch Maria Nikolajeva hat bereits Ende der 1980er Jahre unter dem Titel The Magic Code verschiedene magical patterns in fantasy for children definiert, mit deren Hilfe sich auch Maars Romane verorten lassen:

Closed world will denote a self-contained secondary world without any contact with the primary world (= high fantasy).

Open world is a secondary world that has a contact of some kind, and both primary and secondary worlds are present in the text.

Implied world is a secondary world that does not actually appear in the text, but intrudes on the primary world in some way (= low fantasy). (Nikolajeva 1988, 36)

Während die geschlossene Sekundärwelt eher das Feld der Fantasy-Literatur betrifft, besteht in der offenen Sekundärwelt die Möglichkeit, zwischen Primär- und Sekundärwelt zu wechseln. Die implizierte Sekundärwelt dagegen wird im literarischen Text nicht gezeigt oder betreten, stattdessen kommt beispielsweise eine Figur aus der Sekundär- in die Primärwelt. „In den grundsätzlich realistisch angelegten Texten“, so beschreibt Judith Dangel (2013, 442) diesen Mechanismus, „bricht das Phantastische als überraschendes und ambivalentes bzw. unerklärliches Element ein und verletzt die logischen und ontologischen Basisannahmen“. Dieses Modell einer implizierten Sekundärwelt bildet die fantastiktheoretische Grundlage der ersten fünf Sams-Romane. Günter Lange (2007, 25) ordnet die frühen Bände – neben Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf und Karlsson vom Dach, Michael Endes Momo oder Otfried Preußlers Die kleine Hexe – der Gruppe „Phantastische Wesen in der realistischen Welt“ zu.

Implizierte Sekundärwelt

Die ersten Teile der Reihe spielen komplett in der real-fiktiven Primärwelt von Herrn Taschenbier und Frau Rotkohl, und in Sams in Gefahr beteuert die Figur des Sportlehrers Daume: „Wir leben schließlich in einer realen Welt mit Computern, Tiefkühlkost, Frühstücksfernsehen und geregelter Müllabfuhr. Da ist kein Platz für Magier oder Hexenmeister“ (Maar 2002, 13f.). Dennoch fragt er sich, ob Martin Taschenbier „irgendeinen magischen Gegenstand“ (Maar 2002, 13) besitzt, und auch die Leserinnen und Leser müssen sich auf die Konfrontation mit einem fantastischen Wesen einlassen, das aus einer Sekundärwelt kommt, in die es hinterher wieder verschwindet.

Samsregel Nummer fünf: Dass Samse immer samstags gehn,
kann selbst die Polizei verstehn! (Maar 1992, 156)

Aus diesen im Laufe der Reihe immer häufiger zitierten Samsregeln lässt sich ableiten, dass es eine magische Anderswelt gibt, die eigenen Gesetzen folgt. Darüber hinaus wird eine sekundäre Welt impliziert, wenn von Samsen im Plural die Rede ist: „Das ist doch immer so bei Samsen“ (Maar 1973, 22), heißt es gleich im ersten Kapitel des ersten Bandes.

Schwellenübergänge in der Fantastik

Ein zentraler Moment innerhalb fantastischer Texte ist der Umsteigepunkt zwischen den Teilwelten, den es zumindest bei implizierten und offenen Sekundärwelten gibt. Judith Dangel (2013, 444) betont, dass der „Moment des potenziellen Übergangs oder der Grenzüberschreitung, also die Punkte der Werke, an denen sich die Welten berühren, […] für eine Analyse besonders aufschlussreich“ seien.

Meist werden solche Passagen ebenso opulent wie wirkungsvoll gestaltet: Marie aus Nussknacker und Mausekönig gelangt bei E.T.A. Hoffmann durch den Kleiderschrank bzw. den Ärmel eines Mantels zur Kandiswiese, Lewis Carroll lässt Alice durch einen Kaninchenbau ins Wunderland fallen, Bastian Balthasar Bux aus Michel Endes Die unendliche Geschichte zögert lange, bevor er sich in das Buch, das er gerade liest, stürzt, und Harry Potter fährt in Joanne K. Rowlings Romanen an Gleis 9 ¾ nach Hogwarts ab.

Dagegen ist der erste Auftritt des Sams unauffällig, es ist plötzlich da und Herr Taschenbier kommt erst hinzu, als eine Menschenmenge auf dem Marktplatz bereits darüber diskutiert, um was für ein Wesen es sich hier handelt. Ein wenig spektakulärer ist da schon die Rückreise. Nachdem das Sams erklärt hat, dass es nach einer Woche wieder verschwinden muss, reitet es auf einem Eisbären in die Dunkelheit (vgl. Maar 1973, 154).

Allerdings sollte, wenn es um die Gestaltung des Schwellenübergangs zwischen Primär- und Sekundärwelt, also zwischen Taschenbier- und Samswelt geht, nicht nur die einzelne Szene betrachtet werden, vielmehr folgt das Erscheinen des Sams auf eine entsprechende Woche, in der am Sonntag die Sonne scheint, am Montag Herr Mon zu Besuch kommt, man am Dienstag Dienst hat, am Mittwoch die Mitte der Woche ist, in der es am Donnerstag donnert und man am Freitag frei hat. Im neunten Band wird dieser Mechanismus als „Wochentagszauber“ (Maar 2017, 120) bezeichnet. Und spätestens wenn Herr Taschenbier im zweiten Band, Am Samstag kam das Sams zurück, mehrere Versuche braucht, um eine solche Woche erneut zu forcieren – als das Gewitter am Donnerstag ausbleibt, beginnt er selbst mit großen Blechen zu donnern –, wird klar, dass der Schwellenübertritt in den Romanen minutiös vorbereitet sein muss. Das eigentliche Erscheinen ist dann wiederum unspektakulär, das Sams ist plötzlich da: „‚Hallo, Papa!‘, sagte eine wohlbekannte Stimme hinter dem Tisch“ (Maar 1980, 28).

Weitere Mechanismen, die das Sams erscheinen lassen, finden sich in den Folgebänden, etwa wenn Martin, der Sohn der Taschenbiers, im vierten Band während einer Klassenfahrt ein vermeintliches Medikament, in Wirklichkeit sind es die Sams-Rückhol-Tropfen, einnimmt: „Im selben Augenblick ertönte ein Knall, gerade so, als hätte jemand eine pralle, luftgefüllte Papiertüte durch einen Schlag zum Platzen gebracht – und hinter ihm stand das sonderbarste Kind, das Martin je gesehen hatte“ (Maar 1996, 43, vgl. auch Maar 2002, 18 sowie 149).

Offene Sekundärwelt

Differenzierter wird die Betrachtung, wenn man untersucht, wie Maar das fantastiktheoretische Modell im Laufe der Reihe erweitert, denn der sechste Band, Onkel Alwin und das Sams, spielt erstmalig auch in der Samswelt. Gleich die ersten Sätze machen dieses Novum deutlich: „Das Sams blickte grinsend in die Runde. Es schien so, als hätten sich tatsächlich sämtliche Samse versammelt. Auf einem großen, blau gepunkteten Kürbis saß das Übersams. Es hieß so, weil es schon über zweihundert Jahre alt und somit das älteste Sams in der Runde war“ (Maar 2009, 9).

Samtliche Samse

aus: Onkel Alwin und das Sams (2009)
© Oetinger, Paul Maar

Der Roman spielt dann abwechselnd in den verschiedenen Sphären, im Sinne Nikolajevas handelt es sich nun also um eine offene Sekundärwelt und das Sams kann zwischen den Welten hin- und herwechseln. Die Leserinnen und Leser haben dabei einen Wissensvorsprung gegenüber Herrn Taschenbier, der erst im darauffolgenden siebten Band, Sams im Glück, von jener Sekundärwelt erfährt, aus der das Sams kommt. Das größte Samsgeheimnis, so ist das Kapitel überschrieben, und dieses Geheimnis lautet: „Es gibt nicht nur ein Sams“ (Maar 2011, 30). Auf Herrn Taschenbiers erstaunte Frage, wo die anderen Samse wohnen, folgt eine Erläuterung, die man aus literaturtheoretischer Perspektive als mögliche Definition fantastischer Topographien bezeichnen könnte:

Es gibt nicht nur die Menschenwelt hier, es gibt auch eine Samswelt. […] Die Samswelt ist hier und da, die Menschen sehen sie nur nicht. Sie ist einfach oben, beziehungsweise unten, sozusagen gleichzeitig drüben und herüben, auf jeden Fall daneben, wenn nicht sogar dazwischen. Ich könnte auch sagen inmitten. (Maar 2011, 31)

Und während im sechsten Band der Schwellenübergang plötzlich geschieht, greift das Sams im siebten wieder auf sein ureigenstes Werkzeug zurück, um die fantastischen Passagen zu steuern, die Sprache:

„[…] Wünsch bitte, dass ich in die Samswelt komme, wenn ich sage: ‚Trofos! Ich will in die Samswelt! Trofos!‘, und wieder zurück, wenn ich sage: ‚Trofos! Ich will in die Menschenwelt! Trofos!‘ Hast du verstanden?“ (Maar 2011, 32)

So wie das Zauberwort „Gatsmas“ (Maar 1992, 44) für neue Wunschpunkte sorgt, setzt „Trofos“ also den Übertritt zwischen den Welten in Gang, beide Begriffe ergeben rückwärts gelesen deutsche Wörter: ‚Samstag‘ und ‚sofort‘. Zwar handelt es sich nicht – was in Zaubersprüchen häufig vorkommt – um Palindrome, da das rückwärts gelesene Wort nicht lexikalisiert ist, dennoch gibt der sprachliche Richtungswechsel offensichtlich den Anschub für den Wechsel zwischen den Welten. Dieser wird in den Romanen zunächst nur typographisch markiert. Wenn das Sams zum ersten Mal aus der Samswelt verschwindet, erkennt man das an einer Leerzeile, der neue Absatz spielt dann im Zimmer von Martin Taschenbier. Auch gegen Ende des Bandes ist das Sams „plötzlich mitten im Satz spurlos verschwunden“ (Maar 2009, 187) und das nächste Kapitel – Die Samsversammlung – beginnt unmittelbar in der Samswelt.

In Das Sams feiert Weihnachten greift der Autor Paul Maar selbst in die fantastiktheoretische Debatte ein und erläutert im Vorwort, wo er die Sekundärwelt angesiedelt hat. Dabei betont er gerade nicht den fantastischen Gehalt, sondern argumentiert – sicher nicht ganz ohne Ironie – auf einer wissenschaftlichen Ebene, die das Nebeneinander von Parallelwelten als naturgesetzliche Realität plausibilisiert:

Ich stelle mir nicht vor, dass diese Welt irgendwo ganz weit oben oder sogar auf einem anderen Planeten existiert. Es gibt sie gewissermaßen neben und zwischen unserer Welt. Selbst ernsthafte Wissenschaftler, die sich mit der sogenannten Quantenmechanik beschäftigen, sind überzeugt, dass es viele Parallel-Welten nebeneinander gibt. Sie schreiben von einem Multiversum. […] In so einem Parallel-Universum stelle ich mir die Sams-Welt vor. (Maar 2017, 9)

Diese Argumentation ist typisch für Paul Maars Sicht auf fantastische Literatur. So wie ihm – das wird noch zu belegen sein – im Kontext seiner Sams-Romane der emanzipatorische Gehalt wichtiger ist als die fantastische Konstruktion, deutet er auch mit Blick auf Lippels Traum eine alternative Lesart an. Günter Lange hat den Roman fantastiktheoretisch eindeutig klassifiziert: „Die Traumwelt Lippels ist […] stabil, in sich geschlossen und steht in deutlichem Gegensatz zu seiner realistischen Welt […]. Aus diesem Grunde kann man Lippels Traum mit einiger Berechtigung zur phantastischen Literatur zählen“ (Lange 2007, 6). Maar allerdings hält dagegen: „Es ließen sich sogar gute Argumente finden, selbst ‚Lippels Traum‘ als realistischen Kinderroman einzuordnen: Das Buch erzählt von den Alltagserlebnissen eines Jungen, der, wie jeder Mensch, nachts träumt und im Traum – wie wir spätestens seit Freud wissen – die Tageserlebnisse verarbeitet“ (Maar 2007, 52).

Creatio ex nihilo

Während die Herkunft des Sams innerhalb der Fiktion geklärt wird, bleibt die Frage, aus welcher Welt der blaue Drache stammt, den das Sams im zehnten Band – versehentlich – herbeiwünscht, ungeklärt. Ralfer selbst beantwortet sie folgendermaßen:

„Du hast mich mit dieser Maschine da oben gewünscht, dann gab es mich“, sagte der Drache.

„Willst du damit sagen, dass es dich vorher gar nicht gegeben hat?“ (Maar 2020a, 63)

Aus fantastiktheoretischer Perspektive wäre es durchaus nicht ungewöhnlich, von der Annahme mehrerer sekundärer Welten auszugehen, der blaue Drache allerdings behauptet, durch den Wunsch überhaupt erst erschaffen worden zu sein. Ralfer und Sams führen daraufhin eine Diskussion, die nur dann banal erscheint, wenn man die dahinterliegende philosophie- und religionsgeschichtliche Debatte ausblendet. „Das Sams dachte nach“ (Maar 2020a, 63), so wird das folgende Gespräch eingeleitet:

„Papa Taschenbier hat sich mit der Wunschmaschine Geld gewünscht. Dann kam das Geld. Aber Geld gab es schon, bevor er es sich gewünscht hat. Das Geld ist wahrscheinlich aus einer Sparkasse gekommen. Mein Erdbeereis stammt vielleicht aus irgendeinem Eiscafé und die Sahne auch. Alles, was man sich mit der Maschine wünscht, gibt es schon irgendwo.“

„Und was ist mit der Wunschmaschine?“, fragte der kleine Drache.

„Du hast recht!“, rief das Sams. „Die Wunschmaschine gab es vorher noch nicht. Es ist die erste und einzige auf der Welt. Erst ein Wunsch hat gemacht, dass es sie gibt!“

„Und dein Wunsch hat gemacht, dass es mich gibt!“, ergänzte der Drache.

„Ich habe mich sowieso gewundert, dass Drachen wie du richtig echt und lebendig sind“, sagte das Sams. „Drachen kommen doch nur in Märchen oder Sagen vor.“ (Maar 2020a, 63f.; vgl. Wicke 2020)

Die anfängliche Frage „Wo kommst du denn her?“ (Maar 2020a, 63) wird hier gleichsam parodistisch überhöht auf verschiedene Schöpfungsdiskurse bezogen. „Ex nihilo nihil fit“, diese Formel der griechischen Antike, die sich etwa bei Aristoteles findet, besagt, dass aus nichts nichts entstehen kann. In der christlich-biblischen Welt hingegen lässt sich von einem Schöpfungsakt ausgehen, den man als „Creatio ex nihilo“, als Schöpfung aus dem Nichts, verstehen kann (vgl. etwa Schwanke 2004, 40-48). „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist“, heißt es beispielsweise im neutestamentlichen Hebräerbrief (11,7).

Zunächst ist es sicher ungewöhnlich, dass im Kinderbuch solche zusätzlichen Deutungsebenen durchschimmern. Paul Maar überführt die Schöpfungsdebatte am Schluss jedoch außerdem in einen literaturtheoretischen Kontext, wenn eine fantastische Figur die andere ins Reich der Märchen und Sagen verweist und ihren Realitätsstatus anzweifelt. Das ist einerseits eine ironische Wendung, andererseits erinnert sie an eine ähnliche Debatte aus der Welt des Kriminalromans. Wenn Sherlock Holmes und Doktor Watson sich in Eine Studie in Scharlachrot kennen lernen, sagt Watson: „Sie erinnern mich an Dupin von Edgar Allan Poe. Ich hatte keine Ahnung, daß solche Individuen außerhalb von Erzählungen existieren“ (Conan Doyle 2012, 34).

Für die fantastiktheoretische Debatte kann festgehalten werden, dass es offensichtlich auch im Kosmos der Sams-Romane mehrere sekundäre Parallelwelten gibt, aus der einerseits die Samse stammen, andererseits der blaue Drache kommt. Dass die Diskussionen darüber intrafiktional ausgetragen wird und auf opponierende Schöpfungsdiskurse zwischen Antike und Christentum verweist, belegt den kinderliterarischen Anspruch Paul Maars sowie die Mehrfachadressiertheit seiner Werke.

Das ‚Serapiontische Prinzip‘ in der Kinderliteratur

In Schwebende Fische, dem ersten Kapitel aus seiner Autobiographie Wie alles kam, erzählt Paul Maar 2020 von einem wunderlichen Ereignis aus seiner Kindheit:

Mit einem Mal ist das Zimmer mit blauer Luft gefüllt und in diesem Blau sehe ich Fische und fischähnliche Tiere schweben. Ich weiß, dass ich nicht träume. […] Ich ahne zwar, dass diese Kreaturen nicht real sind, drehe aber immer mal am Gehirnschalter, um mich zu vergewissern, dass ich noch in Omas Schlafzimmer im Bett liege. Es ist nicht einfach, aber ich kann mich in die Realität zurückversetzen. (Maar 2020b, 9)

Maar pendelt im Halbschlaf oder einem Trancezustand zunächst zwischen Realität und Trug hin und her, gerät dann aber in Panik: „Ich schaffe es nicht mehr, in die Realität zu wechseln“. Als es ihm schließlich „mit letzter Willenskraft“ gelingt, den Rückweg in die Wirklichkeit zu finden, weiß er: „Nie mehr darf ich den Weg in diese andere Welt zulassen!“ (Maar 2020b, 10) Ein solch ungewöhnlicher Einstieg in einen autobiographischen Text lässt sich auch als poetologisches Zeugnis lesen (vgl. Wicke 2021): Die Grenze zwischen Realität und Fantasie, zwischen Wirklichkeit und Wahn wird immer wieder überschritten, am Schluss steht jedoch die Rückkehr in die Realität, sie muss der Ankerpunkt aller Fantasie sein und bleiben. Mit diesem Postulat lässt sich eine Verbindung zu jenem ‚Serapiontischen Prinzip‘ herstellen, das E.T.A. Hoffmann in der Rahmenhandlung seiner ab 1819 erschienenen Serapions-Brüder entwirft:

Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem fantastischen Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein, und sei eigentlich der wunderbar herrlichste Teil desselben. (Hoffmann 2008, 721)

E.T.A. Hoffmann ist der Schriftsteller, von dem Paul Maar vielleicht am stärksten beeinflusst ist, nicht nur weil beide einen biographischen Bezug zu Bamberg haben. Immer wieder spielt Maar – vor allem in Ein Sams für Martin Taschenbier – mit Motiven aus Hoffmanns Werk (vgl. Lange 2000) und Familie Taschenbier wohnt zwischenzeitig in der Amadeus-Hoffmann-Straße. Auf der anderen Seite sind Hoffmanns Kunstmärchen für die literaturgeschichtliche Entwicklung der Fantastik zentral, sodass Carl Pietzcker (2004) Hoffmanns Nussknacker und Mausekönig im Titel eines Aufsatzes zum Gründungstext der Phantastischen Kinder- und Jugendliteratur apostrophiert.

Auch in den Sams-Romanen Paul Maars ist die Sekundärwelt weder ein Schonraum, in dem man sich verlieren soll, noch dient das Spiel zwischen primärer und sekundärer Welt der reinen Zerstreuung. Vielmehr gilt das ‚Serapiontische Prinzip‘ E.T.A. Hoffmanns ebenfalls in den Kinderbüchern Paul Maars: Die fantastischen Welten müssen fest in der Realität verankert sein, Fantastik und Psychologie sind in seinem Œuvre eng miteinander verknüpft.

Dass dem Sams eine psychologische Funktion im Erziehungsprozess von Herrn Taschenbier zukommt, ist unübersehbar, es steht gleichsam symbolisch für dessen unterdrückte Triebe. Und so wie Ulf Abraham (2012, 178) in seiner Studie Fantastik in Literatur und Film davon ausgeht, „dass sich die Literarische Fantastik auf ihre ganz eigene (der realistischen Literatur nicht zu Gebote stehende) Art an dem psychologischen Diskurs beteiligt“, überschneidet sich auch in Maars Sams-Bänden die psychoanalytische Deutung der Figuren (vgl. Lange 2007 sowie Neuhaus 2007) mit der fantastischen Faktur des Texts.

Fantastisch oder emanzipatorisch?

Die Fantastik in Paul Maars Werken kann zwar in Bezug zur Literatur der Romantik gesehen werden, seine schriftstellerischen Anfänge liegen hingegen um 1970, also in einer Zeit, in der auf dem Buchmarkt vor allem realistische, sozialkritische, problemorientierte und emanzipatorische Kinderliteratur goutiert wird. Fantastische Texte dagegen nähmen das Kind nicht als mündiges Wesen ernst, sondern entführten es in Traumwelten und beförderten dadurch eine eskapistische Tendenz. Michael Ende wurde – als Verfasser fantastischer Literatur – immer wieder mit diesem Vorwurf konfrontiert und flieht deswegen 1970 nach Italien (vgl. Müller 2013, 38-41), aber auch Paul Maar hadert mit dem kinderliterarischen Paradigmenwechsel und der damit verbundenen Normativität. Am 11.1.1974, kurz nach dem Erscheinen von Eine Woche voller Samstage, schreibt er an Silke und Uwe Weitendorf vom Oetinger Verlag:

Wenn man die Literatur über Kinderbücher liest und vor allen Dingen die Sendungen des Fernsehens, die sich mit Kinderliteratur beschäftigen, verfolgt, stellt man fest: Seit einigen Jahren zählt nur noch ein Maßstab, um ein Kinderbuch zu einem guten Kinderbuch zu machen. Es zählen nicht literarische Qualitäten und auch nicht Phantasie oder Poesie, es zählen (in der Kritik!) nur noch Realitätsbezogenheit und emanzipatorische Absichten. […] Damit es klar wird, was ich überhaupt meine, hier ein ganz konkretes Beispiel: „Eine Woche voller Sams-Tage“ enthält 2 Elemente: a) das Phantastische, verkörpert durch das Sams. b) Von der Geschichte her, wird geschildert, wie sich – durch die Hilfe des Sams – Herr Taschenbier emanzipiert. Es wird gezeigt, vor wem er Angst hat, von wem er abhängig ist, es werden Wege gezeigt, die Angst zu überwinden. Wenn das Sams verschwindet, hat sich auch Herr Taschenbier gewandelt.

Maar ist aber gleichermaßen bewusst, dass mit dem Wandel in der Kinderliteratur um 1970 entsprechende Marktmechanismen verbunden sind. In seinem Brief heißt es weiter:

Nun gibt es zwei Käuferschichten. Die eine kauft naiv, unbeeinflußt durch Kritik. Ihr wird vielleicht das Titelbild gefallen, sie kauft das Buch. Die andere ist durch die Kritik programmiert. Buchhändler haben mir erzählt, daß eine bestimmte Käuferschicht das Sams als zu wirklichkeitsfremd ablehnt (ohne es natürlich gelesen zu haben, nur vom Titel und vom Waschzettel her). Ich meine nun, daß man auch die zweite Käuferschicht erreichen könnte, und zwar mit Hilfe des Waschzettels, des Inhaltsverzeichnisses. Indem man im Inhaltsverzeichnis nicht noch einmal das phantastische Element betont, sondern den Realitätsbezug, das Emanzipatorische. Noch konkreter: Der Oetinger-Kurztext: „Wer hat eine Nase wie ein Schweinerüssel, borstige Haare … etc. Das kann natürlich nur ein Sams sein!“ Im Vergleich dazu der Kurztext, den Frau […] für die Kurzbesprechung im Stern gewählt hat: „Der brave Taschenbier lernt vom frechen Sams, sich zu behaupten.“ Beim Lesen des ersten Textes (der möglicherweise sogar von mir selber stammt, nur: da stand er als ein Satz in einem anderen, großen Zusammenhang) denkt man: „Aha, eine nette, niedliche Koboldgeschichte, so à la Pumuckl. Dabei wollte ich aber keine nur lustige Koboldgeschichte schreiben, in der Streiche wahllos, nur des Spaßes wegen gespielt werden, die Zusammenfassung des Inhalts von Frau […] kommt eigentlich viel näher an das heran, was ich beim Schreiben wollte.

Der Idee, dass fantastische Motive nicht für sich stehen, dass sie keine reine Unterhaltungsfunktion haben oder eskapistische Wunschfantasien der Leserinnen und Leser befriedigen sollen, sondern – zumindest auch – eine psychologische Relevanz im Text haben, ist Paul Maar treu geblieben. Sie findet sich in vielen weiteren seiner Werke. Im Rahmen der zweiten Verfilmung von Lippels Traum geht er noch einmal explizit auf den Zusammenhang von Fantastik und Psychologie ein und sagt 2009 in einem Interview:

Ich war ein bisschen auf der 68er-Schiene. Damals hat man gesagt, fantastische Geschichten für Kinder seien schlecht, weil man sie damit von der Wirklichkeit ablenken, inaktiv machen und in eine Fantasiewelt entführen würde. Da ich aber fantastische Bücher geschrieben habe, hatte ich immer ein paar Selbstzweifel […]. Inzwischen habe ich unter anderem durch meine Frau, die Psychologin und Familientherapeutin ist, mehr über die Kraft des Träumens und vor allen Dingen auch über das Tagträumen gelernt. Die Psychologen sind der Meinung, dass es sehr stabilisierend für die Seele, die Psyche, sein kann, wenn man sich für Momente aus der Wirklichkeit zurückzieht, sich innerlich fasst, in einer schönen Welt lebt, dadurch Kraft schöpft und wieder in die Wirklichkeit hineingeht. Also das genaue Gegenteil: nicht Flucht aus der Realität, sondern Träume und Tagträume als Kraftquelle. (Stiletto 2009)

Was Maar im Interview auf Lippels Traum bezieht, lässt sich auf die Rezipientinnen und Rezipienten der Sams-Romane übertragen. Im Sinne eines prodesse et delectare können sie Herrn Taschenbiers Erziehung zur Mündigkeit kritisch verfolgen und sich gleichzeitig unterhalten lassen, indem sie in die Fantasiewelt des Sams eintauchen. Insgesamt müssen sich die hier skizzierten Lesarten also keineswegs widersprechen: Die Sams-Romane lassen sich in der Fortführung romantischer Fantastik verorten und bedienen gleichermaßen den Markt seit den 1970er Jahren. Sie können einerseits als fantastische oder unterhaltsame, andererseits als psychologische Texte rezipiert werden. Fantastik ist in der literarischen Welt des Sams untrennbar mit einer emanzipatorischen respektive katalysatorischen (vgl. Lange 2007, 62) Funktion verbunden.

Auch wenn die Fantastik im Œuvre Paul Maars zahlenmäßig überwiegt, ist für ihn der realistische Gehalt dieses Genres zentral. Das hat der Bezug zu E.T.A. Hoffmann gezeigt, der dem „fantastischen Zauberreich“ und der „Himmelsleiter“ ganz ausdrücklich eine „Basis […] im Leben“ (Hoffmann 2008, 721) verordnet. Das belegt darüber hinaus Maars Wunsch, den Klappentext zu ändern und hier den realistischen bzw. emanzipatorischen Aspekt hervorzuheben. Schließlich betont er in Interviews immer wieder, die eigentliche Hauptfigur sei Herr Taschenbier und das Sams habe erst allmählich ein Eigenleben entwickelt: „Ich gehe immer von der Wirklichkeit aus, erst dann kommt das phantastische Wesen hinzu. Meine Geschichten sind oft wie ein Fluss, in dem an einer Engstelle plötzlich ein Zweig hängen bleibt“, so beschreibt er sein Fantastik-Konzept in einem Gespräch mit Uwe Ebbinghaus (2012). „Er braucht einen Schubs, um weiter schwimmen zu können. Den bekommt er oft durch meine phantastischen Figuren.“

 Literatur

  • Maar, Paul: Eine Woche voller Samstage. Hamburg: Oetinger 1973.
  • Maar, Paul: Am Samstag kam das Sams zurück. Hamburg: Oetinger 1980.
  • Maar, Paul: Neue Punkte für das Sams. Hamburg: Oetinger 1992.
  • Maar, Paul: Ein Sams für Martin Taschenbier. Hamburg: Oetinger 1996.
  • Maar, Paul: Sams in Gefahr. Hamburg: Oetinger 2002.
  • Maar, Paul: Onkel Alwin und das Sams. Hamburg: Oetinger 2009.
  • Maar, Paul: Sams im Glück. Hamburg: Oetinger 2011.
  • Maar, Paul: Das Sams feiert Weihnachten. Hamburg: Oetinger 2017.
  • Maar, Paul: Das Sams und der blaue Drache. Hamburg: Oetinger 2020a.
  • Maar, Paul: Vom Lesen und Schreiben. Reden und Aufsätze zur Kinderliteratur. Hamburg: Oetinger 2007.
  • Maar, Paul: Wie alles kam. Roman meiner Kindheit. Frankfurt/Main: Fischer 2020b.
  • Abraham, Ulf: Fantastik in Literatur und Film. Eine Einführung für Schule und Hochschule. Berlin: Erich Schmidt 2012.
  • Conan Doyle, Arthur: Eine Studie in Scharlachrot. Roman. Übers. v. Gisbert Haefs. 6. Aufl. Berlin: Insel 2012.
  • Dangel, Judith: Passagen, Schwellen, Übergänge. In: Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hg. v. Hans Richard Brittnacher und Markus May. Stuttgart/Weimar: Metzler 2013. S. 441-447.
  • Durst, Uwe: Theorie der phantastischen Literatur. Berlin: Lit Verlag 2007.
  • Ebbinghaus, Uwe: Paul Maar im Gespräch. Woher kommen die Sams-Eier, Herr Maar? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.4.2012.
  • Hoffmann, E.T.A.: Die Serapions-Brüder. Hg. v. Wulf Segebrecht. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 2008.
  • Lange, Günter: Das Sams und das fremde Kind. In: Volkacher Bote (2000) 71. S. 12-17.
  • Lange, Günter: Paul Maars Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I. Baltmannsweiler: Schneider 2007.
  • Müller, Linda: Einmal Phantásien und zurück. Michael Endes Unendliche Geschichte – Hintergründe, literarische Einflüsse und Realitätsbezüge. Marburg: Tectum 2013.
  • Neuhaus, Stefan: Vom antiautoritären Kindermärchen zum postmodernen Film? Die Verwandlungen des Sams. In: Revista de Filología Alemana (2007) 15. S. 111-125.
  • Nikolajeva, Maria: The Magic Code. The use of magical patterns in fantasy for children. Stockholm: Almqvist & Wiksell 1988.
  • Pietzcker, Carl: Nussknacker und Mausekönig. Gründungstext der Phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: E.T.A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Hg. v. Günter Saße. Stuttgart: Reclam 2004. S. 182-198.
  • Schwanke, Johannes: Creatio ex nihilo. Luthers Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts in der Großen Genesisvorlesung (1535-1545). Berlin/New York: de Gruyter 2004.
  • Stiletto, Stefan: „Entwickle deine Fantasie, denke dir etwas aus“. Interview mit Paul Maar. 2009. URL: https://www.kinofenster.de/filme/archiv-film-des-monats/kf0910/paul_maar_0910/.
  • Wicke, Andreas: Maar, Paul: Wie alles kam. Roman meiner Kindheit. 2021. URL: https://www.kinderundjugendmedien.de/kritik/fachbuecher/5305-maar-paul-wie-alles-kam-roman-meiner-kindheit.
  • Wicke, Andreas: Maar, Paul: Das Sams und der blaue Drache (Hörspiel). 2020. URL: https://www.kinderundjugendmedien.de/kritik/hoerspiele-und-buecher/4660-maar-paul-das-sams-und-der-blaue-drache-roman-und-hoerbuch.
  • Wünsch, Marianne: Phantastische Literatur. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. III. Hg. v. Jan-Dirk Müller. Berlin/New York: de Gruyter 2007. S. 71-74.

 

[Der Abdruck der Auszüge aus der Verlagskorrespondenz erfolgt mit freundlicher Genehmigung Paul Maars und der Silke Weitendorf Stiftung. Offensichtliche Fehler in den Briefen wurden stillschweigend korrigiert.]

 

So zitieren Sie diesen Text:

Andreas Wicke: Fünfzig Jahre voller Samstage. Paul Maars Sams-Romane (2023). URL: https://sams.kinderundjugendmedien.de/